Reportage

01. Juli 2011 12:34; Akt: 04.07.2011 14:00 Print

Das schlechte Gewissen kauft mit

von Sandro Spaeth - Eigentlich müsste Geiz jetzt besonders geil sein – bei dem tiefen Euro. Doch die Kauflust der Schweizer Schnäppchenjäger im grenznahen Ausland ist getrübt. Ein Augenschein vor Ort.

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Ausriss aus deutschem Möbel-Prospekt

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Auf dem gelben Verkehrschild nur wenige Meter vom Möbelmarkt entfernt steht in schwarzen Lettern: Basel 53 Kilometer. In ähnlicher Distanz liegt Zürich. Der Parkplatz vor dem Möbelmarkt Dogern, unweit vom Städtchen Waldshut, ist gut gefüllt. Die Schweizer Kennzeichen sind massiv in der Überzahl: AG, ZH, BL und auch der eine oder andere Luzerner ist ins Schnäppchenparadies Deutschland gefahren. Das Hauptargument ist derzeit der Kurs. Ein Euro kostet inzwischen weniger als 1.20 Franken. Noch vor 3 Jahren lag er bei 1.60 Franken.

Umfrage
Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie wegen den günstigeren Preisen im Ausland einkaufen?
16 %
84 %
Insgesamt 1411 Teilnehmer

Das Einrichtungshaus, ähnlich einer Möbel-Märki-Filiale, mit 27 000 Quadratmetern aber fast dreimal so gross, ist längst kein Geheimtipp mehr: Die Deutschen werben in der Schweiz intensiv – und aggressiv. «Die Hälfte unseres Werbebudgets geben wir in der Schweiz aus», sagt Verkaufsleiter Jürgen Spitz im Gespräch mit 20 Minuten Online. Jede zweite Woche liegen Schweizer Zeitungen Prospekte bei. Was darauf nicht ersichtlich ist: Das Möbelhaus befindet sich gegenüber dem Atommeiler Leibstadt. Wenn man aber bedenkt, dass die Schweizer Konkurrenz meist in schmucklosen Gewerbezonen angesiedelt ist, liegt das deutsche «Möbelparadies» beinahe idyllisch.

Man will nicht billiger Jakob sein

Die Frankenstärke ist für deutsche Verkäufer ein Segen, wobei das niemand so richtig bestätigen will. Man möchte die Schweizer Händler nicht verärgern. «Der Anteil Schweizer Kunden lag schon immer leicht über 50 Prozent», sagt Spitz. In den letzten Wochen verzeichnete der Markt laut dem Verkaufsleiter aber eine leichte Zunahme. Sie sei aber längst nicht so dramatisch, wie es der Eurokurs würde vermuten lassen. Dass die Kunden vor allem wegen des Preises in seinem Markt landen, lässt Spitz nicht gelten. Er lobt Qualität und Beratung, um dann doch wieder zu betonen, dass Schweizer Kunden rund 30 Prozent sparen würden.

Bei einigen Artikeln ist es gar noch mehr. Ein Elektrogrill der Marke Weber, für den sich 20 Minuten Online interessiert, kostet in Deutschland 249 Euro, was umgerechnet (Kurs 1.20) und abzüglich deutscher Mehrwertsteuer 242 Franken ausmacht. Und weil der Grill weniger als 300 Franken kostet, fällt nicht mal Schweizer Mehrwertsteuer an. Zum Vergleich: Bei Manor in der Schweiz kostet derselbe Grill 359 Franken, also fast 50 Prozent mehr.

Homo Oeconomicus setzt sich durch

Im Möbelmarkt trifft 20 Minuten Online auf ein Ehepaar aus der Stadt Zürich, das eine ganze Inneneinrichtung im Wert von 17 000 Euro erstehen will: Polstergruppe, Schränke, Wohnwand. «Hier gibt es für dasselbe Geld fast doppelt so viel», sagt der Mann, der sich kurz vor dem Ruhestand befindet. Stolz auf seine Schnäppchen ist er nicht. «Ich habe schon ein etwas schlechtes Gewissen, wenn ich in Deutschland einkaufe und damit Schweizer Arbeitsplätze gefährde.» Am Ende setzt sich beim baldigen Rentner aber der Homo Oeconomicus durch: «Irgendwann geht’s ums eigene Portemonnaie.» Der Nutzenmaximierer hat obsiegt.

Nächster Halt auf dem Shopping-Ausflug ist Möbel-Dick in Lauchringen, einige Kilometer weiter östlich von Waldshut. Das Einrichtungshaus erinnert an den Schweizer Pfister – nur ist er günstiger. Es dominieren die Edelmarken Rolf Benz, de Sede oder Team7. Auch hier sprechen die Kunden Aargauer-Dialekt und Züridütsch. Sie sei zum Preisvergleich hier, sagt eine Kundin zu 20 Minuten Online. Dann erteilt sie einen guten Rat: «Nur nicht am Samstag hinkommen, da muss man anstehen» – es ist zum Glück Dienstag.

20 Minuten Online interessiert sich für einen massiven Holztisch der Marke Team7. Angeschrieben ist er mit 3445 Euro. Der Berater betont, dass im Preis Lieferung (Umkreis 100 km) sowie Verzollung inbegriffen seien. Hinzu kommt: Die deutschen Händler ziehen die 19 Prozent deutsche Mehrwertsteuer ab, hinzu kommt das Schweizer Pendant von 8 Prozent. Unter dem Strich kostet der Tisch in Deutschland noch 3616 Franken. In der Schweiz sind es 4687 Franken. Pfister gewährt aber einen Währungsausgleichsrabatt von 8,5 Prozent, womit der Tisch noch 4288 Franken kostet. Die Differenz: satte 672 Franken.

