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08. Oktober 2010 14:19; Akt: 08.10.2010 14:51 Print

Das lange Warten der Holocaust-Opfer

von Werner Grundlehner - Die jüdischen Nazi-Opfer haben sich hohe Entschädigungen erstritten. Auf die Auszahlung warten sie teilweise noch heute. Das Geld fliesst anderswo.

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Viel Zeit bleibt nicht mehr – und trotzdem horten die Organisationen, die gegründet wurden, um Holocaust-Opfer zu entschädigen, viel Geld. Mit Auszahlen tun sie sich schwer, obwohl den Betroffenen des Nazi-Regimes die Jahre davonlaufen. Die Überlebenden des Holocaust haben – rein statistisch – nicht mehr lange zu leben. Werden Gelder doch ausbezahlt, monieren Kritiker, fliessen sie zudem oft in zweckentfremdete Projekte oder in die falschen Taschen.

Zwischen 1996 und 1998 nahmen der jüdische Weltkongress und die amerikanische Administration die Schweiz wegen der nachrichtenlosen Vermögen in den Schwitzkasten. Die Grossbanken UBS und CS einigten sich mit jüdischen Organisationen und Sammelklägergruppen auf einen 1,25 Milliarden Dollar schweren Vergleich. Die Gelder, die eindeutig zugewiesen werden konnten, waren schnell weitergeleitet. Doch noch im Jahr 2004 war mehr als die Hälfte des Betrages nicht verteilt. Obwohl von allen Seiten gemahnt wurde, «die Zeit ist knapp», wurde in den Gerichtssälen weiter prozessiert. Meist war strittig, welche Gruppen von Überlebenden die Gelder am dringendsten benötigten. Im Juni dieses Jahres gab der zuständige New Yorker Bundesrichter Edward Korman bekannt, dass eine Lösung für den nun verbleibenden Rest der Schweizer Grossbankmittel – rund 180 Millionen Dollar – kurz bevorstehe.

«Schwer zu akzeptieren»

Viele Gelder aus dem Schweizer Bankendeal sollten durch Organisationen wie die Jewish Claims Conference (JCC) verteilt werden. Diese Organisation sieht sich jedoch seit einiger Zeit mit heftigen Vorwürfen konfrontiert, die von Miss- und Vetternwirtschaft bis zu Bereicherung und Betrug reichen. Die JCC verteilt vor allem Wiedergutmachungsgelder aus Deutschland: Seit der Gründung 1951 wurden über 70 Milliarden ausbezahlt. Doch der Fonds sitzt weiter auf einem Vermögen von über einer Milliarde Dollar. «Es ist unumstritten und schwer zu akzeptieren, dass die ganzen Gelder aus dem Schweizer Bankendeal derart schleppend bis gar nicht verteilt wurden», sagt Yves Kugelmann, Chefredaktor des schweizerisch-jüdischen Wochenmagazins «Tachles» gegenüber «20 Minuten Online».

In einer Serie von Artikeln in der «Jerusalem Post», klagt Isi Leiber, ehemaliger Vorstand des Jüdischen Weltkongresses (WJC) in den vergangenen Wochen die Zustände im JCC an. So regiere der Vorsitzende Julius Berman praktische wie ein König, da er auch die meisten Unterausschüsse präsidiere. Andere Vorstandsmitglieder wie beispielsweise Burt Neuborne hätten sich als Rechtsvertreter von jüdischen Opfern gegenüber den Schweizer Banken und Deutschland Milliongehälter verdient. Und dies, obwohl der gleiche Neuborne stets betont habe, «jeder Penny aus dem Schweizer Bankenvergleich geht an die Holocaust-Opfer».

Kritik am Schweizer-Kritiker Eizenstat

Zudem kreidet Leiber an, es würden Projekte finanziell vom JCC unterstützt, die nichts mit dem Holocaust zu tun hätten. Jüngst wurde bekannt, dass sich Betrüger mit gefälschten Papieren Gelder in Millionenhöhe ertrogen hatten. Auch das Vorgehen von Stuart Eizenstat wird kritisiert. Das JCC-Mitglied organisiere teure Gala-Anlässe für Promis und Mitglieder der Obama-Administration. Aber statt Gelder zu sammeln, würde solches des JCC verprasst. In der Schweiz ist Stuart Eizenstat kein Unbekannter, der ehemalige Unterstaatssekretär war ein Mitglied der US-Verhandlungsdelegation im Bankenvergleich. Später brachte er die Schweizer Seele mit seinem Buch «Imperfect Justice» (mangelhafte Gerechtigkeit) zum Kochen. Das Titelbild zierte ein Hakenkreuz aus Goldbarren, das über dem Schweizer Kreuz liegt.