Süd-Chemie-Übernahme

16. Februar 2011 09:50; Akt: 16.02.2011 10:00 Print

Clariant muss für Kauf neue Schulden machen

Der Spezialchemiekonzern Clariant übernimmt die Münchner Süd-Chemie für rund 2,5 Mrd. Franken. Die Baselbieter schwenken damit nach jahrelanger Schrumpfkur auf Expansionskurs zurück und schreiben auch wieder Gewinne.

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Süd-Chemie stellt unter anderem Giessereichemikalien, Spezialharze, Batteriekomponenten, Katalysatoren und Schutzverpackungen her. Es handle sich um wachstumsstarke, weniger zyklische Geschäfte als die eigenen, sagte Clariant-Chef Hariolf Kottmann am Mittwoch vor Journalisten.

Auch die Forschungspipeline sei stark und umfasse etwa Materialien für Lithium-Ionen-Batterien und Technologien zur Herstellung von Bioethanol der zweiten Generation.

Clariant hat sich mit den beiden Hauptaktionären der Süd-Chemie auf eine Übernahme derer Anteile von gut 95 Prozent geeinigt und bietet pro Aktie 121 Euro. Das ist ein gutes Geschäft für die Investmentgesellschaft One Equity Partners (OEP), die 2005 rund 39 Prozent der Aktien für 35 Euro pro Stück erworben hatte und 2007 auf einen Mehrheitsanteil von 50,41 Prozent aufstockte.

Neue Aktionäre bei Clariant

Eine Gruppe um die Gründerfamilie und ehemalige Manager will dagegen nicht cash machen, sondern lässt sich ihren Anteil von rund 46 Prozent an Süd-Chemie in Aktien von Clariant wandeln. Das Umtauschverhältnis beträgt 1:8,84. Clariant plant, eine Kapitalerhöhung im Umfang von rund 400 Mio. Fr. durchzuführen.

Gesamthaft beläuft sich die Transaktion auf 2,0 Mrd. Euro respektive 2,5 Mrd. Franken. Wenn die Clariant-Aktionäre die Kapitalerhöhung genehmigen und auch die Wettbewerbsbehörden grünes Licht geben, will Clariant den restlichen Süd-Chemie-Aktionären eine Übernahmeofferte vorlegen.

Süd-Chemie hat für das vergangene Jahr einen Umsatz von 1,225 Mrd. Euro in Aussicht gestellt. Das rund 6500 Angestellte zählende Unternehmen erwirtschaftete einen Betriebsgewinn (EBITDA) von 191 Mio. Euro, die EBIDTA-Marge lag mit 15,6 Prozent über den 12,7 Prozent von Clariant.

Schrumpfkur

Clariant habe ihre umfangreiche Restrukturierung der letzten zwei Jahre erfolgreich abgeschlossen, sagte Konzernchef Kottmann. Im vergangenen Jahr fielen weitere 1360 Stellen weg, nachdem bereits im Vorjahr rund 2600 Arbeitsplätze gestrichen worden waren. Ende 2010 zählte Clariant noch 16 176 Angestellte.

Die Textilsparte wurde grösstenteils nach Asien verlegt. Der Abbau kostete 331 Mio. Franken, hauptsächlich wegen Standortschliessungen. Clariant litt unter Überkapazitäten in der Branche, während die Rohstoffpreise stiegen. Hinzu kamen Strategie- und Managementfehler.

Verkäufe bestehender Geschäfte sehe Clariant nicht vor, sagte Kottmann. Ein neuerlicher Stellenabbau bei Clariant oder Süd-Chemie sei zwar nicht ausgeschlossen, «es gibt aber keinen Masterplan». Die notwendigen Schritte müssten erst mit der Zusammenführung der Unternehmen definiert werden.

Erster Gewinn seit 2005 - neue Schulden für Kauf

Clariant rechnet ab 2013 mit einem positiven Beitrag von Süd- Chemie zum Gewinn pro Aktie. Im vergangenen Jahr schafften die Baselbieter laut weiteren Angaben vom Mittwoch erstmals seit 2005 schwarze Zahlen: Unter dem Strich steht ein Reingewinn von 191 Mio. Fr. nach einem Verlust von 194 Millionen im Vorjahr.

Trotz Frankenstärke stieg der Umsatz 2010 um 8 Prozent auf 7,12 Mrd. Franken, wie Clariant weiter mitteilte. Die Verkäufe lagen aber noch klar unter den 8 Mrd. Fr. im Jahr 2008. Im Schlussquartal 2010 resultierte zudem ein kleiner Umsatzrückgang um 1 Prozent.

Clariant gelang es, 2010 die Cash-Position von 1,1 auf 1,4 Mrd. Fr. aufbauen und die Nettoverschuldung von 545 auf 126 Mio. Fr. drücken. Eine Dividende soll es für 2010 aber noch nicht geben, denn für die Übernahmefinanzierung benötigt Clariant auch 500 Mio. Fr. in bar und 900 Mio. Fr. neues Fremdkapital.

Taucher an der Börse

Analysten reagierten skeptisch auf die Übernahme, während die Resultate im Rahmen der Erwartungen lagen. Die Clariant-Aktie tauchte im frühen Handel um bis zu 10,4 Prozent.

Die Privatbank Wegelin kommentierte, die Führung von Clariant stehe wohl unter Druck, möglichst schnell zu wachsen, sei der Konzern doch als Übernahmeziel gehandelt worden. Auch laut Luzerner Kantonalbank hätten sich die Aktionäre wohl vorerst eher eine Stabilisierung gewünscht.

(sda)