Muhammad Yunus

03. März 2011 14:35; Akt: 03.03.2011 15:21 Print

Der geschasste Nobelpreisträger

Als Muhammad Yunus den Nobelpreis erhielt, stieg er zum Volkshelden auf. Nun wurde er als Direktor seiner Bank gefeuert. Offiziell wegen des Alters. Doch Yunus soll Geld veruntreut haben.

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Die Grameen Bank wurde 1974 von dem aus Bangladesch stammenden Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus gegründet. Yunus suchte nach einer grossen Hungersnot nach einer Lösung, um die Situation der Armen zu verbessern. Er beginnt Mikrokredite an Mittellose zu vergeben. Meist beträgt die erste Kreditsumme nicht mehr als 30 Dollar. Damit wird z.B. eine Ziege erworben und die Milch verkauft. Die Kredite müssen in kleinen Raten jede Woche zurückbezahlt werden. Wenn der erste Kredit zurück­gezahlt ist, .... ... folgt meist der nächstgrösse­re. Öffentliche Studien zeigen, dass durch die Hilfe der Grameen-Bank 10 Prozent der Bangladeschis eine Chan­ce auf ein neues Leben erhalten haben. Ein Drittel davon hat sich inzwischen als selbständige Kleinunternehmer etabliert und ist aus der völligen Armut her­ausgekommen. Yunus erkannte bei seinen Feldstudien in Bangladesch insbesondere, dass vor allem Frauen, die um das Leben und Überleben ihrer Familien kämpfen, vorrangig in den Genuss der Förderung kommen sollten. Die Rückzahlungsmoral von Frauen ist grösser und die Gefahr, dass das geliehene Geld für blosse Statussymbole verschleudert wird, ist weit geringer als bei Männer. Oft werden im Laufe der Jahre 10 bis 15 Kredite genommen. Sobald als möglich, wird ein Hauskredit aufgenommen. Die Grameen Bank zählt 9 Millionen Schuldner. Yunus sagt: «Die meisten Banken leihen den Reichen Geld. Aber wenn die Armen eine Chance haben, zahlen sie ehrlicher zurück als die Wohlhabenden.» 2006 haben Muhammad Yunus und seine Grameen Bank den Friedensnobelpreis erhalten. In Dezember 2010 kommt Yunus stark unter Druck. Ihm wird vorgeworfen, Entwicklungshilfegelder veruntreut zu haben. Der Angeschuldigte bestreitet die Vorwürfe. Ein Heiliger gerät ins Wanken. Yunus wird durch die Zentralbank von Bangladesch vom seinem Direktorposten bei der Grameen Bank gefeuert. Der Nobelpreisträger legt Berufung ein. Am 2. März 2011 wird Yunus von seinem Amt als Direktor der Grameen-Bank in Bangladesch abgesetzt. Hintergrund sind diesmal Vorwürfe, dass der 70-Jährige über die bindende Altersgrenze von 60 Jahren hinaus im Amt geblieben sei. Auch diesmal legt der Nobelpreisträger Rechtsmittel gegen die Entscheidung ein. Am 13. Mai 2011 tritt Yunus freiwillig von seinen Ämtern bei der Grameen Bank zurück, «um die Aktivitäten der Bank nicht zu behindern». Zuvor hatte das Oberste Gericht seine Entlassung als rechtsmässig bestätigt.

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Vor fünf Jahren war Muhammad Yunus ein Volksheld. Der Wirtschaftsprofessor erhielt für seine Idee der Mikrokredite den Friedensnobelpreis. Sein Konzept: Arme Menschen mit Hilfe von günstigen Kleinstkrediten zu Unternehmern zu machen. Die von Yunus 1983 gegründete Grameen Bank wurde zur Pionierin im Mikrokreditgeschäft und zählt derzeit neun Millionen Schuldner – zum Grossteil Frauen.

Am Mittwoch beschloss die Zentralbank Bangladeschs den 70-jährigen Nobelpreisträger als Direktor der Grameen Bank zu feuern. Offizielle Begründung: Man habe der Ernennung von Yunus zum Chef auf unbestimmte Zeit nie zugestimmt. Behörden monierten, die bindende Altersgrenze für den Bankdirektor-Posten liege bei 60 Jahren.

Gelder veruntreut?

Inoffiziell dürften aber andere Dinge zu Yunus’ Rauswurf geführt haben. Im November 2010 wurde dem Nobelpreisträger vorgeworfen, Entwicklungsgelder unter anderem aus Norwegen, Deutschland und den USA veruntreut zu haben. Konkret soll der Bankdirektor zweckgebundene Entwicklungshilfegelder in andere Projekte gesteckt haben. Yunus wies die Vorwürfe stets zurück und betonte seine Unschuld.

Dennoch leitete Bangladeschs Premierministerin Skeikh Hasina im Januar 2011 eine Untersuchung ein, die Ende März abgeschlossen werden soll. Mit der Premierministerin – einer ehemaligen Studienkollegin – hat Yunus das Heu nicht mehr auf der selben Bühne. Yunus gilt als harter Kritiker der Regierung, die mit 25 Prozent an der Grameen Bank beteiligt ist. Die Premierministerin möchte den Anteil des Staates aber auf 60 Prozent erhöhen und scheut vor Diffamierungen nicht zurück. Skeikh Hasina warf Yunus kürzlich vor, sich um Steuerzahlungen zu drücken und mit Mikrokrediten das «Blut der Armen auszusaugen».

Yunus hält an Macht fest

Seine Absetzung lässt Yunus nicht auf sich sitzen und setzt sich zur Wehr. Für den Wirtschaftsprofessor ist es der Kampf um sein Lebenswerk. Nach Angaben seiner Anwältin Sara Hossain hat Yunus am Donnerstag Berufung gegen die Entscheidung der Zentralbank eingelegt. Yunus’ Einwand: Die Altersgrenze gelte in seinem Fall nicht, da die Grameen Bank aufgrund eines Sondergesetztes betrieben werde. Das Gericht kündigte eine Entscheidung für Sonntag an.

In den Augen der armen Bevölkerung bleibt Yunus ein Held. Schuldner reagierten betroffen auf den Rauswurf des Nobelpreisträges. «Wir wissen, dass er ein geachteter Mann ist. Er hat dem Land Ehre gebracht. Wir alle respektieren ihn», sagte die 25-jährige Shefali Akter zum Korrespondenten der Nachrichtenagentur AP. Die Grameen Bank gewährte der Frau Darlehen in der Höhe von umberechnet 720 Euro.

Der US-Botschafter in Bangladesch, James F. Moriarty, zeigt sich betroffen über den Prozess. «Es ist ein ungewöhnlicher Weg mit einem Nobelpreisträger umzugehen, der im Ausland als einer der wichtigsten Bangladescher gilt», sagte er am Donnerstag.

(sas)