Arbeitsmarkt

09. September 2011 16:45; Akt: 09.09.2011 16:53 Print

Der Schweiz gehen die Fachkräfte aus

Der Schweizer Wirtschaft drohen die qualifizierten Arbeitskräfte auszugehen. Zu diesem Schluss kommt ein Grundlagenbericht von Wirtschaftsminister Schneider-Ammann.

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«Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten vergessen wir leicht die langfristigen Herausforderungen», warnt Bundesrat Schneider-Ammann. (Bild: Keystone)

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Der Schweizer Wirtschaft drohen die qualifizierten Arbeitskräfte auszugehen. Zu diesem Schluss kommt ein Grundlagenbericht, den Bundesrat Johann Schneider-Ammann in Auftrag gegeben hatte und am Freitag mit Vertretern der Sozialpartner, der Wissenschaft und der Kantone diskutierte.

«Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten vergessen wir leicht die langfristigen Herausforderungen», sagte Schneider-Ammann im Anschluss an die Diskussionsrunde vor den Medien in Bern.

Er spielte damit auf die Situation des starken Frankens an, die er als «ein Stück weit schizophren» bezeichnete. Denn der starke Franken, der als Bedrohung wahrgenommen werde, sei im Grunde ein Ausdruck für die Leistungsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft.

Erwerbstätige Bevölkerung nimmt ab

Diese ist laut Schneider-Ammann aber in Gefahr. Der am Freitag vorgestellte Bericht geht davon aus, dass aufgrund des demografischen Wandels die erwerbsfähige Bevölkerung etwa ab dem Jahr 2020 abnehmen wird. Damit die Wirtschaft auch in Zukunft auf genügend Fachkräfte zurückgreifen könne, müssten bestehende Potenziale besser ausgeschöpft und die Bildung gestärkt werden.

Der Bericht identifiziert sieben Handlungsfelder, in denen Massnahmen ergriffen werden sollen. So soll beispielsweise Erwerbstätigkeit und Ausbildung der unter 25-Jährigen gefördert werden. Das Ziel ist, das 95 Prozent eines Jahrgangs eine Berufsausbildung, das Gymnasium oder eine Fachmittelschule abschliessen.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern

Weiter sollen Personen, die Teilzeit arbeiten, stärker in den Arbeitsmarkt integriert werden. Ein besonderes Augenmerk gilt den Eltern: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf soll verbessert werden.

Neben der besseren Ausschöpfung der bestehenden Potenziale schlägt der Bericht eine Verbesserung der Qualifikationsstruktur vor. Dazu soll die Aus- und Weiterbildung gefördert werden. Ein Weiterbildungsgesetz, das zu diesem Ziel beitragen soll, sei am Entstehen, sagte Johann Schneider-Ammann. Es soll noch dieses Jahr in die Vernehmlassung gehen.

Konkrete Zahlen nicht diskutiert

«Der Grundlagenbericht hat grosse Zustimmung gefunden», bilanzierte Schneider-Ammann. Allerdings werden die vorgeschlagenen Massnahmen im Bericht erst in Grundzügen umrissen. Über konkrete Zahlen habe man noch nicht gesprochen, sagte Schneider-Ammann.

Die anwesenden Vertreter der Sozialpartner waren sich in der Forderung einig, die Bildung stärker zu fördern. «Die Hürden für Arbeitnehmer, die eine Weiterbildung absolvieren wollen, sind zu hoch», sagte Andreas Rieger, Co-Präsident der Gewerkschaft Unia. So müssten sie eine höhere Fachausbildung aus der eigenen Tasche bezahlen. Hier sei eine Reform nötig.

Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, nutzte die Gelegenheit, für eine Erhöhung der staatlichen Unterstützung der Berufsbildung zu werben. Hintergrund ist die Debatte über die Ausgaben für Bildung, Forschung und Innovation.

In der Sommersession hatte der Nationalrat einer Erhöhung des Budgets für die Berufsbildung auf 757 Millionen Franken zugestimmt - 100 Millionen mehr als vom Bundesrat vorgeschlagen. Am kommenden Dienstag wird das Geschäft im Ständerat behandelt.

Flexibilisierung dank Zuwanderung

Nur am Rande ging Schneider-Ammann auf die Zuwanderung als Mittel zur Bewältigung des Fachkräftemangels ein. Der Bericht fokussiere bewusst auf die Ausschöpfung des Potenzials im Inland. Die Zuwanderung von Arbeitskräften müsse aber langfristig ermöglicht werden, da sie für die Flexibilisierung des Schweizer Arbeitsmarkts unentbehrlich sei.

Aus diesem Grund zielt für den Volkswirtschaftsminister die Volksinitiative gegen Masseneinwanderung der SVP in die falsche Richtung. «Bei einer Annahme der Initiative würde eine grosse Unsicherheit entstehen, welche Fachkräfte der Wirtschaft noch zur Verfügung stehen und welche nicht», erklärte er gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Die Initiative sei ein «Spiel mit dem Feuer».

(sda)