Rezessionsangst

11. August 2010 19:41; Akt: 11.08.2010 19:41 Print

Die US-Notenpresse läuft weiter

von Othmar Bamert - Aus Angst vor einer neuen Rezession pumpt die US-Notenbank Fed weiter Geld in den Wirtschaftskreislauf. Finanzexperten befürchten Auswirkungen für die Weltwirtschaft.

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Weitere Geldspritzen für die US-Wirtschaft. US-Notenbank Federal Reserve in Washington. (Bild: Keystone)

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Ein Wortbruch auf hohem Niveau: Noch im Frühjahr liess die US-Notenbank Federal Reserve verlauten, angesichts der sich erholten Wirtschaft die Zügel bald etwas anzuziehen und nicht weiteres Geld in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen, um die Konjunktur nicht zu überhitzen.

Am Dienstag nun die Kehrwende: Entgegen ihren früheren Ankündigungen beschlossen die US-Währungshüter, Einnahmen aus auslaufenden Wertpapieren in eigene Staatsanleihen zu reinvestieren. Das heisst: Die Hunderte von Milliarden Dollar, welche die Fed in der Krise in den Wirtschaftskreislauf gepumpt hat, bleiben im Umlauf. Dadurch sollen auch die langfristigen Marktzinsen sinken, um Investoren und Konsumenten bei Laune zu halten.

Angst vor japanischen Verhältnissen

Grund für den Wortbruch der Währungshüter: Die US-Wirtschaft entwickelt sich schwächer als erwartet. Top-Ökonomen haben die US-Konjunkturprognosen nach unten geschraubt; die US-Wirtschaft wächst jetzt nicht mehr «moderat», sondern «bescheiden», so der Wortlaut.

Für Susanne Toren, Analystin bei der Zürcher Kantonalbank ZKB ist klar: «Die Fed hat Angst vor einer Deflation und Rezession à la Japan in den neunziger Jahren». Eine derartige Entwicklung würde Investitionen und Konsum in den USA und auch anderswo nachhaltig beeinträchtigen.

Keine weitere Dollar-Entwertung erwartet

Bedeutet die «Dollar-Schwemme» nun eine weitere Entwertung der US-Währung gegenüber Euro und Schweizer Franken? Der Dollar hat in den letzten Tagen die vorherigen Gewinne zum Euro wieder eingebüsst. Toren hält die Bedenken für unbegründet. Die US-Währung sei momentan unterbewertet. Zudem habe die Euro-Krise «die Bedeutung des Dollar als Leitwährung eher wieder bekräftigt». Als sicherer Hafen in unsicheren Zeiten gelten immer noch US-Treasuries (amerikansiche Staatsanleihen), so die ZKB-Analystin.

Augenwischerei der Fed

Sehr kritisch beurteilt Ernst Baltensperger, Leiter eines Forschungsinstituts der SNB und emeritierter Professor für Geldpolitik, die neuste Aktion der US-Notenbank. Die amerikanische Konjunktur laufe zwar nicht so wie geplant. Die Fed müsse aber den Tatsachen in die Augen schauen, meint Baltensperger: «Die USA hat eine Schuldenkrise zu bewältigen, das dauert Jahre». In dieser Zeit werde die US-Wirtschaft weniger stark wachsen, solange «bis sich Konsum und Produktion an die neuen Verhältnisse angepasst haben», so der Ökonom. Das heisst: die Amerikaner müssten aufhören, über ihre Verhältnisse zu leben und solange ihre Gürtel enger schnallen, bis sich Konsum und Produktivität der Wirtschaft auf gleichem Niveau bewegen. Die Fed verschiebe mit ihrer neusten Aktion diese harte Tatsache nur in die Zukunft, so Baltensperger.

Die Entscheidung war innerhalb der Fed ebenfalls umstritten, schreibt die «Financial Times». So habe der Chef der regionalen Fed St. Louis, James Bullard, jüngst vor einer Deflation gewarnt und eine Ausweitung der Geldmenge propagiert. Andere Vertreter glauben jedoch nicht mehr, dass zusätzliche Massnahmen noch etwas bringen, da die Marktzinsen bereits jetzt auf einem Tiefstand sind. Sie fürchten um die Reputation der Fed als Hüterin stabiler Preise. Mit Wortbrüchen ist die Reputation jedenfalls schwierig zu erhalten.