Leitzinssenkung

08. November 2013 17:15; Akt: 08.11.2013 17:36 Print

Der Fluch des billigen EZB-Geldes

Wie schweres Kriegsgerät sind auch die Waffen der Zentralbanker hochgefährlich. So tragen denn die Waffen des EZB-Chefs Mario Draghi, die verstopfte Kreditkanäle aufsprengen sollen, Namen wie «Dicke Berta» oder «Bazooka».

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Zum Waffenarsenal des EZB-Chefs Super-Mario Draghi gehört auch eine «Bazooka», mit der er verstopfte Kreditkanäle aufsprengen will.

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Mit ihrer Niedrigzinspolitik treibt die EZB ein Vabanquespiel. Das ultrabillige Geld soll die Wirtschaft ankurbeln - doch die Risiken und Nebenwirkungen sind hoch. Ökonomen warnen vor Spekulationsblasen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) geht aufs Ganze: Mit ihrer historischen Zinssenkung macht sie das Geld im Euroraum so billig wie noch nie - zumindest für die Banken. Doch der Paukenschlag aus Frankfurt gilt bei vielen Beobachtern als Schnellschuss, das Rekord-Zinstief ist umstritten und könnte sein Ziel verfehlen.

Das Geld kommt nicht am richtigen Ort an

Denn seit Jahren schon erhöhen die Währungshüter kontinuierlich die Dosis, ohne dass die Liquiditätsschwemme dort ankommt, wo sie benötigt wird. Die Gefahr, dass das Billiggeld anderswo Schaden anrichtet, steigt.

Seit Mario Draghi am Ruder ist, weht bei der EZB ein anderer Wind. Der Notenbankchef startete gleich mit einer unerwarteten Zinssenkung, nachdem er sein Amt im Herbst 2011 angetreten hatte, und liess dann direkt noch eine weitere folgen. Er nahm Investoren im Krisensommer 2012 die Angst vor dem Zerfall des Währungsraums, indem er versprach, «alles zu tun, um den Euro zu erhalten» - koste es, was es wolle.

Notenbank bereits im «Panikmodus»?

Am Donnerstag war es nun wieder so weit. Nachdem die EZB - zur handfesten Überraschung der Finanzmärkte - den Leitzins auf das Allzeittief von 0,25 Prozent gedrückt hatte, legte Draghi unmittelbar nach: «Wir könnten noch weiter gehen.» Es stehe nach wie vor ein prall gefüllter geldpolitischer Instrumentenkoffer zur Verfügung.

«Draghi spielt ein gefährliches Spiel», meint Eugen Keller, Analyst beim Bankhaus Metzler - und wirft die Frage auf, ob die Notenbank denn bereits im «Panikmodus» agiere.

Gefährliche Waffen der Zentralbanker

Der Werkzeugkasten der EZB hält in der Tat noch einiges parat: Strafzinsen auf gehortete Liquidität von Banken, riesige Kapitalspritzen für den Finanzsektor - vom EZB-Chef selbst «Dicke Bertha» genannt - oder massive Anleihekäufe, mit denen verstopfte Kreditkanäle im Stil einer «Bazooka» aufgesprengt werden sollen, damit das Geld wieder durch die Wirtschaft fliesst.

Das martialische Vokabular wirkt verstörend, es kommt jedoch nicht von ungefähr. Denn wie schweres Kriegsgerät sind auch die Waffen der Zentralbanker hochgefährlich. Die Flut des billigen Geldes kann eine Zerstörungskraft entfalten, wenn sie nicht bei den Unternehmen und Haushalten landet, sondern in spekulativen Nischen der Finanzmärkte. Und das Hauptproblem der Geldpolitik im Euroraum ist bislang, dass die niedrigen Zinsen die reale Wirtschaft eben nicht erreichen.

«Angesichts des schon seit längerem sehr niedrigen Zinsniveaus werden die konjunkturellen Effekte der Zinssenkung allenfalls sehr gering ausfallen», kritisiert Michael Kemmer, Geschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken. Stattdessen würden die Risiken der Niedrigzinspolitik weiter zunehmen - «insbesondere die Gefahr von falschen Risikoeinschätzungen, verzerrten Investitionsentscheidungen und Vermögenspreisblasen».

