Eurokonti-Boom

15. Februar 2011 13:27; Akt: 15.02.2011 13:45 Print

Die Schweizer – ein einig Volk von Zockern?

von V. Beck und G. Moinat - Im letzten Jahr erlebten die Schweizer Finanzinstitute eine wahre Eurokonto-Eröffnungswelle. Über die Gründe zerbrechen sich Experten die Köpfe.

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Ein Grund für Währungsspekulationen: Ende Januar war der Euro so tief wie noch nie. (Bild: Keystone)

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10 000 neue Eurokonti oder 30 Prozent mehr Neueröffnungen als in den Vorjahren. So viele neue Konti in der Einheitswährung verzeichnet Postfinance fürs Jahr 2010. Bei der Basler Kantonalbank nahmen die Eurokonti «um beachtliche» neun Prozent zu, wie die BKB schreibt.

Und auch bei der Zürcher Kantonalbank und der Raiffeisenbank stieg die Anzahl der Eurokonten im letzten Jahr. Quantifizieren wollen die beiden Banken den Trend allerdings nicht. Auch die Grossbanken UBS und Credit Suisse hüllen sich bei Detailzahlen in Schweigen.

Quantifizieren lässt sich aber, dass Banken an Fremdwährungskonti kräftig verdienen. Das Führen eines Eurokontos kann je nach Institut bis zu 40 Franken pro Jahr kosten. Das ist aber noch der kleinste Kostenpunkt: Richtig ins Geld gehen vor allem Ein- und Auszahlungen auf Fremdwährungskonti (20 Minuten Online berichtete).

«Billig kaufen, wieder verkaufen»

Angesichts der Neueröffnungszahlen scheinen sich Herr und Frau Schweizer aber an den Kosten wenig zu stossen. Einige rechnen wohl damit, mittels Kursgewinnen den Transaktionskosten ein Schnippchen zu schlagen. «Angesichts des überdurchschnittlichen Zuwachses in den letzten Monaten gibt es wohl Kunden, die Euro zurzeit billig kaufen, um diese bei günstiger Kursentwicklung wieder zu verkaufen», schätzt Marc Andrey, Sprecher von Postfinance.

Diese Version unterstützt auch Rolf Biland, Chef Anlagestrategie beim VZ Vermögenszentrum. «Eine mögliche Erklärung für die Zunahme ist, dass die Bankkunden auf einen steigenden Eurokurs spekuliert haben und deshalb Guthaben in Euro aufbauten», sagt er. Schliesslich sei der Euro noch nie so tief bewertet gewesen.

Für Euro-Wertschriften und Transaktionen

Doch neben dem Zockerinstinkt der Eidgenossen, dürften noch andere Gründe zur Zunahme beigetragen haben. «Einen gewissen Reiz hatten zudem Obligationen in Euro, weil der Zins relativ zu Schweizer Anleihen attraktiv war», erklärt Biland. Die durchschnittlichen Zinserträge auf fünfjährige Anleihen in Euro beziffert er auf rund 2,3 Prozent, während gleichwertige Schweizer Anleihen nur 1,35 Prozent Zinsen abwerfen. «Um mit Euro-Anleihen zu handeln, macht ein Eurokonto Sinn.»

Denn werden Coupons in Euro ausbezahlt, fallen immer wieder kleinere Zinserträge an. Da Banken auf kleine Beträge aber schlechte Kurse bezahlen, sammle man die Zinszahlungen besser, um dann mit geringerem Wechselkursverlust in Euro zu tauschen. Doch Biland warnt, dass dieses Spiel nicht ungefährlich sei: «Das Währungsrisiko, gerade im 2010, war erheblich.»

Auch bei der Zürcher Kantonalbank ist man der Meinung, dass Kunden Eurokonti insbesondere für Wertschriften und Überbrückungs-Transaktionen gebrauchen.

Oder doch Einkäufe und Ferien?

Die Raiffeisen hat eine andere Erklärung für das Phänomen. Gerade Banken in Grenzregionen dürften häufiger Kunden verzeichnen, die auch Euro halten, vermutet Raiffeisen-Sprecher Franz Würth. «Sei es für Einkäufe oder Ferien im grenznahen Ausland.»

Doch von dieser Personengruppe dürften nicht nur Schweizer Institute, sondern auch die Banken in den Nachbarländern profitiert haben. Denn dort bekommt der Kunde deutlich bessere Euro-Zinsen als bei hiesigen Geldinstituten.