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17. Juni 2011 11:02; Akt: 25.02.2013 17:18 Print

Die grössten Lebensmittel-Skandale

von Elisabeth Rizzi - EHEC-Sprossen, Gammelfleisch, Dioxin-Eier: In den letzten Jahren machten dutzende Fälle von verunreinigten Nahrungsmitteln Schlagzeilen. Die Folge: Schäden in Milliardenhöhe.

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Nicht nur der Ehec-Keim hat viel wirtschaftlichen Schaden angerichtet. Die ist lang: Eine Zusammenstellung von BSE bis Gammelfleisch. Rund 3000 Menschen sind am Ehec-Schub erkrankt. Fast 40 Infizierte sind an der Darmkrankheit gestorben. Und die Gemüsebauern leiden an massiven Umsatzeinbussen. Die EU sichert den Bauern 210 Millionen Euro Schadenersatz zu. Die Schweizer Bauern schätzen ihre Umsatzeinbusse auf bis zu 3 Millionen Franken. Der Bund prüft eine Entschädigung. Wegen 3000 Tonnen verunreinigtem Futterfett gelangt Dioxin in Eier. 1000 Tierzuchtbetriebe werden vorübergehend gesperrt. Die Einstellung der Produktion kostet pro Betrieb und Woche 20 000 bis 30 000 Euro. Die italienischen Behörden beschlagnahmen 70 000 Packungen deutschen Mozzarella. Der Grund: Der in Deutschland produzierte Käse lief nach dem Öffnen der Verpackung blau an. Als Ursache wurden gesundheitsschädigende Bakterien vermutet. Der Vorfall führte zu einer Demonstration von rund 1000 italienischen Milchbauern für eine bessere Kennzeichnung von nicht italienischen Lebensmitteln. Erst werden 70 Millionen Liter mit krebserregenden Chemikalien gepanschter Billigwein beschlagnahmt. Dann werden 4 Millionen Liter Brunello-Wein entdeckt, der mit unerlaubten Traubensorten verschnitten ist. Die USA als wichtigster Abnehmer des Edelweins blockieren für mehrere Wochen den Brunello-Import. Immerhin verhinderten die Bauern den Einbruch des jährlichen Pro-Kopf-Einkommens von 243 000 Franken und damit den Verlust des Titels als reichste Agrargemeinde der Welt: Am 28. Oktober 2008 entscheiden sich die Brunello-Produzenten für die Beibehaltung der DOCG-Vorschriften des Brunello di Montalcino: Er wird auch in Zukunft ausschliesslich mit Sangiovese-Trauben hergestellt. Die italienischen Behörden entdecken 11 000 Tonnen verfaulten und verschmutzten Käse. Die teils dreissigjährigen Käse waren von 40 Molkereien sind als Mozzarella oder Gorgonzola verkauft worden. Betroffen sind auch Produkte von der in der Schweiz erhältlichen Marke Galbani. In zwei Jahren haben die siziliansichen Betrüger rund 16 Millionen Franken Umsatz mit dem Gammelkäse gemacht. Im selben Jahr beschlagnahmen die Behörden Büffelmozarella mit einem zu hohen Dioxin-Gehalt. In der Folge fallen die Umsätze der 1900 Betriebe mit einer Jahresproduktion von 35 600 Tonnen um 50 Prozent. Als Ursache für die Dioxinbelastung wird ein Zusammenhang mit der unsachgemässen Müllverbrennung in der Anbauregion bei Neapel vermutet. Während mehreren Wochen gelangt mit Melamin verunreinigtes Milchpulver in den Verkauf. 22 Produzenten haben die Chemikalie dem Milchpulver beigemischt, um eine bessere Qualität vorzutäuschen. Gut 300 000 Babys entwickelen daraufhin gefährliche Nierensteine, mehrere sterben. Die in den Skandal verwickelten Lebensmittelkonzerne zahlen daraufhin rund 140 Millionen Franken Entschädigung. Zudem gründen die Milchproduzenten einen Fonds, um die Kosten von allfälligen Folgeerkrankungen zu tragen. Über 400 Lebensmittel sind mit dem Färbemittel Sudan 1 kontaminiert. Schuld waren zwei Tonnen kontaminierter Chili aus Indien, welche die britischen Behörden trotz einer Grossrazzia bei der Lieferung 2002 übersehen hatten. Das Pulver landete bei einem Lebensmittelkonzern, der unter anderem eine Worcester-Sauce herstellte, die von diversen Herstellern von Fertiggerichten ebenfalls verwendet wurde. Sudan 1 sorgt für eine schöne rote Farbe, gilt aber auch als krebserregend. Verschiedene Funde von verdorbenem Fleisch im Verkauf sorgen für Aufsehen. Die Reihe begann mit 131 Tonnen verdorbenen Rind- und Putenfleisch in Niedersachsen und Hamburg. Gleichzeitig kommt heraus, dass Mitarbeiter von Real, einer Tochter des Metrokonzerns, altes Fleisch neu verpacken und umetikettieren. Weitere mehrere hundert Tonnen Funde von nicht für den menschlichen Verzehr geeignetem Fleisch folgen an verschiedenen Orten Deutschlands. Über den wirtschaftlichen Schaden ist wenig bekannt. Trotzdem wird in Deutschland noch immer deutlich mehr Fleisch konsumiert wird als in der Schweiz. Der Prokopf-Verbrauch beträgt in unserem nördlichen Nachbarland 60,5 Kilo, bei uns liegt er bei 53,6 Kilo. Der Bund erlässt einen vorübergehenden Importstopp für chinesisches Geflügel wegen Antibiotikarückständen. Bereits 1999 wurden in Pouletfleisch aus Belgien erhöhte Dioxinwerte entdeckt. Obwohl sich bei Coop die Verkäufe von Knospe-Pouletfleisch in den letzten drei Jahren verdreifachten und auch Migros steigende Absätze des Biopoulets aus der Sélecion-Linie vermeldet, ist Biopoulet aber immer noch eine Nische im Geflügelmarkt geblieben. Nachdem italienische Winzer ihren Wein mit dem Nervengift Methanol gepanscht haben, sterben 23 Menschen. Über 100 müssen hospitalisiert werden. Mindestens 103 Abfüllbetriebe sind in den Skandal verwickelt, 240 000 Hektoliter Wein werden beschlagnahmt. Der BSE-Erreger wird Mitte der Achtzigerjahre wird erstmals bei Rindern in Grossbritannien festgestellt. Bis 1992 steigen die Fallzahlen auf über 36 000 an. Insgesamt sind rund 190 000 BSE-erkrankte Rinder in die Nahrungskette gelangt. Bis 1990 wird der Import von britischem Rindfleisch in 17 Ländern verboten. In der Schweiz wird der erste offizielle Fall 1990 bestätigt, der Höhepunkt ist 1995 mit 68 Fällen erreicht. Die rund 7000 Stichproben pro Jahr kosten die Schweiz noch immer etwa 2 Millionen Franken jährlich. Diverse österreichische Weinbauern panschen ihre Weine mit dem Frostschutzmittel Diethylenglykol, damit der Wein süss und geschmeidig wird. In der Folge werden 803 österreichische und 27 deutsche Weine auf eine Warnliste gesetzt. Denn die Chemikalie kann Leber, Niere und Gehirn schädigen. Millionen von Flaschen werden vom Markt genommen. In der Folge brechen Österreichs Weinexporte um 95 Prozent ein. Etliche Weinhandelsunternehmen und Weinproduzenten gehen bankrott, auch wenn sie nicht in den Skandal verwickelt waren. Allein die Prozesskosten werden auf 9 Millionen Euro beziffert. Strassenhändler verkaufen hunderte Tonnen Rapsöl für die Industrie als reines Olivenöl. Die Folgen: 30 000 Menschen werden krank, 1000 sterben. Die Überlebenden leiden noch heute an einem geschädigten Immunsystem. 1998 ordnet der Gerichtshof in Madrid eine Entschädigung von 5,4 Milliarden Franken durch den spanischen Staat an. Obwohl in Deutschland die Anwendung von Hormonen in der Tiermast seit 1958 verboten ist, entdecken Kontrolleure vielerorts das wachstums-fördernde, synthetische Hormon DES (Diethylstilböstrol) in Kalbfleisch. Dieses Östrogen kann bei Menschen Krebs auslösen. Durch einen Boykott in der Deuschschweiz erleiden auch Schweizer Bauern Verluste in Millionenhöhe.