Spekulationsblasen an den Finanz- und Immobilienmärkten

Damit offenbart sich das Dilemma, in dem die Währungshüter stecken. Denn Draghi und seine Kollegen hatten ihren Zinsentscheid vor allem mit dem Preisverfall in der Eurozone begründet. Die EZB erwarte «eine anhaltende Phase niedriger Inflation». Zuletzt hatte die jährliche Teuerungsrate mit 0,7 Prozent deutlich unter dem Zielwert von knapp zwei Prozent gelegen, den die EZB verteidigen will.

Doch um das Preisniveau auf breiter Front zu heben, müsste das Zentralbankgeld in der breiten Bevölkerung ankommen und dort die Nachfrage steigern. Stattdessen nimmt nach Einschätzung vieler Ökonomen die Gefahr zu, dass es Spekulationsblasen an den Finanz- und Immobilienmärkten aufpumpt. «Die Politik der EZB wird in den nächsten Monaten die Jagd nach Rendite in Gang halten», sagt Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner.

Schwieriger Einstieg in den Ausstieg

Als die grossen Notenbanken das letzte Mal den Geldhahn zu lange offenliessen, war der Flurschaden enorm: Nach dem Platzen der liquiditätsgetriebenen Blase am US-Häusermarkt stand die globale Finanzwelt 2008 vor dem Kollaps. Die Abwärtsspirale aus maroden Staatsfinanzen, angeschlagenen Banken und schwacher Wirtschaft, die die Zentralbanker bis heute mit billigem Geld bekämpfen, ist nicht zuletzt dem Crash von damals geschuldet.

In welcher Zwickmühle die Währungshüter stecken, zeigt auch das Verhalten der US-Notenbank Fed: Seit Monaten hält Anleger die Frage in Atem, wann sie anfängt, die Geldschleusen wieder zu schliessen.

Anders als die EZB hat die Fed den Einstieg in den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik bereits angekündigt. Aus Angst vor den heftigen Marktreaktionen schreckt sie bislang jedoch davor zurück.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Alan am 08.11.2013 17:37 Report Diesen Beitrag melden

    Euro wird zur Lira

    Mario Draghi macht aus dem Euro eine neue Version der Lira - es wird keinen Ausstieg aus der sinnlosen Gelddruckerei geben, bis uns alles um die Ohren fliegt. Sonst müssten sich die EU-Fanatiker nämlich zugestehen, dass das gemeinsame Währungsexperiment gescheitert ist. Und am Ende wird man dann alles wieder den Banken und den "Reichen" anhängen, weil sie das einzig logische gemacht haben und das kosten- (und wert-) lose Gratiseld in sichere Werte anlegen (und so die Rohstoffpreise hochschrauben). Langsam würde sich glaub ich sogar Keynes im Grab umdrehen, wenn er unsere Geldpolitk sehen würde

  • tinu am 08.11.2013 18:07 Report Diesen Beitrag melden

    zurückrudern

    ...geht leider nicht mehr. Denn sobald eine Zentralbank beschließt, die Zinsen anzuheben oder Anleihekäufe (z.b. QE) runterzufahren, steigen die Zinsen. Heisst dann, dass die Staaten, welche ohnehin kein Geld für Zinszahlungen haben, noch mehr für das Bedienen ihrer Schulden aufbringen müssen. Das wiederum heisst dann, dass Draghi die Oblis der Peripherie Staaten kaufen muss, um die Zinslast erträglich zu halten... und das Gelddrucken geht wieder von vorne los... Es gibt keinen Weg raus, es sei denn, mit einem gewaltigen Knall und vielen Konkursen...

