Das denken CS-Mitarbeiter

01. Oktober 2019 17:57; Akt: 01.10.2019 18:03 Print

«Es ist eine Fehde von Alphatieren»

von Mira Weingartner - Was in der Chefetage der Credit Suisse derzeit los ist, sorgt auch bei den Mitarbeitern für Diskussionen. Zur Bespitzelungsaffäre ihrer Bosse haben viele eine klare Meinung.

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Ausnahmezustand bei der Credit Suisse: Am Dienstagvormittag informierte der Verwaltungsrat über die Folgen der Bespitzelungsaffäre. Medien sind am Paradeplatz noch immer vor Ort. Man versucht, sich vor Ort einen Durchblick zu verschaffen. Gleichzeitig herrscht bei der Credit Suisse im Uetlihof im Kreis 3 beinahe Normalzustand. Die Mitarbeiter verrichten wie gewohnt ihre Arbeit. Dennoch hat man auch hier eine Meinung. Für einen Mitarbeiter ist so klar: Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen. Man fragt sich, ob noch weitere Leute aus der Chefetage gehen müssen. Die Verantwortlichen der Credit Suisse zogen am Dienstagmorgen aus der Bespitzelungsaffäre ihre Konsequenzen. «Die Überwachung von Iqbal Khan war falsch und unverhältnismässig», heisst es in einer Mitteilung der Grossbank am Dienstag, 1. Oktober 2019. Der operative Chef Pierre-Olivier Bouée und der operative Sicherheitschef Remo Boccali treten per sofort zurück. Konzernchef Tidjane Thiam bleibt. Er habe die Überwachung nicht angeordnet. Für die Credit Suisse war die vergangene Woche eine schwierige. (Im Bild: VR-Präsident Urs Rohner und CEO Tidjane Thiam) Der Aktienkurs der Bank sackte vom Freitag, 20. September, bis Freitag, 27. September, um 5,8 Prozent ein. In diesem Zeitraum kamen zunehmend Details zum Bankerzoff zwischen CEO Tidjane Thiam und dem Ex-CS-Mann Iqbal Khan ans Licht. Das Finanzinstitut büsste fast 2 Milliarden Franken an Börsenwert ein. «Das hat sicher auch mit den negativen Berichten zu tun, denn einige Anleger reagieren sensitiv auf Reputationsrisiken», sagt Andreas Venditti, Bankanalyst der Bank Vontobel. Zwar lief es für die gesamte Schweizer Börse im gleichen Zeitraum eher schlecht. Analysten nennen die Unsicherheit um das Amtenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump als einen der Hauptgründe für den Knick im Kurs. Der SMI wie auch die UBS-Aktie begannen sich aber bereits ab Mittwoch zu erholen. Anders ist es bei der Credit Suisse: Hier kam das Wochentief erst am Freitag. Der Streit zwischen Thiam und Khan kostet die Bank nicht nur Geld an der Börse, sondern auch Reputation, wie Reputationsexperte Bernhard Bauhofer (Bild) zu 20 Minuten sagt: «Diese Geschichte trägt weiter dazu bei, dass die Schweizer Bankenbranche an Glaubwürdigkeit verliert.» Genau beziffern lasse sich dieser Reputationsschaden aber nicht. Nun bestehe die Gefahr, dass es zu einer Führungskrise komme. Sollte der jetzige CEO seinen Posten bei der CS verlieren, wäre VR-Präsident Urs Rohner (Bild), der Thiam einst als idealen Kandidaten zur Bank geholt hatte, gefordert, innert Kürze einen weniger kontroversen Nachfolger aufzubieten. Tidjane Thiam und Iqbal Khan sind Nachbarn. Thiams Villa mit Rundbau steht neben Khans Backsteinhaus. Auf Google Maps ist Khans Haus noch im Aufbau. Zwei Jahre habe die Bauphase gedauert, der Lärm sorgte für Spannung zwischen den Topmanagern. Wegen zwei Bäumen zwischen Thiams Villa und Khans Backsteinhaus kam es dann an einer Cocktailparty zum grossen Streit. Eine Zürcher Filiale der Credit Suisse besudelt von Vandalen am 1. Mai 2019. Der Name der Grossbank wird derzeit von einer hausgemachten Affäre befleckt und alarmiert Aktionäre. Vor seinem Wechsel zur UBS sorgt eine Posse um den ehemaligen Credit-Suisse-Spitzenmanager Iqbal Khan für Schlagzeilen. Der bekannte Bankmanager ist offenbar beschattet worden. Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft erklärte am Montag, sie habe aufgrund einer Anzeige von Khan ein Strafverfahren wegen Nötigung oder Drohung eröffnet. Im Mittelpunkt der Affäre steht ein Streit zwischen CS-Chef Tidjane Thiam (im Bild) und Khan. Khan hat die CS zu äusserst vorteilhaften Konditionen verlassen. Seine ehemalige Arbeitgeberin, die Credit Suisse, liess Iqbal Khan beschatten. Laut dem Präsidenten des Schweizerischen Verbands der ausgebildeten Privatdetektive sind diese allerdings dilettantisch vorgegangen. Seltsam ist, dass ein Banker in einer derart hohen Position eine nur dreimonatige Kündigungsfrist hat. Auch gilt in einem solchen Fall in der Regel ein Konkurrenzverbot. Dass Khan schon im Oktober die Vermögensverwaltung der UBS übernimmt, ist höchst unüblich. Iqbal Khan gilt als Kronprinz von UBS-Chef Sergio Ermotti. Er wird die Sparte bei der UBS zusammen mit Tom Naratil leiten. Co-Chef Martin Blessing tritt hingegen zurück.

