Fachkräftemangel

15. April 2019 10:38; Akt: 16.04.2019 08:05 Print

Er hat eine Lehrstelle, die nur wenige wollen

von V. Blank - Die Zahl der Bierbrauereien in der Schweiz ist explodiert. Nur an qualifizierten Fachkräften fehlts. Die Bierbranche sucht dringend Nachwuchs.

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Zu wenig Jugendliche absolvieren die Ausbildung zum Brauer. Im Bild: Laurin Scognamiglio. Lernender bei Feldschlösschen. Feldschlösschen bildet pro Jahr vier bis fünf Lernende (in den verschiedenen Lehrjahren) zum «Lebensmitteltechnologen, Schwerpunkt Bier» aus – so lautet die offizielle Berufsbezeichnung. Im Bild: Pascal Mahrer (links) und Jan Männl. Insgesamt gibt es in der Schweiz 25 Lehrbetriebe, die 10 bis 12 Bierbrauer-Lehrstellen pro Jahr anbieten. Im Bild: Pascal Mahrer Auch bei Heineken spürt man den Mangel an Nachwuchs: «Uns fehlt es an Brauern und anderem Fachpersonal», sagte Heineken-Schweiz-Chef Bart De Keninck kürzlich zur «Aargauer Zeitung». Bier ist ist beliebt. Doch nicht alle wissen so genau, was sie sie da eigentlich trinken. Die folgenden Bilder sollen das ändern. Erfunden haben das Bier vor rund 6000 Jahren die Sumerer. Das zeigen Abbildungen biertrinkender Personen aus der Zeit von etwa 3000 vor Christus. Die älteste überlieferte Bierschankordnung der Welt enthält der sogenannte Codex Hammurapi , der auf den sechsten König der 1. Dynastie von Babylon zurückgeht. Ein Punkt darin: «Bierpanscher werden in ihren Fässern ertränkt oder so lange mit Bier vollgegossen, bis sie ersticken.» Bis ins Mittelalter war das Brauen Frauensache. Die ersten männlichen Brauer waren Mönche. Sie wollten ein nahrhaftes Getränk zu ihren Mahlzeiten. Denn Trinken war auch in der Fastenzeit erlaubt. Als ältestes Braukloster gilt das in St. Gallen, das ganze drei Brauhäuser unter seinen Fittichen hatte. Im Jahr 1516 erliess Herzog Wilhelm IV. von Bayern das deutsche Reinheitsgebot. Dies besagte, dass zum Brauen von Bier einzig Gerste, Hopfen und Wasser verwendet werden durften. Es sollte den Weizen als Getreide für Brot schützen. Die Hefe kam erst später hinzu. Um 1885 hatte in der Schweiz das Bier den Wein als Nationalgetränk endgültig verdrängt und unter den 530 Brauereien begann sich mit den technischen Errungenschaften ein harter Konkurrenzkampf auszubreiten. Die kleinen Brauereien hatten gegenüber den grossen aus Kostengründen das Nachsehen. Vor 200 Jahren wurde London von Bier überflutet: In der Brauerei Horse Shoe Brewery brachen am 16. Oktober 1814 riesige Bierfässer mit fast 1,5 Millionen Litern Inhalt. Das Bier strömte auf die Straße und zerstörte einige Häuser, mindestens sieben Menschen kamen damals ums Leben. Der Biergarten entwickelte sich aus den Bierkellern des frühen 19. Jahrhunderts. Das damals verbreitete untergärige Bier war wärmeempfindlich. Es musste bei niedrigen Temperaturen gebraut und gelagert werden. Um auch im Sommer Bier ausschenken zu können, stellten die Brauer Bänke und Tische auf die Wiesen direkt vor ihren Keller - der Biergarten war geboren. Im Sommer 1922 wurde das erfunden, was hierzulande Panaché heisst. Der Münchner Wirt Franz Xaver Kugler erwartete rund 13'000 Velofahrer. Weil er befürchtete, dass seine Biervorräte nicht reichen würden, streckte er das Bier für die durstigen Radler mit Limonade. Das Gemisch kam an und das Radler war erfunden. Die erste Bierdose - die erste Getränkedose überhaupt - wurde 1933 in den USA vorgestellt. Abfüller war die Brauerei Gottfried Krueger Brewing Company. Weil die Resonanz positiv war, kamen die Büchsen am 24. Januar 1935 in den Handel. Diese hatten noch keinen integrierten Verschluss, sondern mussten mit einem spitzen Werkzeug angestochen werden. Wer schnell beruflichen Erfolg haben möchte, sollte ab und an mit dem Chef ein sogenanntes Karrierebier trinken gehen. Denn Arbeitnehmer, die das regelmässig tun, verdienen laut schottischen Forschern rund ein Sechstel mehr als ihre enthaltsamen Kollegen. Das stärkste Bier der Welt hat einen Alkoholgehalt von 67,5 Prozent und heisst «Snake Venom». Es kommt von der schottischen Brauerei Brewmeister. Trotz des hohen Alkoholgehalts schmeckt es vor allem hopfig und malzig. Probieren kann man es nicht mehr: Es ist ausverkauft. Wie jedes Getränk lindert auch Bier Erkältungssymptome - wenn es aufgewärmt wird. Hinzu kommt, dass es müde macht und beim Einschlafen hilft. Aber sobald die Wirkung nachlässt, entsteht eine Art Entzug. Man schläft schlechter, wacht immer wieder auf und ist am nächsten Tag gerädert. Deshalb besser: Finger weg! Stillende Mütter, die nicht genug Milch produzieren, sollten es mal mit einem alkoholfreien Bier versuchen. Denn die Gerste fördert die Produktion von Porlaction, einem Hormon, das die Milchproduktion in Gang setzt. Zudem sorgt der hohe Hopfenanteil für mehr Ruhe und Gelassenheit. An den oft dicken Bäuchen von fleissigen Biertrinkern ist das Bier nur bedingt schuld. Es besitzt zwar Kalorien, aber nicht so viele, dass es ins Gewicht fallen würde. Schuld daran ist einzig das Essen. Denn Bier regt den Appetit an.

