Konjunktur

02. Dezember 2010 07:45; Akt: 02.12.2010 12:42 Print

Boom im Inland, Flaute im Export

von Balz Bruppacher - Auch im dritten Quartal ist die Wirtschaft deutlich gewachsen. Der Boom im Inland hilft der Schweizer Wirtschaft vorerst über die negativen Folgen des starken Frankens für den Export hinweg.

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Die am Bruttoinlandprodukt (BIP) gemessene Wirtschaftsleistung erhöhte sich im dritten Quartal dieses Jahres gegenüber dem Vorquartal um 0,7 Prozent, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) heute mitteilte. Das Wachstumstempo hat sich damit nur geringfügig verlangsamt. Im Vergleich zum Vorjahresquartal nahm das BIP sogar um 3,0 Prozent zu. Die Zahlen liegen im Rahmen der Erwartungen der Bankökonomen und lösten keine nennenswerten Reaktionen auf den Märkten aus.

Dennoch sind dem Datenkranz interessante Details zu entnehmen. «Es tut sich eine zunehmende Kluft zwischen dem Binnensektor, der extrem gut läuft, und dem Aussenhandel auf, der leidet», sagte der UBS-Ökonom Caesar Lack auf Anfrage von 20 Minuten Online. Er verwies auf das hohe Quartalswachstum der Inlandnachfrage von 2,2 Prozent. Auf das Jahr hochgerechnet seien dies über neun Prozent. «Das grenzt an Überhitzung», sagte Lack.

SECO-Chefökonom Aymo Brunetti unterstrich, dass die Binnennachfrage breit abgestützt sei. So nahm der private Konsum, der knapp 60 Prozent zum BIP beisteuert, um 0,3 Prozent zu, nachdem er im zweiten Quartal stagniert hatte. Der Konsumentenstimmung förderlich sind die sinkenden Arbeitslosenzahlen und die Aussichten auf Lohnerhöhungen. Die starke Konsumnachfrage wird auch durch die neuesten Zahlen aus dem Detailhandel untermauert. Im Oktober stiegen die Umsätze real und saisonbereinigt gegenüber dem Vormonat um 1,4 Prozent, wie das Bundesamt für Statistik soeben mitteilte. Prozentual noch stärker als der Konsum wuchsen die Investitionen im Bau und für die Ausrüstungen.

Erste Bremseffekte im Aussenhandel

Anders das Bild im Aussenhandel: Erstmals seit fünf Quartalen gingen die Exporte im Berichtsquartal wieder zurück, und zwar um deutliche 3,0 Prozent. Ausschlaggebend für den Rückschlag waren vor allem die Dienstleistungsexporte, zu denen auch der Tourismus gehört. Sie brachen im Vergleich zum Vorquartal um 7,0 Prozent ein. Allerdings hat dies kaum mit dem Fremdenverkehr zu tun. Vielmehr schwanken die Dienstleistungsexporte wegen der Entwicklung des Transithandels sehr stark, wie Brunetti erklärte. Transaktionen der grossen Rohwarenhändler mit Sitz in der Schweiz schlagen sich hier nieder.

Dennoch ist es gemäss dem SECO-Chefökonomen plausibel, dass im Aussenhandel erste Bremseffekte der Aufwertung des Frankens zu sehen sind. Die um Wertsachen bereinigten Warenausfuhren sanken um 0,2 Prozent, nachdem sie im Vorquartal noch um 0,5 Prozent und vor einem Jahr sogar um 4,2 Prozent gewachsen waren. Der starke Franken habe sich möglicherweise sogar stärker als erwartet ausgewirkt, sagte UBS-Ökonom Lack. Wie stark der konjunkturelle Bremseffekt der Frankenaufwertung ist, werden erst die kommenden Monate zeigen. Wichtiger für den Verlauf des Aussenhandels ist im Urteil der Ökonomen die Konjunkturentwicklung im Ausland.

Grosse Unsicherheiten für 2011

Die jüngsten Zahlen zum Wirtschaftswachstum bilden auch die Grundlage für die Konjunkturprognosen für das kommende Jahr. Die meisten Ökonomen rechnen mit einer Abschwächung des Wachstums unter die Zwei-Prozent-Marke, jedoch nicht mit einem eigentlichen Absturz. Allerdings bleiben die Unsicherheiten wegen der Schuldenkrise im Euroraum und der Konjunkturflaute in den USA gross.

In diesem Umfeld wird die Schweizerische Nationalbank in zwei Wochen eine neue Lagebeurteilung über ihre Geldpolitik vornehmen. Allgemein wird erwartet, dass sie den Leitzins noch nicht erhöht und die Geldschleusen offen lässt.
Während die meisten Ökonomen auch in der ersten Jahreshälfte 2011 keinen Kurswechsel der Währungshüter erwarten, hält die UBS schon im Frühling eine Leitzinserhöhung für möglich. Das Auseinanderdriften von Binnenkonjunktur und Aussenhandel mache die Aufgabe für die Nationalbank aber extrem schwierig, sagte Lack.

gemäass heute publizierten Daten von Eurostat