Wirtschaft oder Gesundheit

26. März 2020 18:24; Akt: 26.03.2020 18:24 Print

Die Schweiz steht vor einem ethischen Konflikt

von B. Scherer - Sind Menschenleben wichtiger als das Wohl der Wirtschaft – das wird in den USA bereits diskutiert. Auch in der Schweiz wird es laut Ethikern zu dieser Debatte kommen.

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Wegen des Coronavirus ist das öffentliche Leben so gut wie erloschen. Die Wirtschaft bricht ein und Unternehmen kämpfen um ihr Überleben. In den USA ist darum eine Debatte darüber ausgebrochen, was besser für das Land ist: möglichst wenig Corona-Kranke oder eine tiefe Rezession. Auch die Schweiz müsse sich diese Frage früher oder später stellen, sagt Markus Huppenbauer, Wirtschaftsethiker der Universität Zürich.

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Möglichst wenige Corona-Kranke oder eine gesunde Wirtschaft: Was ist wichtiger?

Als erste Reaktion auf eine Pandemie sei es richtig, der Gesundheit der Bevölkerung höchste Priorität zu geben. Je länger aber die Krise dauere, umso mehr müssten dann auch wieder andere Aspekte berücksichtigt werden. «Hier eine richtige Balance zu finden, ist die Aufgabe des Bundesrates: eine sehr schwierige Verantwortung», so Huppenbauer.

Niemand schreibt vor, was wichtiger ist

Es handle sich um ein klassisches Problem eines ethischen Konflikts. «Im Extremfall muss man zwei Optionen gegeneinander abwägen: die Leben der gefährdeten Personen gegen die Leben der Menschen, deren Wohlergehen durch eine mögliche Wirtschaftskrise gefährdet ist.» Doch es gebe keine übergeordnete ethische Instanz, die sagt, was wichtiger ist.

An einem gewissen Punkt müsse das Wohl der Wirtschaft gleichberechtigt neben die Gesundheit gestellt werden. Denn: «Wenn die Wirtschaft zu lange stockt, ist das auch schlecht für das Wohl der Bevölkerung», so Huppenbauer.

Wirtschaft ist zum Wohl der Menschen da

Der Mensch dürfe nie nur ein Mittel zum Zweck sein, sagt der Sozialethiker Michael Coors von der Universität Zürich. Trotzdem sei das Wohl der Wirtschaft wichtig: «Wir können nicht alles stilllegen, das würde mittelfristig nur zu Arbeitslosigkeit und Armut führen, und das wäre für alle schlecht.»

Schliesslich sei die Wirtschaft für das Wohl der Menschen da und nicht umgekehrt. Deshalb brauche es ein funktionierendes Wirtschaftsleben. Davon hänge auch das Gesundheitssystem ab. «Dieses kann nur funktionieren, wenn die ganze medizinische Ausstattung weiterhin hergestellt wird», sagt Coors.

Menschen nicht für die Wirtschaft opfern

Für den Ethiker Peter Kirchschläger von der Universität Luzern ist das Ganze hingegen keine Debatte, die es sich zu führen lohnt: «Jeder Mensch hat Menschenwürde, einem Menschenleben darf nicht einfach ein bestimmter Wert beigemessen werden.» Die Wirtschaft dürfe nicht mehr wert sein als ein Leben, und ein Mensch könne nicht für das Wohl der Wirtschaft geopfert werden.

Kirchschläger kritisiert auch das Vorgehen des Bundes: «Baustellen und die Industrie sind nur geöffnet, weil ein ökonomisches Interesse überwiegt. Das ist inakzeptabel.» Es gehe um Menschenleben, die Gesundheit der Arbeiter müsse Vorrang haben.

Komme es irgendwann zu einer Überlastung des Gesundheitssystems, habe der Bundesrat versagt. «Das würde zeigen, dass wir zu lange gewartet und die Menschen zu lange einem Risiko ausgesetzt haben – aus wirtschaftlichen Gründen», sagt Kirchschläger.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • M. Klein am 26.03.2020 18:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Augen auf und durch!