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Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine solch hohe Brauerei-Dichte wie in der Schweiz. Waren es im Jahr 2010 noch rund 300 Braustätten gewesen, sind es heute über 1000.

Dieser Boom bringt nicht nur mehr Bier-Spezialitäten in die Schweiz, sondern auch einen erhöhten Bedarf an ausgebildeten Bierbrauern. Doch genau an diesen mangelt es. «Nachwuchs ist dringend gesucht», schreibt etwa die Brauerei Feldschlösschen. Zu wenig Jugendliche würden die Ausbildung zum Brauer absolvieren.

Lehre ist grösstenteils unbekannt

Bei den rund 1000 Braustätten in der Schweiz handelt es sich beim Grossteil um Klein- und Mikrobrauereien. Im professionellen Handel tätig sind rund 70 bis 80 Unternehmen, sagt Stéphane Quellet. Er ist bei Feldschlösschen verantwortlich für die Ausbildung von Brauer-Lehrlingen und kennt die Gründe, warum die Rekrutierung des Nachwuchses harzt: «Viele wissen überhaupt nicht, dass es in diesem Bereich eine Lehre gibt.» Zu Recht hätten sich viele potenzielle Kandidaten wegen ihres jungen Alters noch nicht mit dem Thema Bier auseinandergesetzt.

Feldschlösschen bildet jedes Jahr vier bis fünf Lernende (in den verschiedenen Lehrjahren) zu «Lebensmitteltechnologen, Schwerpunkt Bier» aus – so lautet die offizielle Berufsbezeichnung. Für den Lehrbeginn im August 2019 sind beim Unternehmen noch zwei Bierbrauer-Lehrstellen frei.

