Aufstand in Libyen

03. März 2011 07:14; Akt: 03.03.2011 07:51 Print

Chinesische Firmen erleiden grossen Schaden

von Christopher Bodeen, AP - Zehntausende chinesische Arbeiter versuchen derzeit, dem Chaos in Libyen zu entfliehen. Derweil werden deren Baustellen geplündert und verwüstet.

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Angestellte chinesischer Firmen verlassen Libyen in Scharen. (Bild: Keystone)

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Die Lage in Libyen macht die Risiken deutlich, denen chinesische Unternehmen mit ihren weitreichenden Investitionen in instabilen afrikanischen Ländern gegenüberstehen. Die Regierung in Peking versucht in einer beispiellosen Aktion, die Evakuierung voranzutreiben. Charterflüge, Militärmaschinen und Fähren sollen die Chinesen ausser Landes schaffen, eine Fregatte der Marine wurde zum Schutz der eigenen Bürger an die Küste Libyens entsandt.

Seit Mittwoch vergangener Woche sind 32 000 Chinesen ausgeflogen worden, die meisten von ihnen Arbeiter bei Bauprojekten oder Experten auf Ölfeldern. 3000 weitere warten laut chinesischem Aussenministerium im Süden des Landes noch auf eine Evakuierung.

Verluste für chinesische Unternehmen

Zwar gibt es keine Berichte über getötete oder verletzte Chinesen in Libyen, chinesische Investitionen im Land haben allerdings grossen Schaden genommen. Unternehmen und Baustellen wurden geplündert, der Bau an einem halb fertiggestellten Sozialwohnungsprojekt musste vorerst eingestellt werden. Laut der staatlichen China State Construction Engineering Corp ist die Zukunft des Projekts im Umfang von 1,94 Milliarden Euro ungewiss.

Auch die China Railway Construction Corp zeigt sich besorgt über das Schicksal von drei verschiedenen Projekten im Gegenwert von über drei Milliarden Euro, vor allem wegen des Verlusts von Baumaterialien und Ausrüstung. Insgesamt hat China Verträge im Wert von 13 Milliarden Euro in Libyen angeschlossen, sagt Wang Suolao, Nahost-Experte an der Universität von Peking. Es sei allerdings noch zu früh, die Höhe der Verluste einzuschätzen.

Notfallpläne

Die Revolte in Libyen mache jedenfalls die Notwendigkeit von Notfallplänen für chinesische Investitionen in Afrika deutlich, meinen Analysten. «Ein Argument ist, dass China es sich nicht leisten kann, sich weiterhin zurückzuziehen. Es sollte aktiv die Interessen seiner Bürger und Unternehmen schützen», meint etwa Jonathan Holslag, Forschungsstipendiat am Institut für zeitgenössische China-Studien in Brüssel. Die schnelle Reaktion in Libyen beweist, dass China diese Aufgabe mittlerweile ernst nimmt - die Möglichkeiten Pekings bleiben aber begrenzt.

Auf der Suche nach Rohstoffen wie Öl, Gas und Kupfer haben chinesische Unternehmen seit Jahren die Gefahren akzeptiert, die politische Instabilität in den afrikanischen Länder mit sich bringt. Etwa in Ländern mit nur teilweise funktionierenden Regierungen wie dem Kongo. Dort baut China Stadien, Strassen und Bahnstrecken, finanziert mit günstigen Krediten der chinesischen Staatsbanken und im Austausch für Zugang zu den Rohstoffen des Landes.

Konkurrenz für lokale Produzenten

Bis 2015 wird China laut der Standard Bank in Südafrika rund 36 Milliarden Euro in Afrika investiert haben, das gesamte Handelsvolumen soll 217 Milliarden Euro betragen.

Die Präsenz Chinas in Afrika wurde von vielen investitionswilligen afrikanischen Staatschefs begrüsst. Schlechte Arbeitsbedingungen für Afrikaner durch chinesische Firmen und der vermehrte Import von Arbeitskräften aus China rief allerdings vielerorts Unmut hervor. Neben Bauprojekten investieren Chinesen mittlerweile auch im Einzelhandel, Nahrungsmittelproduktion und -verarbeitung, oftmals zum Nachteil regionaler Produzenten.

Ineffizienz und Korruption

Der Konflikt ufert mitunter auch in Gewalt aus. So sollen etwa zwei chinesische Bergwerksdirektoren angeklagt werden, nachdem sie in Sambia auf streikende Grubenarbeiter geschossen hatten. Die dortigen Gewerkschaften bemängeln die langen Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung durch chinesischen Firmen. Chinesen wiederum wurden von Algerien bis Äthiopien zu Opfern von Gewalt, Mord und Entführungen.

China hat sich mittlerweile auch den Ruf erarbeitet, Ineffizienz und Korruption in afrikanischen Regierungen auszunutzen, um an Verträge mit den jeweiligen Staaten zu kommen. Laut einer am Dienstag von Wikileaks veröffentlichten Depesche der US-Botschaft in Kenia soll etwa die chinesische Telekom-Firma Huawei ohne Ausschreibung einen Vertrag mit Kenias staatlichem Telefonunternehmen erhalten haben.