Gotthard-Basistunnel

20. Mai 2016 13:29; Akt: 24.05.2016 11:12 Print

Das müssen Sie über den neuen Tunnel wissen

von F. Lindegger - In knapp zwei Wochen wird das Jahrhundertbauwerk eröffnet. Zeitgewinn, Sicherheit und wer zu den Verlierern des neuen Tunnels gehört – ein Überblick.

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Knapp 17 Jahre nach dem Tunnelanstich ist es so weit: Am 1. Juni wird der Gotthard-Basistunnel eröffnet. 12,2 Milliarden Franken hat das Hauptbauwerk der Neat gekostet – deutlich mehr als die ursprünglich budgetierten 6,7 Milliarden Franken. Am 11. Dezember 2016 rollen die ersten Züge fahrplanmässig durch den Gotthard-Basistunnel.

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Was waren die grössten Hindernisse beim Bau?
Der Bau des Gotthard-Basistunnels wäre fast wegen der sogenannten Piora-Mulde gescheitert. In dieser Mulde befindet sich zuckerkörniges Gestein, das in Verbindung mit Wasser oder unter hohem Druck zu einem nassen, sandigen Brei verkommen kann. 1996 kam es zu einem Zwischenfall, als Sondierbohrungen in die Piora-Mulde vorstiessen und 1400 Kubikmeter der Gestein-Wasser-Mischung ausflossen. Es folgten politische Diskussionen, die den Bau des Tunnels in Frage stellten. Schliesslich ergaben weitere Sondierbohrungen, dass die Mulde auf der Höhe des Tunnels keinen Wasserdruck aufwies. 2008 erreichte Bohrmaschine Piora-Mulde und konnten sie relativ problemlos durchbohren.

Wie sicher ist der neue Tunnel?
Verschiedene Massnahmen sollen im 57 Kilometer langen Tunnel für Sicherheit sorgen. Der Tunnel besteht aus zwei Röhren, die alle 325 Meter über Fluchtwege miteinander verbunden sind. Zudem gibt es im Tunnel auf der Höhe von Faido und Sedrun zwei Nothaltestellen. Im Falle eines Brandes soll ein Lüftungssystem verhindern, dass Rauch in die andere Röhre gelangt. Vor und im Tunnel kontrollieren Sensoren die Züge etwa auf Hitze, Rauch oder gewisse chemische Stoffe. In Biasca und Erstfeld sind Lösch- und Rettungszüge stationiert.

Wie gross ist der Zeitgewinn für Reisende?
Als 1992 zum ersten Mal über die Neat abgestimmt wurde, war von einer Reisezeit von zwei Stunden zwischen Zürich und Mailand die Rede. Bald zeigte sich, dass diese Pläne nur sehr teuer umzusetzen waren. Schliesslich stimmte das Stimmvolk einer günstigeren Version zu. Inzwischen wird mit einer Reisezeit von 3 Stunden und 3 Minuten geplant – allerdings erst ab 2021. Wer von Luzern, Basel, Zürich, Genf, St. Gallen oder Bern nach Lugano reisen möchte, ist ab Dezember 2016 rund eine halbe Stunde schneller am Ziel.

Wer profitiert vom Tunnel?
Laut einer Studie der Credit Suisse dürfte der Gotthard-Basistunnel neue Tagestouristen ins Tessin bringen. Davon dürfte vor allem die Gastronomie profitieren. In Altdorf entsteht zudem bis 2021 ein neuer Kantonsbahnhof samt Gewerbe- und Dienstleistungszentrum. Auch in Bellinzona wird der Bahnhof ausgebaut, das soll die Verdoppelung der Fahrgäste innerhalb von zehn Jahren ermöglichen.

Wer zählt zu den Verlierern des neuen Tunnels?
Vor allem Orte in der Leventina und im Reusstal, die an der alten Bergstrecke liegen, fürchten, dass die wirtschaftliche Situation künftig noch schwieriger wird. Zu den Verlierern gehört gewissermassen auch die Schweizer Verlagerungspolitik. Die Neat und der Gotthard-Basistunnel waren vor allem für die Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene gedacht. Doch die ursprünglichen Verlagerungsziele dürften nicht erreicht werden.

Was geschieht mit der alten Bergstrecke?
Für die heutige Gotthardstrecke gibt es noch bis Ende 2017 eine Fernverkehrskonzession. Mindestens so lange wird die Strecke noch betrieben. Was danach geschieht, ist noch nicht klar. Die Kantone Uri und Tessin möchten, dass weiterhin Fernverkehrszüge durch den 1882 eingeweihten Gotthardtunnel verkehren.

Was wurde aus Porta Alpina?
Um die Jahrtausendwende wurde die Idee der sogenannten Porta Alpina lanciert. Diese sah auf der Höhe von Sedrun eine Haltestelle im Tunnel sowie einen rund 800 Meter langen Lift vor, der die Passagiere direkt in das Bündner Bergdorf transportieren sollte. Die Wartehallen im Berg wurden bereits ausgebrochen, doch 2012 wurde das Projekt durch den Bundesrat sistiert. Nun arbeitet die Bündner Regierung an Möglichkeiten, um den Sedruner Zugangsstollen und die Wartehallen doch noch touristisch nutzen zu können.