Mehr Betriebe motivieren

Neben der geringen Bekanntheit der Ausbildung leide man unter demselben Phänomen, das viele handwerkliche Branchen kennen würden, sagt Ausbildner Quellet: «Viele junge Leute bevorzugen ein Studium statt einer Lehre.» Das Image vom Bierbrauer, der schwere Säcke und Fässer tragen müsse, sei aber überholt. «Natürlich wird noch einiges von Hand gemacht, aber viel wird auch am Computer oder an den Steuerungen der Anlagen gearbeitet.»

Insgesamt gibt es in der Schweiz 25 Lehrbetriebe, die 10 bis 12 Bierbrauer-Lehrstellen pro Jahr anbieten. Ziel des Schweizer Brauereiverbands (SBV) ist es, in Zukunft mehr professionell tätige Brauereien zur Lehrlingsausbildung zu motivieren, um den Fachkräftemangel aufzufangen. Die Zahl der Lehrbetriebe soll auf rund 35 steigen.

Lehrlinge kreieren eigenes Bier

Um den Beruf des Bierbrauers bekannter zu machen, geht die Branche nun in die Offensive. Dafür spannt Feldschlösschen mit dem Detailhandel zusammen. Vier Lehrlinge von Feldschlösschen haben ein eigenes Bier kreiert, das zwischen dem 23. und 27. April bei Coop verkauft wird. Ihr «Feldschlösschen Kristallweizen» wird in grösseren Filialen in der ganzen Schweiz erhältlich sein.

Mit dieser Aktion sollen Jugendliche auf die Ausbildung zum Brauer aufmerksam gemacht werden. Der Verkaufserlös fliesst in den Ausbildungsfonds des SBV und dient unter anderem der Einrichtung einer Lernwerkstatt für die Nachwuchs-Bierbrauer.

Mitarbeit: Sandro Spaeth

sentifi.com

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schorsch am 15.04.2019 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    300'000.- Lohn

    Vielleicht sollte man hier einen Jahreslohn von CHF 300'000.- ansetzen. Ein Bierbrauer leistet auf jeden Fall mehr als das ganze Militärkader.

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  • Fabian Müller am 15.04.2019 10:43 Report Diesen Beitrag melden

    Handwerklich

    Jeder will nur noch ins Büro, in ein paar Jahren wenn der Kaufmann durch den Computer ersetzt wird braucht es einen grossen Teil der Arbeiter nicht mehr. Wer dann Handwerker etc. ist verdient schnell mal mehr als ein Bänker.. Wenn das nicht schon heute der Fall ist.

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  • Pascal am 15.04.2019 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bierbrauer

    Ich habe Bierbrauer gelernt. Ein schöner Beruf, nebst dem brauen lernt man in der Schule vieles über unsere Lebensmittel.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Martial2 am 20.04.2019 13:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum auch nicht lernen?

    Bier Brauer, wie auch Oenologe sind sehr schöne und vielseitige Berufe, die auch sehr gut bezahlt sind!

  • Alban am 19.04.2019 18:32 Report Diesen Beitrag melden

    Finde nix

    Suche seid 2 Jare eine Leerstelle, finde aber keine.

  • Roland am 19.04.2019 15:14 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Schein

    @ Fabian Müller Bänker, die leben ja eh ihrer Scheinwelt mit ihren theoretischen Annahmen. Früher liefen sie so durch die Bahnhofstrasse als wären sie Könige. Heute kennt jeder ihre Scheinwelt! Als Brauer kann man zumindest bodenständig bleiben.

  • Rumpelstilzchen am 16.04.2019 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    Heute back ich..morgen brau ich

    Ich selber trinke keinen Alkohol .. aber Bierbrauer als Beruf finde ich extrem coool. Wenn ich nochmals vor der Berufswahl stünde.. würde ich wohl etwas mit Lebensmitteln machen. Ist doch super wenn man an etwas beteiligt ist was man nachher essen oder trinken kann.

  • ein vater am 16.04.2019 15:57 Report Diesen Beitrag melden

    Ausbilden????

    Interessant dass die Brauereien suchen, mein Sohn und sein Kollege haben unendlich viele Brauereien angeschrieben. Keiner wollte ausbilden. D