Helmut Schmidt

05. Dezember 2011 16:27; Akt: 05.12.2011 16:38 Print

Die Mentholzigarette der Nation

von Sabina Sturzenegger - Der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt (92) sprach am SPD-Parteitag den Deutschen und der EU ins Gewissen. Was von seiner Rede – ausser Rauch – übrigblieb.

Der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) raucht eine Zigarette nach seiner Rede am Sonntag in Berlin.
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Am meisten beeindruckt waren die Kommentatoren, aber auch die Parteigenossen, vom Nebel, den Helmut Schmidt hinterliess: Der Sozialdemokratische deutsche Altkanzler zündete sich am Sonntag nach seiner fulminanten Rede am Parteitag der SPD in Berlin eine seiner legendären Menthol-Zigaretten an und qualmte danach ungeniert hinein in den Saal, wo seine Parteigenossen ihn mit einer «Standing Ovation» umjubelten.

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Anachronistischer Auftritt

Auch sonst mutete der Auftritt des 92-jährigen Mannes, der zwischen 1974 und 1982 deutscher Kanzler war, auf den ersten Blick anachronistisch an: Da sass einer im Rollstuhl an einem gläsernen Designer-Pult vor einer rosaroten Leinwand und hob den Mahnfinger gegen den deutschen Alleingang in Europa. Redete den Deutschen ins Gewissen, sie sollten ihre Schuld gegenüber Europa nicht vergessen und Solidarität zeigen. Und wagte es, das «Gerede und Geschreibe» über die Krise des Euro als «leichtfertiges Geschwätz» abzutun.

Finanzmarkt-Regulierung muss her

So sagte Schmidt, der Euro sei nach wie vor die zweitwichtigste Währung der Welt, «stabiler als der amerikanische Dollar - und stabiler als die D-Mark in ihren letzten 10 Jahren». Doch das Gewicht Europas in der Welt dürfe nicht auf Spiel gesetzt werden, mahnte der Altkanzler. Da die Bevölkerung des Kontinents immer mehr abnehme, «kann man uns am Ende nicht mehr in Prozentzahlen, sondern nur noch in Promillezahlen messen». Deshalb sei es wichtig, so Helmut Schmidt, dass «die Europäer den Mut und die Kraft zu einer durchgreifenden Finanzmarkt-Regulierung aufbringen, dann können wir auf mittlere Sicht zu einer Zone der Stabilität werden». Die Alternative sei die Bedeutungslosigkeit Europas zwischen Washington und Peking.

Wie Deutschland in der Pflicht steht

Nicht zuletzt verlangte Schmidt von Deutschland, dass es etwas von dem zurückgebe, was es an Solidarität nach dem zweiten Weltkrieg erfahren durfte:
«Wir Deutschen haben doch unsere grosse Wiederaufbau-Leistung der letzten sechs Jahrzehnte auch nicht allein und nur aus eigener Kraft zustande gebracht.» Deutschland dürfe sich nicht «national-egoistisch verweigern», wenn es darum gehe, die EU und den Euro zu retten, so der Altkanzler. Denn Deutschland befinde sich dieses Mal nicht in einer «militärisch und politisch» starken Position wie vor dem zweiten Weltkrieg, dafür sei es ein «ökonomisch überstarkes Zentrum».

«Schmidt ist Kult»

Die Rede und der Rauch des 92-jährigen Altkanzlers – sie mögen anachronistisch erscheinen, und doch waren sich nicht nur die deutschen Sozialdemokraten einig, dass Helmut Schmidt damit aufgerüttelt hat. «Der alte Mann kann es» titelte die «Süddeutsche Zeitung» in Anlehnung an den Ausspruch Schmidts, mit welchem er seinerseits Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten empfohlen hatte. «Die Rede Helmut Schmidts hatte Kompassfunktion, wie man es in dieser eindeutigen Weise im Zusammenhang mit europäischer Krise und Eurokrise schon lange nicht mehr gehört hat», schrieb der «Stern» auf seinem Onlineportal. Und der «Spiegel» meinte: «Schmidt ist Kult».