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  • Money Penny am 08.11.2013 18:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Simpel

    Die banken und insbesondere die investment abteilungen werden mit billigem geld aufmunitioniert und können mit vollgas güstig spekulieren. Und da dem geld kein richtiger gegenwert gegenübersteht zahlt zum schluss der steuerzahler die zeche

Die neusten Leser-Kommentare

  • Statler am 09.11.2013 07:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Banken sanieren

    Eigentlich geht es nur darum, die Bilanzen der maroden Banken zu sanieren, in dem sie billiges Geld teurer weiterverleihen und durch den Gewinn ihr Eigenkapital erhöhen. Dagegen ist kaum etwas einzuwenden. Warum sich viele Banken übernommen haben, hat nicht nur moralische, sondern auch politische Gründe. Das ständige Banken-bashing ist allmählich bemühend.

  • Knoba am 09.11.2013 02:04 Report Diesen Beitrag melden

    EU is doomed to fail...unless...

    Das Grundproblem liegt in den Preisunterschieden zwischen Nord-und Süd-Europa... Die Nordzone mit ihren dauerhaften Überschüssen auf Kosten der Süd-Länder hat die Löhne zu erhöhen! Nur dadurch kann das Inflationsziel von 2% erreicht werden und zwar von allen - nicht nur im Durchschnitt....ehemals Chef-Ökonom Heiner Flassbeck zeigt dies ihnen gerne auf! Die gescheiterte Monetaristen Theorie scheint immer noch in den Köpfen der achso qualifizierten Ökonomen...oder gibt es da etwa Interessenkonflikten?

    • redneck am 09.11.2013 09:33 Report Diesen Beitrag melden

      cest pas chic

      ist da jetzt IN englische titel oder was ist die botschaft hier? kann mir das jemand begreiflich machen? das übersteigt meine logik... sorry überfordert

    • Knoba am 09.11.2013 20:26 Report Diesen Beitrag melden

      Aber bitte....

      Die Nordzone mit ihren dauerhaften Überschüssen auf Kosten der Süd-Länder hat die Löhne zu erhöhen! , ansonsten ist die Europäische WÄHRUNGSUNION gescheitert!

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  • Crassus, bern am 08.11.2013 21:55 Report Diesen Beitrag melden

    Casinos oder Banken?

    Wäre nicht das beste eine saftige Steuer auf Wertpapiertransaktionen, insbesondere im automatischen Handel? Und zwar so hoch, dass die Banken und Investoren endlich wieder das Geld in die Realwirtschaft pumpen, statt in Monopoly und Casinospiele. Überhaupt, wenn die Lehrsätze der Oekonomen richtig sind, dann sind die Aktienkurse zufällig, somit sollten die Banken eher den gleichen Gesetzen unterliegen, wie Casinos.

    • fgee am 09.11.2013 09:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Inflationär

      Die Aktienkurse ergeben sich aus der Menge Geld geteilt durch die Menge Aktien. Wenn die EZB Geld ins System pumpt, führt dies bereits zu steigenden Kursen, ohne dass irgendwo irgendwas produziert worden wäre...

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  • Geld Fluss am 08.11.2013 21:47 Report Diesen Beitrag melden

    GoldmanSachsGang

    Draghi ist einer der ExGoldman Angestellten. George Bush's Finanzminister Henry Paulsen war sogar Chef von GS. Dessen HauptStreich war Lehman hopps gehen zu lassen. Lustigerweise war Lehman bis dahin der grösste Konkurrent von GS. Es muss offensichtlich eine Strategie von GS geben, um das weltweite FinanzSystem zu beherrschen. Die Vasallen sind schon in den wichtigsten Gremien eingenistet.

  • Klugscheisser am 08.11.2013 21:42 Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz hat noch niedrigere Leitzinsen

    Bevor man mit dem Finger auf andere zeigt sollte man sich zuersteinmal darüber im Klaren sein dass wir in der Schweiz mit einer Leitzinsspannweite von 0.00 - 0.25 % und einem aktuellen Liborzins von 0.02% noch tiefere Zinsen haben als die EZB

    • Cosy Ch. am 09.11.2013 07:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Viel interessanter..

      ..wäre die Frage, ob eine techn. Annaeherung der Leitzinssaetze signifikante Auswirkungen auf CH haben kkoennte.

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