Nachfrage soll sinken

11. Dezember 2011 13:53; Akt: 11.12.2011 13:53 Print

Das Ende der grossen Party in der Autobranche

von Jan Schwartz, Reuters - Nach zwei Boomjahren ist das Ende der goldenen Zeiten in der Autobranche eingeläutet: Wenn die Hersteller in Detroit ihre Wagen ins Scheinwerferlicht rollen, knallen die Champagnerkorken nicht mehr so oft.

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Die drohenden Staatspleiten in Europa drücken auf die Stimmung in der Autoindustrie. In den Schuldenländern Südeuropas können sich viele Menschen wegen sinkender Einkommen keine Neuwagen leisten. Experten rechnen damit, dass der PW-Absatz im nächsten Jahr dort schrumpfen wird und die Autobauer ihre Werke nicht mehr auslasten können.

Anders als in den vergangenen Jahren können die Hersteller diesmal von den Schwellenländern keine Linderung erwarten. Die PW-Nachfrage in den bisher boomenden Ländern China, Indien und Brasilien steigt zwar, aber langsamer als zuletzt.

In den vergangenen Jahren haben alle grösseren Autobauer vom Hunger der Chinesen nach Mobilität und Statussymbolen profitiert und stampfen dort serienweise neue Fabriken aus dem Boden. Damit entstehen auch dort allmählich Überkapazitäten. Doch noch sind die Fabriken ausgelastet.

Schwierige Lage in Europa

Problematischer ist die Lage in Europa, wo die Märkte ohnehin gesättigt sind und die Hersteller kaum noch neue Nischen finden, um Autos an die Leute zu bringen. «Der grösste Kapazitätsdruck ist in Frankreich, Italien und Spanien zu erwarten», schätzt das CAR-Institut an der Uni Duisburg-Essen. Zu leiden haben darunter vor allem Hersteller, die vom Absatz in Südeuropa abhängig sind wie Fiat, PSA Peugeot Citroën, Renault und Opel.

Institutsleiter Ferdinand Dudenhöffer schätzt, dass in Westeuropa im nächsten Jahr 670 000 Fahrzeuge weniger losgeschlagen werden als 2011. Zwei Fabriken werden damit überflüssig, rechnet der Autoexperte vor: «2012 wird das schlechteste Verkaufsjahr für PW in Westeuropa seit 18 Jahren.»

Opel, das in den roten Zahlen steckt, hat seinen Werken in Saragossa und Eisenach Kurzarbeit verordnet. Der amerikanische Mutterkonzern General Motors (GM) will neuerliche Einschnitte bei den Rüsselsheimern durchsetzen und schliesst weitere Werksschliessungen nicht aus.

Bei Opel sind in der zurückliegenden Sanierungsrunde bereits 8000 der einst 48 000 Stellen in Europa gestrichen worden, die Produktion in Antwerpen wurde eingestellt. Der französische Autobauer Peugeot Citroën will wegen der schrumpfenden Nachfrage 6000 Arbeitsplätze abbauen.

Wettbewerb wird härter

«Die Hersteller müssen sehr genau auf ihre Kapazitäten achten», mahnt der Autoexperte Stefan Bratzel, der das Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach leitet. Angesichts schrumpfender Verkaufszahlen werde der Wettbewerb zwischen den einzelnen Herstellern schärfer.

Bratzel und Dudenhöffer erwarten eine Rabattschlacht mit harten Bandagen. Dadurch werde den Druck auf die Margen vor allem von Renault, Peugeot Citroën und Opel zunehmen. Davon können sich auch Europas Platzhirsch Volkswagen und die erfolgsverwöhnten Oberklassehersteller nicht abkoppeln. «Das Jahr 2012 wird auch für das Europageschäft des Volkswagen-Konzerns, von BMW und Daimler Gewinneinbussen bringen», schätzt Dudenhöffer.

Auch die Ratingagentur Fitch äussert sich besorgt über die Profitabilität der Branche. Die Kreditexperten gehen allerdings davon aus, dass die Branche die Auswirkungen in Grenzen halten kann, da sie ihre Kosten in der zurückliegenden Krise gesenkt habe.

Zudem wollen die grossen japanischen Hersteller - allen voran der einstige Weltmarktführer Toyota - nach der Naturkatastrophe in ihrer Heimat und der Flut in Thailand nun mit Macht verlorenes Terrain zurückerobern. Da sie dies bei stagnierenden Märkten nur durch Rabatte erreichen können, steigt der Preisdruck weiter.

Lichtblick USA - noch

Ihre Hoffnungen richtet die Branche deshalb auf die USA, wo sich die Konsumenten bisher nicht vom staatlich angehäuften Schuldenberg abschrecken lassen und sich weiter neue Autos in ihre Garagen stellen. Die Autobauer setzen darauf, dass das 2012 so bleibt und die US-Regierung ihnen im Wahljahr das Leben versüsst. Daimler und BMW wollen ihre Werke in Nordamerika ausbauen, Volkswagen hat dort gerade eines eröffnet.

Sie vertrauen darauf, dass sich der einst weltgrösste PW-Markt weiter erholen wird. Daneben wollen sich die deutschen Hersteller durch eine höhere Produktion in den USA von Währungsschwankungen abkoppeln. Die Frage ist, wie lange sich Amerika von den anderen Regionen abkoppeln kann. Denn auch die Amerikaner sind im Schuldenturm gefangen und müssen - wenn sie da heraus wollen - ihr Staatsdefizit verringern.