GDI Handelstag

16. September 2013 08:52; Akt: 16.09.2013 13:03 Print

Den Wachstums-Junkies geht der Stoff aus

von S. Zaugg - Der renommierte US-Ökonom Robert J. Gordon prognostiziert das Ende des rapiden Wirtschaftswachstums. Auch die digitale Revolution werde die Geschichte nicht umschreiben.

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Robert J. Gordon, Professor für Sozialwissenschaften an der US-amerikanischen Northwestern University, ist einer jener Köpfe, die ein düsteres Szenario für die Zukunft der Weltwirtschaft skizzieren.

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Die Weltwirtschaft ist ein abgehalfterter Junkie, immer auf der Suche nach dem nächsten Schuss Wachstum. Doch was passiert, wenn die Drogenlabore nicht mehr produzieren, die Versorgung mit dem süssen Stoff lahmt, wenn der kalte Entzug unabwendbar ist? Die Organe versagen, das System bricht zusammen, der Süchtige stirbt.

Nicht erst seit gestern stellen sich Ökonomen rund um den Globus die Mutter aller Fragen: Nämlich jene, ob die Grenzen des Wachstums bereits erreicht sind? Waren es bis anhin ökologische und soziale Bedenken, die die Ökonomen veranlassten, die klassischen Wachstumsmodelle infrage zu stellen, gesellt sich nun ein dritter Aspekt hinzu, der von weit grösserer Tragweite scheint, als bisher angenommen.

Es wird von der Annahme ausgegangen, dass die dritte industrielle Revolution, nämlich die digitale, ein eher laues Lüftchen ist im Vergleich zu ihren älteren Schwestern. Robert J. Gordon, Professor für Sozialwissenschaften an der US-amerikanischen Northwestern University, ist einer jener Köpfe, die ein düsteres Szenario für die Zukunft der Weltwirtschaft skizzieren.

Dampfmaschine versus iPad

Gordon vertritt die provokative These, wonach die digitale Revolution nicht das Wachstumspotenzial der beiden industriellen Revolutionen der vergangenen 250 Jahre habe. Die technologischen Erneuerungen mögen zwar unseren Alltag spürbar verändern, aber auf die wirtschaftliche Wachstumsrate wirkten sie schwächer als Entdeckungen und Erfindungen wie die Dampfmaschine, der elektrische Strom, der Verbrennungsmotor, der Kühlschrank, die Waschmaschine oder fliessend Wasser, erklärte Gordon letzte Woche in seinem Referat an der internationalen Handelstagung des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI).

Der amerikanische Ökonom kommt in seiner im September 2012 veröffentlichten Studie «Is US Economic Growth Over?» zum Schluss, dass das Wirtschaftswachstum in den USA – und auch in den meisten anderen Industrieländern – mittelfristig unter ein Prozent pro Jahr fallen und langfristig zum Stillstand kommen werde.

«In den 116 Jahren von 1891 bis 2007 lag das durchschnittliche Pro-Kopf-Wachstum bei 2 Prozent», so Gordon. Dies werde sich nicht wiederholen. «Unglücklicherweise weisen die Indizien darauf hin, dass das künftige wirtschaftliche Wachstum bestenfalls die Hälfte dieser historischen Rate beträgt», schreibt er in einem Beitrag für das «Wall Street Journal».

In seiner Studie hat Gordon das Pro-Kopf-Einkommen der vergangenen drei Jahrhunderte – hauptsächlich der USA und Grossbritanniens – analysiert. Er kam zum Schluss, dass das wirtschaftliche Wachstum ab 1700 allmählich, ab 1900 aber sprunghaft gestiegen sei und Mitte des 20. Jahrhunderts sein Maximum erreicht habe. Seither nehmen die Wachstumsraten laut Gordon kontinuierlich immer schneller ab.

Digitale Revolution vorbei

Ist die digitale Revolution also wirklich ein laues Lüftchen? Im Gespräch mit GDI Impuls sagt Gordon: «Wenn man den Wert von Innovationen daran misst, wie sehr sie zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität beitragen: Ja, sie sind weniger wertvoll.»

Im seinem für das «Wall Street Journal» verfassten Beitrag wird der Ökonom deutlich und erklärt die Blütezeit der digitalen Revolution für beendet: «Der Höhepunkt der Hochzeit zwischen Kommunikation und Computer war erreicht, als sich ab den 1990er Jahren das Internet verbreitete. Amazon wurde 1994 gegründet, Google 1998 und Wikipedia 2001.»