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • gonseth markus am 07.12.2011 15:12 Report Diesen Beitrag melden

    Eine staatsmännische Rede

    Helmut Schmidt hat wieder einmal gezeigt, was es in ganz Europa brauchen würde. Staatsmänner und Frauen die diesen Titel auch verdienen und nicht jeder Wahl hinter und vorherennen. Der Altbundesskanzler hat klar aufgezeigt, was der einzige Ausweg aus der heutigen Misere ist und in Zukunft auch nur sein kann. Uebernahme von Verantwortung mit klaren Regeln, Bestrafung derer die sich nicht daran halten mit einem Bestrafungsmechanismus der auch geprüft werden kann und der greift.Dafür gibt es Eurobonds oder einen anderen Weg der nicht so heisst aber schlussendlich auf das gleiche hinauskommt.

  • ruedi lanz am 05.12.2011 20:39 Report Diesen Beitrag melden

    92 Jahre!

    Nicht vergessen: Der kettenrauchende Mann ist 92 Jahre alt und für dieses Alter körperlich und geistig noch erstaunlich gut drauf! Da werden wohl einige der Antiraucherfanatiker eifersüchtig Vergleiche mit ihrer eigenen Gesundheit gemacht haben......

  • CH-Fan von Schmidt am 05.12.2011 17:02 Report Diesen Beitrag melden

    Ein deutscher Nationalheld

    Wer Schmidt keine Zigarette gönnt, kennt diesen grossartigen Mann nicht. Ihr solltet besser mal auf YouTube einer seiner Reden anschauen aber dafür fehlt den meisten wahrscheinlich der "Backround". Solche Politiker "bräuchten" Deutschland, ach was, brächte Europa um wieder eine klare Linie zu fahren. Man kann alles hinterfragen, doch das wurde jetzt genug lang.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Analyse Rothenberger am 12.12.2011 01:26 Report Diesen Beitrag melden

    Riesenfehler von Schmidt

    sich nach so langer Abstinenz wieder aktiv in die Partei-Angelegenheiten einzumischen. Damit degradiert er die Aktiven zu unbeholfenen Schiessbudenfiguren, die ohne seinen weisen Rat nicht auskommen. Äusserungen zu allgemeinen Fragen würden doch reichen. Stattdessen drückt er den Genossen Fischkopp Steinbrück aufs Haupt, der sowieso nie Kanzler werden wird. So 3x nicht.

  • Edi Hoover am 09.12.2011 10:23 Report Diesen Beitrag melden

    An alle entsetzten Nichraucher

    Da das Rauchen hier Thema ist -> 1. Bin mit allen einig, dass dies bei H.S. Rede einfach kleinkariert ist 2. Wenn Ihr Nicht-Raucher schon so ein gewaltiges Problem habt, wenn in Eurem Umfeld geraucht wird, dann frag ich mich, ob Ihr aus PET-Flaschen trinkt, schwarze Kleider trägt (Socken z.B.) etc. Praktisch alles womit Ihr in Berührung kommt ist inzwischen vergiftet und kann ebenso zu Krebs führen (ist nicht umsonst DIE Krankheit unser Zeit). Wir alle haben nachweislich Stoffe in unserem Blut, die da nicht hingehören und vor 20J gar nicht existierten. Wo bleibt der gesunde Menschenverstand?

  • Paul Brem am 08.12.2011 15:50 Report Diesen Beitrag melden

    Nur noch heisse Luft!

    Schmidt hat seinen Zenith schon längst überschritten. Es kommt nur noch heisse Luft(heisser Rauch).

  • gonseth markus am 07.12.2011 15:12 Report Diesen Beitrag melden

    Eine staatsmännische Rede

    Helmut Schmidt hat wieder einmal gezeigt, was es in ganz Europa brauchen würde. Staatsmänner und Frauen die diesen Titel auch verdienen und nicht jeder Wahl hinter und vorherennen. Der Altbundesskanzler hat klar aufgezeigt, was der einzige Ausweg aus der heutigen Misere ist und in Zukunft auch nur sein kann. Uebernahme von Verantwortung mit klaren Regeln, Bestrafung derer die sich nicht daran halten mit einem Bestrafungsmechanismus der auch geprüft werden kann und der greift.Dafür gibt es Eurobonds oder einen anderen Weg der nicht so heisst aber schlussendlich auf das gleiche hinauskommt.

  • Jean-Francois Morf am 07.12.2011 10:46 Report Diesen Beitrag melden

    FinanzMarktRegulierung seit 2008 fällig!

    "den Mut und die Kraft zu einer durchgreifenden FinanzMarkt-Regulierung aufbringen" Damit nicht mehr Goldmann Sachs Europa und USA regiert!