Spekulieren mit dem Klima

15. Dezember 2009 21:04; Akt: 15.12.2009 22:32 Print

Der zweifelhafte Handel mit CO2-Zertifikaten

von Werner Grundlehner - Umweltbewusste können beruhigt in die Ferien fliegen, denn der CO2-Ausstoss kann ja mit Geld kompensiert werden. Ein ähnliches System gibt es für Länder und Unternehmen: Wer zu viel Luft verschmutzt, kauft ein Emissionsrecht und ist damit aus dem Schneider. Profitiert wirklich die Natur von diesen Transaktionen – oder sind es doch wieder die Banker?

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Die Welt blickt nach Kopenhagen. Gelingt es, den Klimakollaps zu verhindern? In der Nacht von Freitag auf Samstag werden 100 Staatoberhäupter um einen Entscheid ringen. Einen grossen Anteil an einer Verbesserung des Klimas sollen CO2-Verschmutzungszertifikate haben. «Es wird momentan hauptsächlich über Klimaziele verhandelt, nicht über die detaillierten Instrumente, wie diese erreicht werden sollen», sagt Christoph Sutter, Geschäftsleiter von South Pole Carbon Asset Managemet. Das Zürcher Unternehmen betreibt 120 CO2-Einsparprojekte – vor allem in Asien. Wenn ein Projekt zertifiziert ist, verkauft South Pole die entsprechenden CO2-Zertifikate an Staaten und Unternehmen. Der Handel basiert auf folgendem System: In einem Entwicklungsland wird beispielsweise ein «sauberes» Kraftwerk gebaut. Das Emissionsvolumen, das unter dem Referenzwert liegt, wird an ein Unternehmen in einem Industrieland verkauft, das den Grenzwert überschreitet.

Benzin, Kühe und Rodungen

Bevor man festlegen kann, wer zukünftig wie viel CO2 produzieren darf, muss jedes Land wissen, wo es steht, welchen CO2-Ausstoss es aufweist. Professor Reto Knutti von der ETH Zürich erklärt, wie der Fussabdruck eines Landes gemessen wird: «Die Emissionen von Ländern werden in erster Linie über die importierten und verbrauchten Rohstoffe Öl, Gas und Kohle gemessen.» Diese kenne man ziemlich genau und jedes Land müsse dazu Statistiken führen. Messungen wären gemäss Knutti wenig sinnvoll: «Die CO2-Konzentration in der Luft ist gut durchmischt, und damit ist es schwierig, aufgrund von Messungen des CO2 zu schliessen, woher die Emissionen kommen.» Thomas Roth vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) macht zudem darauf aufmerksam, dass zusätzliche Einflussgrössen beispielsweise Landwirtschaft und Rodungen schwierig zu messen sind.

Länder wollen das Gesicht nicht verlieren

Roth erhofft sich vom Klimagipfel in Kopenhagen klare und langfristige Rahmenbedingungen und Emissionsziele bis 2020. «Nur so kann ein funktionierender Handel entstehen, der dafür sorgt, dass die Emissionen abnehmen», so der Experte vom Seco. Für einen erfolgreichen Handel sei auch notwendig, dass die USA und grosse Schwellenländer wie China und Indien sich auf durchschnittliche Verschmutzungswerte einigten. Sutter, der gerade vom Klimagipfel zurück gekommen ist, blickt zuversichtlich auf den Entscheid: «Vor zwei Wochen war ich noch pessimistisch, nun bin ich überzeugt, dass sich all diese Staaten einen Gesichtsverlust nicht leisten können.» Zudem ginge viel von der Dynamik verloren, die das Thema Klimaschutz in den vergangenen Monaten gewonnen habe.

Doppelzählungen ein Problem

Die Erklärung von Bern (EvB) steht dem Handel mit Verschmutzungszertifikaten skeptisch gegenüber. «Es sind sehr viele dubiose Zertifikate im Umlauf», sagt Andreas Missbach von der EvB. Diese Verbriefungen seien nicht wirklich kontrollierbar: «Es gibt viele Doppelzählungen, ein Entwicklungsland könnte beispielsweise ein ökologisches neu gebautes Kraftwerk einsetzen, um die UNO-Vorgaben zu erreichen und gleichzeitig ein Zertifikat auf die Verbesserung verkaufen». Missbach sieht auch Schwierigkeiten, die Wirkung von Aufforstungen langfristig zu messen. «Volumen und Wirkung sind wegen Bränden und Baumkrankheiten schwer zu quantifizieren», erklärt er. Mit technischen Verbesserungen in den Industrieländern liesse sich bezüglich CO2-Ausstoss rasch viel mehr erreichen als mit dem Handel von Zertifikaten. Ein koordinierter Vorstoss mit ambitionierten Zielen für jedes Land würde laut Missbach viel mehr bringen. «Der Zertifikatehandel ist auch eine Alibi-Übung».

Betrüger unter Anbietern

Auch privaten Anbietern von CO2-Kompensationen wie MyClimate steht Missbach skeptisch gegenüber. «Das ist ein Ablasshandel fürs eigene Gewissen.» Immerhin habe MyClimate Projekte, die Sinn machten. Von anderen Anbietern seien bereits Betrügereien mit Pseudo-Klimaschutz-Projekten aufgeflogen. «Weniger fliegen und mit der Eisenbahn in die Ferien fahren bringt dem Klima immer noch am meisten», fügt er an.

Doch der Handel mit Emissionszertifikaten ist bereits in Schwung, er hat sich zu einem 125-Milliarden-Dollar-Markt entwickelt. In New York und London handeln Hedge-Funds und Investmentbanker mit CO2 wie mit Gold oder Öl. Nun liegt also das Klima in den Händen jener Protagonisten, die die Welt bereits in die aktuelle Finanzkrise geritten haben. Die EU hat mit ihrem Handelssystem bereits ein Waterloo erlebt: Mit einem simplen Steuertrick konnten Betrüger Millionen scheffeln. Theoretisch hätte der Zertifikatehandel 100 Millionen Tonnen CO2 vernichten sollen. Theoretisch – denn messen lässt sich das nur bedingt.

Kinderkrankheiten beseitigt

Christoph Sutter von South Pole hält entgegen, dass es in den ersten Jahren einige Kinderkrankheiten gegeben habe. «Der Markt wurde vor wenigen Jahren von Null aus geschaffen, eine innovative Meisterleistung, doch da passieren immer einige Fehler», so der South-Pole-CEO. Es sei unseriös nun die Aufstartfehler anzuführen, die vor vier Jahren gemacht wurden. Sutter weist darauf hin, dass die tief hängenden Früchte geerntet worden seien, also die Zeit der schnellen Gewinne vorbei sei. «Der Markt ist transparenter geworden und zahlreiche neue Konkurrenten wurden im Markt aktiv.» An der Wahrheit, dass ein global eingesetzter Franken im Klimaschutz mehr bringt, als wenn er in der Schweiz investiert würde, komme man nicht vorbei. Und dafür brauche es die Zertifikate.