Gab es Todesfälle beim Bau des neuen Tunnels?
Ja. Neun Menschen verloren beim Bau ihr Leben. Grund waren vor allem Unfälle mit Fahrzeugen und Maschinen. Zum Vergleich: Beim Bau des 15 Kilometer langen Gotthard-Tunnels, der zwischen 1872 und 1882 erstellt wurde, kamen 199 Arbeiter ums Leben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas am 20.05.2016 15:32 Report Diesen Beitrag melden

    Was ich wissen muss:

    Er ist lange, hat sehr viel gekostet, wurde aber insgesamt schneller gebaut als der neue Flughafen in Berlin!

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  • Melanie am 20.05.2016 23:02 Report Diesen Beitrag melden

    Nutzung der alten Strecke

    Es gibt noch genügend schöne Destinationen auf der alten Strecke, damit sich ein Betrieb eines stündlichen IR zwischen Arth-Goldau und Bellinzona lohnt. Wenn dieser IR jetzt auch noch zwischen Basel und Zürich, sowie Lugano und Locarno abwechselnd verkehrt, gibt es keinen Grund, auch nur irgendetwas an der alten Strecke zu ändern! Ausserdem, es gibt ja auch Regionalzüge auf der Strecke, die gar nicht durch den Tunnel fahren können, weil sie sonst gar nicht an die Destinationen kämen...

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  • Saskia Werthmüller am 21.05.2016 06:28 Report Diesen Beitrag melden

    Tunnel

    Eigentlich hätte man einen Tunnel von Zürich nach Chiasso bauen sollen, für diejenigen, die keine Lust auf die Landschaft haben, und lieber Betonwände anschauen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mich am 23.05.2016 20:16 Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Schade! Es wird immer wieder vergessen, dass Italien das Tunnel uns finanziert hat.

    • Erre I. am 23.05.2016 21:53 Report Diesen Beitrag melden

      sicher?

      Ich weiss nur von den nicht gerade wenigen CH Steuergelder!

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  • Antonio am 23.05.2016 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Rest in peace

    Ruhet in Frieden..Ihr habt grosses geleistet und dies sollte nicht umsonst gewesen sein #9

  • Nachdenker am 23.05.2016 11:08 Report Diesen Beitrag melden

    Fluchtwege

    warum ist der Abstand der Verbindungsstollen 325Meter und nicht 320 oder 330?

    • Klonk am 23.05.2016 12:51 Report Diesen Beitrag melden

      Mont-Blanc

      Der zunächst auf 650 m festgelegte Abstand wurde nach dem Tunnelbrand von 1999 im Mont-Blanc-Tunnel halbiert.[Wikipedia]

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  • alice am 22.05.2016 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    Zahlen

    das wusste man schon Vor dem Bau !ohne dass Die Schweiz wieder Zahlt wie immer wird es nicht Klappen !wie beim Tunnel bei Chiasso immer bez. die Schweiz !das wiss man!

  • Peter Märki am 22.05.2016 15:08 Report Diesen Beitrag melden

    30 min

    Ist doch super... jetzt spar ich 2 mal pro Jahr jeweils 2x30min ein. Für 20 Milliarden... Dafür stehe ich weiterhin 220 mal pro Jahr auf meinem Arbeitsweg jeweils 2x30min im Stau. Stupides Prestigeprojekt auf Kosten des alltäglichen Wahnsinns, um den sich keiner kümmert...

    • me too zh am 23.05.2016 08:54 Report Diesen Beitrag melden

      Mitleid hält sich in Grenzen

      Wer auf dem Arbeitsweg mit dem Auto im Stau steht, ist definitiv selber schuld. Da kann der Gotthard nix dafür.

    • Soilmi am 23.05.2016 13:29 Report Diesen Beitrag melden

      @me too zh

      Möchte einmal sehen was passiert, wenn alle Personen die auf dem Arbeitsweg im Stau stehen auf einmal auf öffentliche Verkehrsmittel wechseln würden. Das Angebot der SBB in diesen Stunden müsste verzehnfacht werden. Soviel Rollmaterial ist nicht Verfügbar und auch die Auslastung der Strecken würde dies nicht zulassen.

    • Auch kein Statistiker am 23.05.2016 16:39 Report Diesen Beitrag melden

      Verzehnfacht?

      @Soilmi: Ich habe nun keine ausführliche Recherche betrieben, aber schau dir mal den Bericht "Pendlermobilität in der Schweiz 2013" vom Bundesamt für Statistik (einfach so googlen) an. Salopp gesagt müsste das Angebot der SBB maximal verdoppelt werden. Schon mal überlegt, wie viele Meter Einplätzer-Stau-PWs mit einem ÖVBus ersetzt werden können? So gesehen wäre auch eine Verdopplung des ÖVs völlig übertrieben, ein paar Prozente hoch würden reichen.

    • Dewo Druschunnt am 23.05.2016 17:00 Report Diesen Beitrag melden

      Undifferenziert

      Fakt ist, insgesamt gehen immer noch deutlich mehr Menschen mit dem Auto zur Arbeit als mit dem ÖV. Vielleicht ist das auf der Strecke Dübendorf - Stadelhofen nicht so aber insgesamt schon. Und tatsächlich müsste das Angebot massiv ausgebaut werden, wenn alle umsteigen würden. Allein 30K Fahrzeuge am Zürcher Rosengarten jeden morgen (sagen wir 40K Personen) und dies ist bei weitem nicht die einzige Einfallsachse. Also reden wir von rund 100-150K. Dies in den Stosszeiten wo Züge eh schon hoffnungslos überfüllt sind... Na dann prost. Es braucht beides begreift das doch endlich einmal.

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