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Am Zürcher Finanzplatz herrschte am Dienstagmorgen erneut Ausnahmezustand: Der Verwaltungsrat trat vor die Medien und zog aus der Bespitzelungsaffäre rund um ihren Ex-Starmitarbeiter Iqbal Khan Konsequenzen: Der Sicherheitschef sowie der COO müssen die Schweizer Grossbank verlassen, teilte Verwaltungsratspräsident Urs Rohner mit.

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Weiter ausserhalb, im Uetlihof, wo rund 5500 Credit-Suisse-Mitarbeiter täglich ihrer Arbeit nachgehen, herrscht kurz nach der Pressekonferenz des Verwaltungsrats scheinbar Normalbetrieb: Banker in weissen Hemden und dunklen Stoffhosen stehen rauchend und auf das Smartphone starrend vor dem grossen Bürogebäude im Zürcher Kreis 3. Bankerinnen passieren eilig und mit eleganten Hosenanzügen die Türen mit der Aufschrift «Staff». Ein Thema jedoch dominiert all ihre Gespräche: In der Rauchpause, an der Tramstation oder beim Kaffeetrinken wird über die hausgemachte Bespitzelungsaffäre gesprochen.

Ein Drama aus der Chefetage

Während die CS-Angestellten untereinander diskutieren, geben sie sich gegenüber den Medien wortkarg – «uns wurde ein Maulkorb verpasst, wir dürfen uns nicht äussern», sagt eine Mitarbeiterin. Eine andere Frau, die ebenfalls im Uetlihof für die CS arbeitet, wird bei entsprechenden Fragen gar etwas wütend: «Ich sage nichts. Ich würde Ihnen nicht einmal sagen, wie gut oder schlecht der Kaffee hier bei uns in der Credit Suisse ist», meint sie wirsch.

Doch nicht alle stellen sich so solidarisch hinter ihren Arbeitgeber. An allen Ecken bekommt man Einschätzungen der Mitarbeiter zu hören. Dabei zeigt sich: Direkt betroffen fühlen sich viele CS-Angestellte nicht: «Dieses Drama spielt sich in einer ganz anderen Sphäre ab – oben bei den Chefs halt», sagt ein Mitarbeiter zu 20 Minuten. Man merke im Berufsalltag wenig vom ganzen «Tohuwabohu», meint auch eine Kollegin – «wir erfahren eigentlich auch alles nur aus der Presse».

Rollen noch weitere Köpfe?