Auf Anfrage von 20 Minuten Online sagt Pfister-Sprecherin Sylvie Merlo, dass man die Preise der Markenprodukte im Auge behalte. Pfister verhandle mit den Lieferanten. Das Ziel seien geringe Preisdifferenzen, welche Mehrwerte wie etwa den Service rechtfertigten.

Schweiz: Fast doppelt so teuer

Letzte Station bei der Tour im Shopping-Paradies Süddeutschland ist das Altstädtchen von Waldshut. Auch hier sind die Schweizer in der Überzahl. 20 Minuten Online schaut kurz in einem Drogerie-Markt vorbei: Das Studio-Line-Haargel (Radical) kostet hier 3.95 Euro, umgerechnet 4.75 Franken, in der Schweiz ist dasselbe Produkt (8.90 bei Coop) fast doppelt so teuer.

Beim Kaffee in Waldshuts bester Einkaufsstrasse – für 2.40 Franken – trifft 20 Minuten Online zwei Damen aus dem Aargau. Sie wollen sich nicht in die Ecke der Schnäppchenjäger drängen lassen, kein Foto, keine Namen. Man habe lediglich einige Kleider gekauft, erzählen sie. Doch die Tochter überlegt sich, ihr neues Auto in Deutschland zu kaufen. «Hier komme ich aber in einen Konflikt, denn durch mein Handeln sind Arbeitsplätze gefährdet.»

Obwohl die Leute beim Ausland-Shopping immer wieder zögern: Am Ende scheint der Geiz das Gewissen in den meisten Fällen dann doch zu besiegen. Auf der Heimfahrt ist die Kolonne beim Grenzübergang in Laufenburg – die Schnäppchenjäger lassen ihre Ausfuhrbescheinigungen abstempeln – ziemlich lang. Sicher ist: Sie werden wiederkommen, denn die bezahlte deutsche Steuer wird beim nächsten Einkauf angerechnet. Auf ein Wiedersehen im Schnäppchen-Paradies.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • hans ulrich am 26.07.2011 22:26 Report Diesen Beitrag melden

    bei abzocke auch kein gewissen

    ganz sicher nicht der konsument muss ein schlechtes gewissen haben.weil er im nahen ausland einkauft.importeure,politiker,bundesräte,chef etagen haben doch auch kein schhlechtes gewissen bei der abzockerei.auch nicht ,wenn fast pleite noch millionen bonis ausbezahlt werden.

  • Rheini am 29.07.2011 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin doch nicht blöd!

    ...und nun das Beste! Sogar die CH Autobahnvignette habe ich im Ausländischen Grenzkiosk für Euro 31.50 gekauft!!!!

  • Rechnender Konsument am 26.08.2011 12:21 Report Diesen Beitrag melden

    Herr Loosli von Coop findet:

    Wer über die Grenze geht, nutzt den tiefen Eurokurs aus, Punkt. Ich finde, wer den Konsumenten den Währungs-Gewinn nicht weiter gibt, auch!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rechnender Konsument am 26.08.2011 12:21 Report Diesen Beitrag melden

    Herr Loosli von Coop findet:

    Wer über die Grenze geht, nutzt den tiefen Eurokurs aus, Punkt. Ich finde, wer den Konsumenten den Währungs-Gewinn nicht weiter gibt, auch!

  • Rheini am 29.07.2011 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin doch nicht blöd!

    ...und nun das Beste! Sogar die CH Autobahnvignette habe ich im Ausländischen Grenzkiosk für Euro 31.50 gekauft!!!!

  • Thomas am 29.07.2011 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    Boykott

    Sehr geehrte Coop/Migros boykotiert die Markenhändler. Sogar wenn ihr es im Alleingang macht könntet ihr dabei hohe Unterstützung von den Kunden erhalten. Wir wissen, das ihr nicht sonderlich viel für die Preise der Marken könnt.

  • thomas st. am 26.07.2011 22:49 Report Diesen Beitrag melden

    bei reichen lernst sparen

    nein,nein konsumenten brauchen ganz bestimmt kein schlechtes gewissen zu haben.politiker wie bundesräte fördern doch,dass immer mehr im nahen ausland eigekauft wird.die hättens ja in der hand,und könnten endlich preise anpassen.chefs stellen ja selber billige ausländer ein.bänker verschleuder miliarden als obs ihr eigenes geld wäre.bundesräte zocken eigene bevölkeung ab die kennen auch kein schlechtes gewissen

    • Lilia Ohmert am 31.07.2011 13:48 Report Diesen Beitrag melden

      Billige Ausländerkraft

      Ich würde mich nicht als billige Ausländerin bezeichnen die eingestellt worden ist, sondern als Fachkraft die Mangelware in der Schweiz ist mit deutscher Genauigkeit fürs Detail. Für mich war grundsätzlich die Stelle wichtig und nicht das Geld. Ich glaube nicht , dass man auf längere Sicht nur des Geldes wegen glücklich ist , in dem man sich ja tag täglich verwirklicht.

    • gaeb am 10.08.2011 14:27 Report Diesen Beitrag melden

      tzzz

      Werde doch nicht gleich überheblich ;) Ausländische Arbeitskräfte sind nun mal billiger als schweizerische Arbeitskräfte. Das hat überhaupt nichts mit Beleidigung zu tun.

    einklappen einklappen
  • hans ulrich am 26.07.2011 22:26 Report Diesen Beitrag melden

    bei abzocke auch kein gewissen

    ganz sicher nicht der konsument muss ein schlechtes gewissen haben.weil er im nahen ausland einkauft.importeure,politiker,bundesräte,chef etagen haben doch auch kein schhlechtes gewissen bei der abzockerei.auch nicht ,wenn fast pleite noch millionen bonis ausbezahlt werden.