Seit 2002 allerdings, so Gordon weiter, führten die meisten Computerinnovationen nicht mehr zu fundamentalen Transformationen, sondern zur Miniaturisierung – so wie bei Smartphones, welche die Fähigkeiten von Laptops vor dem Jahre 2002 mit Fähigkeiten von Mobiltelefonen verbinden. Ob 3-D-Drucker oder Mikroroboter: Letztlich sei das eine alte Geschichte, die in dieser oder jener Form immer wieder erzählt werde, hielt er in seinem Referat am GDI fest. Überdies ortet Gordon immer weniger Fortschritt in der Medizin, ebenso sei die Fracking-Revolution und die damit verbundene steigende Förderung von Öl und Gas nicht die Quelle vernünftigen Wachstums.

Freilich, Gordon ist, wie er von sich selbst sagt, ein Pessimist – aber im besten Sinne auch ein weitsichtiger Zweifler: «Ich sage kein Ende der Innovationen voraus, sondern eine sinkende Nützlichkeit künftiger Erfindungen im Vergleich zu den grossartigen Erfindungen der Vergangenheit.»

Der Stoff geht aus

Gordons Berechnungen gelten hauptsächlich für die USA, dennoch lässt sich das Modell des Ökonomen auch auf Europa übertragen. Zwar gelte die Beobachtung, dass Innovationen heute unwichtiger sind, tatsächlich für alle Länder.

Allerdings könnten sich jeweils unterschiedliche Wachstumspotenziale ergeben, ist sich Gordon sicher. «Europa beispielsweise hat sich den Innovationen der Informationstechnologie der letzten zwei Jahrzehnte nur sehr zögerlich geöffnet – deshalb gibt es dort bei der Umsetzung dieser Innovationen noch ein vergleichsweise hohes Wachstumspotenzial.»

Klar ist: Auch in Europa wird sich das Wachstum verlangsamen, das stehe fest, meint Gordon. Und was dann, wenn der Weltwirtschaft der Stoff ausgeht?

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Maler am 16.09.2013 18:49 Report Diesen Beitrag melden

    kein Stoff für Junkies

    Der Vergleich mit dem Junkie hinkt. Ich kenne jedenfalls keinen der daran gestorben ist, weil er einen kalten Entzug durchmachte.

  • manu am 16.09.2013 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    ach ne, haben die das auch schon

    gemerkt ging aber lange. nun muss ich auch hier wiedersprechen, es sollte in zukunft darum gehen da wachstum zu generieren wo es noch dringen benötig wird, in der 3. welt. das wachstum in europa sollte sich jedoch darauf beschränken endlich wirklich zu 100% geschlossene kreisläufe zu schaffen, um unsere schöne welt auch unseren nachfahren übergeben zu können.

  • ulle d. am 16.09.2013 13:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wie, was dann???

    ...dann begnügt man sich mit dem was man hat...ganz einfach!! wohin sollen wir denn noch hinwachsen?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Maler am 16.09.2013 18:49 Report Diesen Beitrag melden

    kein Stoff für Junkies

    Der Vergleich mit dem Junkie hinkt. Ich kenne jedenfalls keinen der daran gestorben ist, weil er einen kalten Entzug durchmachte.

  • rolf am 16.09.2013 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    Zurück zur Natur - aber ohne Auto

    Der Aufwand um einen Prozess zu beschleunigen wird immer grösser - und entsprechend teurer. Deshalb wird die Wirtschaft auch nicht mehr so rasant wachsen können. Die Frage der Zukunft wird sein, wie wir die Arbeit wieder verteilen können - und damit ev. auch wieder etwas langsamer und weniger Maschinen einsetzen werden. Dies wird aber nur möglich sein, wenn der Einzelne wieder etwas abgibt und seine Bedürfnisse reduziert - und das wird wirklich hart.

  • manu am 16.09.2013 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    ach ne, haben die das auch schon

    gemerkt ging aber lange. nun muss ich auch hier wiedersprechen, es sollte in zukunft darum gehen da wachstum zu generieren wo es noch dringen benötig wird, in der 3. welt. das wachstum in europa sollte sich jedoch darauf beschränken endlich wirklich zu 100% geschlossene kreisläufe zu schaffen, um unsere schöne welt auch unseren nachfahren übergeben zu können.

  • Miggu am 16.09.2013 14:35 Report Diesen Beitrag melden

    2 Möglichkeiten

    Es gibt 2 Möglichkeiten. Entweder man krempelt das auf dauerhaftes Wachstum ausgelegte Wirtschaftssystem um, oder aber wir müssen uns schnell mal nach einem 2. Planeten umsehen, da uns irgendwann schlicht und einfach die Erdoberfläche für dauerhaftes Wachstum ausgehen wird. Ohne Boden kein Wachstum. Wie ich die Menschen aber kenne, wird man sich für zweiteres entscheiden.

  • W.T. am 16.09.2013 14:10 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Binsenweisheit...

    ... wird jetzt also auch von den Studierten erkannt... Herr, lass Hirn regnen!