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Die EHEC-Epidemie flaut ab. Doch nach der Erleichterung folgt der Katzenjammer: Millionen von Salatköpfen, Tomaten, Gurken und anderem Gemüse wanderten in den letzten Wochen in den Schredder. Die Konsumenten mochten Rohkost nicht mehr anrühren. 210 Millionen Euro Entschädigungszahlungen sollen nun die europäischen Gemüsebauern aus Brüssel bekommen. Auch der Schweizer Bundesrat hat diese Woche bekannt gegeben, eine Entschädigung an die heimischen Gemüsebauern für den Umsatzverlust zu prüfen. Diesen schätzt der Verband der schweizerischen Gemüseproduzenten auf bis zu 3 Millionen Franken.

Tatsächlich kosten die «Geiz ist Geil»-Mentalität der Konsumenten und die Maximierungsbestrebungen von Nahrungsmittelkonzernen und Lebensmittelherstellern nicht nur immer wieder Menschenleben, sondern auch Unsummen von Geld; und das nicht erst seit gestern. Schon der Kalbfleisch-Hormonskandal in Deutschland mit dem damit verbundenen Kalbfleisch-Boykott in der Deutschschweiz Anfang der Achtzigerjahre verursachte allein den Schweizer Kälbermästern Verluste von über einer Million Franken.

