Handelsprogramme

28. September 2010 13:55; Akt: 28.09.2010 14:24 Print

Der gefährliche Aufstieg der Börsenroboter

von Alex Hämmerli - Maschinen haben die Börsen erobert. Die Hälfte des weltweiten Aktienhandels läuft bereits vollautomatisch. Das birgt grosse Gefahren.

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Lange Gesichter bei den Börsenhändlern nach dem «Flash Crash» am 6. Mai 2010 (Bild: Keystone)

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Das Geschäft mit automatischen Handelsprogrammen boomt: An den US-Börsen erledigen sie heute nach Schätzungen rund 60 Prozent der Aktienkäufe und -verkäufe, in Europa dürften es gut 40 Prozent sein. In der Schweiz rechnen Fachleute mit rund 50 Prozent, was in etwa dem weltweiten Durchschnitt entsprechen dürfte, wie das Marktforschungsinstitut Clement angibt. Das ist nicht ganz ungefährlich, wie ein Beispiel zeigt.

Der 6. Mai 2010 ist Börsenhändlern noch in grausiger Erinnerung. «Schwarzer Donnerstag 2.0» oder «Flash Crash» nennen sie ihn ehrfürchtig. Noch immer ist nicht vollständig geklärt, was an jenem Tag geschehen ist.

Am frühen Nachmittag geschah es: Der Dow Jones, der amerikanische Leitindex, rutschte innert kürzester Zeit um fast 10 Prozent in die Tiefe. Milliarden von Dollars wurden in wenigen Minuten vernichtet. Die Stimmung war mies: Aus dem krisengeschüttelten Griechenland kamen Nachrichten von Krawallen, was die Märkte belastete. Doch mit herkömmlicher Börsenlogik lässt sich kaum erklären, dass eigentlich grundsolide Aktien wie diejenigen des Jobvermittlers Accenture plötzlich nur noch Pennys wert waren. Oder wieso die Titel von Proctor & Gamble auf einmal rund 40 Prozent «leichter» waren.

Algorithmen laufen Amok

Am Abend war der Spuk zwar vorbei; Der Dow Jones schloss mit einem Verlust von 3,2 Prozent. Doch der Fall war damit bei weitem nicht geklärt. Verdächtigt wurde zunächst ein Händler, der sich «vertippt» hatte. Dann aber geriet das High-Frequency-Trading in die Kritik. Dabei tätigen Computerprogramme jede Sekunde tausende von Börsengeschäften, um jeweils aus winzigen Preisunterschieden einen Profit herauszuschlagen. Die Algorithmen der Börsenroboter, so wird weithin spekuliert, sind am 6. Mai Amok gelaufen.

Die Untersuchungen der amerikanischen Börsenaufsicht SEC zum Blitz-Crash laufen noch. Doch die Hinweise, dass automatische Handelsprogramme für das Debakel verantwortlich sind, verdichten sich. So legte das Analyseunternehmen Nanex kürzlich Untersuchungen vor, wonach eine Flut von automatisierten Handelsaufträgen die Börse überfordert – und dadurch den Crash verursacht hat.

Greifen die Notfall-Instrumente?

Die Börsenroboter bescheren Aufsehern auf der ganzen Welt ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Die Hüter befürchten, dass die bisherigen Regeln angesichts des rasanten Wandels im Börsenhandel nicht mehr genügen. Mittlerweile gelten in den USA neue Regeln, wonach der Handel bei Extrembewegungen kurzzeitig ausgesetzt wird. Ähnliche Bestimmungen gelten für die Schweizer Börse SIX Swiss Exchange. Dort gibt es laut Sprecher Stephan Meier seit nun schon fast drei Jahren zwei spezifische Mechanismen, die sicherstellen sollen, «dass ein Flash Crash wie in den USA nicht passieren kann».

Die beiden Mechanismen nennen sich «Stop Trading» und «Avalanche Stop Trading». Ersteres Instrument stellt sicher, dass bei kurzfristigen massiven Auf- oder Abwertungen der Handel unterbrochen wird. Letzteres soll, aus dem Börsenenglisch übersetzt, eine «Lawine» verhindern, indem der Handel dann ausgesetzt wird, wenn innerhalb eines längeren Zeitraums grosse Preisdifferenzen entstehen. «Schnell drehende Spiralen nach unten oder oben werden durch diese Werkzeuge in der Schweiz verhindert», sagt Meier.

Wie Lemminge

Mary Schapiro, Chefin der amerikanischen Börsenaufsicht, sieht die Lage weit skeptischer. Sie befürchtet, dass solche Stop-Trading-Instrumente allein nicht ausreichen. Denn grosse Börsengeschäfte verteilten sich blitzschnell auf verschiedene Handelsplätze. Werden dann vordefinierte Preisniveaus durchbrochen, folgen die Algorithmen der Börsenroboter einander wie Lemminge in den Abgrund. Schapiro denkt deswegen laut darüber nach, die Börsenroboter technisch auszubremsen: Sie will den Handelsprogrammen ein zeitliches Minimum vorschreiben, wie lange Ankaufs- oder Verkaufsangebote gültig bleiben sollen. Denn für die Börsenroboter zählt insbesondere eins: die Geschwindigkeit.

Kritiker bemängeln, dass die Hintermänner der Börsenroboter – zu ihnen zählen etwa Goldman Sachs, Morgan Stanley oder Getco – im Falle einer Zeitvorgabe einfach auf andere Handelsplattformen ausweichen würden. Denn den Börsenrobotern ist es im Grunde genommen egal, auf welchem Parkett sie ihre Geschäfte tätigen. Die neuen Regeln müssten daher weltweit und plattformübergreifend eingeführt werden. Sonst verpuffe deren Wirkung.