In den letzten Tagen haben sie sich selber eine Meinung rund um ihre Chefs gebildet: «Das ist doch eine klassische Fehde unter Alphatieren», sagt ein Controller zu 20 Minuten. Er glaube nicht, dass die CS mit dieser Sache durchkommen wird. Das letzte Wort sei noch nicht gesprochen: «Man kann doch keinen glauben machen, dass Thiam nicht wusste, dass einer seiner engsten Kollegen Iqbal Khan bespitzeln liess.» Er stellt sich deshalb die Frage: «Jetzt können sich Thiam und Rohner noch halten – aber wie lange noch?»

Auch Banker, die direkten Kundenkontakt haben, bezeichnen die jetzige Situation als schwierig. Sie spüren erste Folgen des Skandals: «Die Kunden sind skeptisch – ich hoffe, die Lage beruhigt sich trotz allem so schnell wie möglich», sagt ein älterer Banker. Jetzt, wo die Affäre auch noch vom tragischen Suizid des Privatermittlers überschattet wird, werde es aber nur noch schwieriger.

Während sich die Kollegen weiter austauschen, setzt sich ein junger Banker neben sie ins Tram. Er telefoniert. Auch in diesem Gespräch scheint die Bespitzelungsaffäre ein Thema zu sein. Denn zu seinem Gesprächspartner sagt er: «Letztendlich gibt es keine ganze Wahrheit in dieser Sache.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • tjt am 01.10.2019 18:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    CS-Führung unglaubwürdig

    Die ganze Spitze sollte abgelöst werden und ohne goldene Fallschire. Es ist unglaubwürdig, dass T. Thiam von nichts wusste inbesondere weil Bouee ein Busenfreund Thiams ist. Schande für den Bankenplatz Zürich.

  • Bruder Motzi am 01.10.2019 18:10 Report Diesen Beitrag melden

    Alphatiere????

    Ich finde sie eher primitive, asoziale Wadenbeisser, nicht mehr und nicht weniger.

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  • Schmetterding am 01.10.2019 18:08 Report Diesen Beitrag melden

    Nein, ist es nicht

    Es ist ein Streit unter Kindergärtnern. Solche Leute haben auf solchen Posten nichts verloren und gehören umgehend entlassen und durch Erwachsene ersetzt. Da fällt mir wieder das Lied "Kinder an die Macht" ein. Das kommt dabei heraus.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • alsoadriver am 13.10.2019 18:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Thiam

    war scheinbar sehr erfolgreich an der Elfenbeinküste.. Als was auch immer. Ich denke er sollte dahin zurückgehen.

  • .. am 08.10.2019 09:06 Report Diesen Beitrag melden

    Sozfähigkeiten = 000!!'

    Eine öffentliche Klärung & Entschuldigung ist schon längst fällig. und hat man sich wenigstens um die Familie des toten Securities gekümmert?

  • Hugo Rolli am 06.10.2019 21:28 Report Diesen Beitrag melden

    Herr

    Eine schweizer Grossbank sollte wueder von einem Schweizer geführt werdrn.

  • Stellensuchender am 06.10.2019 08:58 Report Diesen Beitrag melden

    Suche Job als professioneller Sündenbock

    Hab noch freie Kapazität - bestens geeignet fürs obere Bankenkader! Ich tu nichts und bin dann an allem Schuld, was irgendwie schief läuft. Man darf mich gerne mit Schimpf und Schande entlassen, sofern die Abgangsentschädigung irgendwie stimmt - nehme dabei bis zu einem Jahr Gefängnis bedingt in kauf...

  • Burgdorfer P am 05.10.2019 09:50 Report Diesen Beitrag melden

    The buck stops here ...

    ... (wie es im Büro vom ehem. U.S. Präsidenten Harry S. Truman stand) wäre auch hier passend. Der Chef sein heisst eben nicht nur das grosse (zu grosse) Salär) beziehen, sondern auch Verantwortung für den Betrieb übernehmen. Im Klartext: sich entschuldigen dass so was überhaupt passiert ist und dann den Hut nehmen. Und wenn Thiam so gut ist wie viele sagen, dann wird er bestimmt wieder irgendwo unterkommen. Und wenn nicht, nothing lost ...

    • alsoadriver am 13.10.2019 18:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Burgdorfer P

      ..so als "Falschuhrenverkäufer" am Strand mit Bauchladen...Das kriegt er sicher hin und richtet weiter keinen Schaden an.

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