PR-Desaster

12. März 2012 14:25; Akt: 12.03.2012 15:24 Print

Daimler-Konzern schönt Wikipedia-Eintrag

Autobauer Daimler hat unliebsame Informationen über seine Lobbying-Aktivitäten aus seinem Wikipedia-Eintrag entfernt. Nur hat der Konzern nicht mit dem wachsamen Auge der Internetgemeinde gerechnet.

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Daimler-CEO Dieter Zetschke macht am Autosalon in Genf «Daumen hoch» für die neue Mercedes-A-Klasse. (Bild: Keystone)

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Nach aussen möchte man einen guten Eindruck machen. Das gilt nicht nur für den Konzernsitz, das gilt auch für die Firmen-Website – und den Wikipedia-Auftritt. Er ist mitunter ein PR-Instrument geworden. Unternehmen, Prominente und Organisationen schreiben laufend an ihren Einträgen. Allein die deutsche Version des Online-Lexikons wird täglich 40 Millionen Mal angeklickt – da lohnt sich die Pflege.

Das dürfte sich auch Daimler gedacht haben. Der deutsche Autogigant – zu dessen Imperium unter anderem Mercedes, Smart und die Edelmarke Maybach gehören – hat Ende Februar einen kritischen Abschnitt mit dem Übertitel «Lobbying» entfernt. Grundsätzlich sind Änderungen an Wikipedia-Einträgen nichts Besonderes, denn jeder der Internet-Nutzer kann sich bei Wikipedia registrieren und als Autor der Enzyklopädie mitmachen. Anstössig im Fall-Daimler ist: Die Image-Korrektur wurde laut «Spiegel Online» von der IP-Adresse 141.113.85.93 veranlasst, die zum Server von Daimler gehört.

Negativ-Preis für Lobby-Arbeit

Der unliebsame Text informierte darüber, dass Daimler-Benz 2007 zusammen mit BMW und Porsche mit dem «Worst EU Lobbying Award» ausgezeichnet worden war. Die Negativ-Auszeichnung erhielten die Automobilhersteller wegen ihrer Lobby-Arbeit in Brüssel, mit der sie die Höchstwerte für den CO2-Ausstoss von Neuwagen beeinflusst hatten. Im von Daimler gelöschten kritischen Abschnitt war zudem die Rede davon, dass in der Ausschreibungsphase für das deutsche LKW-Mautsystem ein ranghoher Mitarbeiter von DaimlerChrysler im Verkehrsministerium mitgearbeitet hatte. Publik gemacht hatte das die Zeitung «Welt» im Jahr 2008, deren Artikel ebenfalls verlinkt war.

Bei ihrem Image-Korrektur-Zug hatten die PR-Verantwortlichen von Daimler aber nicht mit der aufmerksamen Wikipedia-Gemeinde gerechnet. Einem Benutzer namens «Inkowik» war nämlich aufgefallen, dass der Eintrag im Sinne des Autobauers – und noch schlimmer – von einem Daimler-Computer abgeändert worden war. Er machte die Korrektur wieder rückgängig. Seit 2007 existiert nämlich ein sogenannter Wikiscanner. Damit kann relativ einfach herausgefunden werden, welche Firmen oder Organisationen die Einträge verändert haben.

Wer wars?

Bei Daimler will man von der Korrektur aber nichts wissen. Die Löschung des Abschnitts sei «nicht im Auftrag der Daimler AG» vorgenommen worden. «Offenbar handelt es sich um eigenständige, private Änderungen von Mitarbeitern», so Pressesprecher Florian Martens zu «Spiegel Online». Für diese Erklärung spricht, dass über die genannte IP-Adresse im selben Zeitraum auch andere Einträge verändert hat, beispielsweise jener zu «Victoria von Schweden». Wer genau sich als Zensor betätig hatte, lässt sich laut Daimler aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht ermittelt.

Klar ist: Es ist nicht das erst Mal, dass Daimler an seinem Wikipedia-Eintrag rumgewerkelt hat. Von einer IP-Adresse, die ebenfalls zum Stuttgarter Autobauergehört, wurden in den Jahren 2005 und 2006 insgesamt 24 Änderungen am Eintrag in der Online-Enzyklopädie vorgenommen. Sie hatten allesamt die nationalsozialistische Vergangenheit des Konzerns betroffen. Der Wikipedia-Abschnitt zu Daimlers Rolle im Dritten Reich ist derzeit nur noch etwas mehr als zwei Zeilen lang. So wurde beispielsweise entfernt, dass zum Ende des zweiten Weltkriegs 1100 weibliche KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit in einem Daimler-Flugzeugmotorenwerk eingesetzt worden waren.

Post, UBS, Novartis

Immer wieder waren in der Vergangenheit Fälle bekannt geworden, in denen Firmen oder Privatpersonen ihren Wikipedia-Eintrag geschönt hatten. So soll beispielsweise Microsoft unliebsame Angaben über eigene Produkte geändert haben oder die «Korrektur» sogar gegen Bezahlung veranlasst haben. Aber auch Schweizer Firmen waren oder sind auf Wikipedia aktiv. Von einem Novartis-Computer wurde 2007 das bei Wikipedia geführte Gehalt des damaligen Novartis-CEO Daniel Vasella von 44 Millionen Franken auf 21 Millionen korrigiert. Aber auch die Schweizerische Post strich Kritik aus ihrem Eintrag. Und von einem UBS-Computer wurde 2007 entfernte, dass der damalige Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel durch seinen Umzug in den Kanton Schwyz 3,5 Millionen Franken Steuern gespart hatte. Wikipedia–Wächter hatten diese Änderungen zumeist wieder rückgängig gemacht.

(sas)

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