Legendärer Unternehmer

27. Dezember 2011 11:39; Akt: 27.12.2011 12:23 Print

Der Vater aller Kataloge ist gestorben

von Claus-Peter Tiemann, AP - Mit 6000 Mark Startkapital gründete Werner Otto 1949 das nach ihm benannte Unternehmen, das zu einem der weltgrössten Versandhäuser wurde. Nun ist er 102-jährig gestorben.

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Werner Otto mit seiner Ehefrau Maren bei seiner Ernennung zum Ehrenbürger Berlins am 11. August 2009. (Bild: Keystone)

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Am Anfang der grossen Unternehmerkarriere von Werner Otto stand eine Pleite: Der kurz vor Weihnachten in Berlin gestorbene Versandhauspionier hatte 1945 in Hamburg eine kleine Schuhfabrik eröffnet. Doch die Konkurrenz aus Süddeutschland war stärker, 1949 musste der Kaufmann schliessen. Ihm blieben 6000 Mark und eine Handvoll Mitarbeiter. Otto liess sich nicht entmutigen und gründete eine weitere Firma: den Otto-Versand mit zunächst per Hand geklebten Katalogen.

Heute beschäftigt der Handelsgigant knapp 50 000 Mitarbeiter weltweit und setzt mehr als 11 Milliarden Euro um. Vor allem die 50er und 60er Jahre waren eine Erfolgsgeschichte für Otto und sein Unternehmen. Damals waren die Menschen auf dem Land von den grossen Kaufhäusern in den Städten abgeschnitten. Da kam der Versandhandel gerade recht, und Werner Otto setzte sich an die Spitze der Branche.

Vertrauen brachte neue Kunden

Bald erkannte er, dass das Verschicken von Katalogen langfristig nicht reicht. Er gründete den Hermes-Versand, dessen hellblaue Lieferwagen Waren bis in die entferntesten Dörfer bringen. Als erster Versandhandel nahm Otto Bestellungen per Telefon entgegen und verzichtete auf Bezahlung bei Lieferung. Der Mut zu Neuem zahlte sich aus: 1951 verbuchte das Unternehmen eine Million Mark Umsatz, 1953 schon fünf Millionen. 1958 setzte Otto 100 Millionen Mark um.

Dem unternehmungslustigen Otto reichte das Versandgeschäft allerdings nicht. Er verkaufte Anfang der 60er Jahre 25 Prozent seiner Firma an die Essener WAZ-Gruppe und steckte das Geld in neue Projekte. Ende 1965 stieg der Unternehmer mit der Immobiliengesellschaft ECE in das Geschäft mit Einkaufszentren ein. Die Firma baut und vermietet Shopping-Zentren und ist heute die grösste dieser Art in Europa. Seit 2000 führt Otto-Sohn Alexander die Firma.

Den Versand leitete über Jahrzehnte der älteste Sohn Michael, der inzwischen in den Aufsichtsrat gewechselt ist. Auch Ottos dritter Sohn Frank wurde Unternehmer in der Medienbranche. Schon über 60, baute Werner Otto später noch Immobilienprojekte in Kanada und den USA auf.

Grosser Spender

Der Firmenchef zeigte sein Leben lang aber auch gesellschaftliche Verantwortung: Werner Otto führte früh und freiwillig die Fünf-Tage-Woche ein, wurde im grossen Stil Spender. In Hamburg gab er Geld für moderne Behandlungsmethoden in der Kindermedizin, in seinem Geburtsort Seelow östlich von Berlin liess er die Kirche restaurieren.

In Berlin kaufte Otto eine neue Bühne für das Konzerthaus, in Hamburg beteiligte er sich an der Sanierung des Jungfernstieges. Der berühmten Harvard-Universität in den USA bezahlte der Unternehmer ein Museum. In Brandenburg liess er den Belvedere auf dem Pfingstberg in Potsdam renovieren.

Otto erhielt für sein Engagement zahlreiche Orden und Ehrentitel. Er lebte in den letzten Jahren zurückgezogen mit seiner Frau Maren in Berlin. Die Hauptstadt verlieh ihm zum 100. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde. Die Verdienste des Unternehmers und Mäzens sollen auf einer Trauerfeier in Berlin gewürdigt werden, wie die ECE am Dienstag mitteilte. Ein Termin für die Beisetzung stehe noch nicht fest.