    Versteht doch endlich mal, es geht nicht um das Virus. Stoppt den Wahnsinn!

    einklappen einklappen
  • Franco am 26.03.2020 20:00 Report Diesen Beitrag melden

    Realismus

    Jetzt kann man noch grosse Sprüche klopfen. Aber ich hoffe, dass ihr den Job verliert und die Rechnungen nicht mehr bezahlen könnt. Dann will ich sehen, wie ihr im Internet eure Kapriolen abgeben könnt! Versteht mich nicht falsch: Menschenleben sind wichtiger, das ist keine Frage. Aber ohne Wirtschaft lungert ihr dann auf der Strasse rum und bettelt um Arbeit. Echt jetzt, sind hier alles Antikapitalisten am schreiben...?!

  • Max Müller am 26.03.2020 19:50 Report Diesen Beitrag melden

    Wirtschaft = sie + ich

    Ich kann es nicht mehr hören, wenn von "der Wirtschaft" gesprochen wird. Die Wirtschaft ist nicht eine Handvoll reicher Leute, sondern das sind Sie, das bin ich, das sind alle in der Schweiz wohnenden Personen. Das sind alle Leute die Geld verdienen, selbstständig oder unselbstständig, sonstwie erhalten und dieses auch wieder ausgeben. Zum Mitschreiben, wird nicht gearbeitet, dann gibts keine Einkommen, keine Steuern, keine Sozialversicherungen und keine Krankenkassen. Auch in der Schweiz ist Geld nicht unendlich...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter am 27.03.2020 08:39 Report Diesen Beitrag melden

    hängi

    Sind Menschen nicht für das Wohl der Wirtschaft verantwortlich? Und die Wirtschaft dann für unser Wohl? Dafür muss ich kein Ethik-Student sein...

  • Roter Hund am 26.03.2020 20:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lach lach

    Was wollt ihr, kein lkw, werkstatt, coiffeur alles dicht, und so weiter einfach nix mehr. Zum lachen wer hier grgen die wirtschaft schreibt. Ach ja was die spietäler brauchen kommt von der wirtschaft.

  • Franco am 26.03.2020 20:00 Report Diesen Beitrag melden

    Realismus

    Jetzt kann man noch grosse Sprüche klopfen. Aber ich hoffe, dass ihr den Job verliert und die Rechnungen nicht mehr bezahlen könnt. Dann will ich sehen, wie ihr im Internet eure Kapriolen abgeben könnt! Versteht mich nicht falsch: Menschenleben sind wichtiger, das ist keine Frage. Aber ohne Wirtschaft lungert ihr dann auf der Strasse rum und bettelt um Arbeit. Echt jetzt, sind hier alles Antikapitalisten am schreiben...?!

  • Hulk Huber am 26.03.2020 19:59 Report Diesen Beitrag melden

    Schützt die Wirtschaft vor dem Virus

    Da wir ja alle miteinander um Geld konkurrieren, gewinnt im weltweiten Wettbewerb derjenige, der möglichst bald trotz (und auch mit) Corona wieder Geld herstellen kann. Darum haben die Chinese ganz schön Eindruck geschunden bei den westlichen Regierungen wie sie mit so einer Pandemie fertig werden, die sind nämlich schon wieder fleissig am Arbeiten. Und nur aus Arbeit kann man schlussendlich Geld machen. Darum muss man bei so einer Kriee viel staatliche Szenarien und Vollmachten haben, wie die Chinesen. Der leicht zynische Unterton meines Beitrags wird hoffentlich nicht übersehen.

  • CH am 26.03.2020 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt?

    Die richtige Antwort eines Wirtschaftschefs ist natürlich wirtschaft, solange er den Virus noch nicht selbst hat ! Bevor sie über diese Fragen sprechen, sollten sie zuerst den Patienten auf der Intensivstation besuchen.