Jahrzehnte später Schadenzahlungen

Die fahrlässige Panscherei von Speiseöl mit Industrie-Rapsöl 1981 in Spanien warf sogar fast zwanzig Jahre später noch Wellen: 1998 ordnete der Gerichtshof in Madrid eine Entschädigung von astronomischen 5,4 Milliarden Franken durch den spanischen Staat an. 30 000 Opfer hatte das Giftöl gefordert. 1000 Menschen sind an den Folgen des Konsums gestorben. Die Überlebenden leiden noch heute an einem geschädigten Immunsystem. Wirtschaftlich bedeutete der Skandal einen dramatischen Einbruch für den Export von spanischem Olivenöl. Frankreich verhängte sogar einen Importstopp. Das Misstrauen der internationalen Konsumentengemeinschaft reichte noch weiter. Auch die Ölkonserven wurden in den Jahren nach dem Vorfall gemieden, womit auch die spanischen Fischer einen Umsatzeinbruch erlitten.

Ebenfalls verheerende gesundheitliche Folgen hatte der Milchpulver-Skandal in China 2008. Wochenlang gelangte mit Melamin verunreinigtes Milchpulver in den Verkauf. 22 Produzenten hatten die Chemikalie dem Milchpulver beigemischt, um eine bessere Qualität vorzutäuschen. Gut 300 000 Babys entwickelten daraufhin gefährliche Nierensteine. Mehrere Säuglinge starben. Die in den Skandal verwickelten Lebensmittelkonzerne zahlten daraufhin eine Entschädigung in der Höhe von rund 140 Millionen Franken. Zudem gründeten die Milchproduzenten einen Fonds, um die Kosten von allfälligen Folgeerkrankungen zu tragen.

Rinderwahnsinn kostet immer noch

Abgesehen von Lebensmittelverunreinigungen verursachte der Rinderwahnsinn (BSE) viel Leid und bis heute hohe Kosten. Mitte der Achtzigerjahre war der Erreger erstmals bei Rindern in Grossbritannien festgestellt worden. Bis 1992 stiegen die Fallzahlen auf über 36 000 an. Insgesamt gelangten rund 190 000 BSE-erkrankte Rinder in die Nahrungskette. Die Zahl der gesunden, aber bereits infizierten Tiere wurde auf 900 000 geschätzt. Bis 1990 wurde in 17 Ländern der Import von britischem Rindsfleisch verboten. In der Schweiz wurde 1990 der erste offizielle Fall bestätigt. 1995 wurde der Höhepunkt mit 68 Fällen erreicht. Die Testung von rund 7000 Stichproben jährlich kostet die Schweiz noch immer etwa 2 Millionen Franken pro Jahr.

Daneben gab es diverse Skandale, die aufgedeckt wurden, bevor sie Opfer forderten, aber die dennoch einen grossen wirtschaftlichen Schaden anrichteten. Einen Überblick bietet die Bildstrecke.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • maja naef am 20.06.2011 07:25 Report Diesen Beitrag melden

    Kontrolle

    Der grösste Skandal ist, dass die Schweiz nur noch einmal im Jahr Kontrollen durchführen will - frei nach EU-Gesetzen.

  • Vegetarier am 17.06.2011 11:44 Report Diesen Beitrag melden

    Vegetarier

    tja die meisten probleme hat man als vegetarier/veganer nicht :)

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  • Papierlischweizer am 17.06.2011 13:38 Report Diesen Beitrag melden

    Auswüchse globalisierter Wirtschaft

    Eine weitere Folge unserer globalisierten Welt, in der alles zentralisiert wird, zu Gunsten einer Gewinnmaximierung, welche letztendlich nur Wenigen zugute kommt. Die Lösung heisst Dezentralisierung, ist eigentlich auch allen klar, nur haben die Wirtschaftsverbände und deren Günstlinge offenbar "noch" genug Macht, dies zu verhindern. Sei es bei der Stromproduktion oder der Nahrungsmittelherstellung. Wie sagts der Migros-Slogan so treffend. Aus der Region, für die Region. Spart Energie, Transportwege und den alles verteuernden Zwischenhandel. Sogesehen, back to basics, wie vor 70 Jahren.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • maja naef am 20.06.2011 07:25 Report Diesen Beitrag melden

    Kontrolle

    Der grösste Skandal ist, dass die Schweiz nur noch einmal im Jahr Kontrollen durchführen will - frei nach EU-Gesetzen.

  • Marc U am 18.06.2011 16:15 Report Diesen Beitrag melden

    Hauptsache bilig...

    Das Problem taucht nur dann auf wenn die Kundschaft biliges Essen will, da ist klar das alle Abfallprodukte und Chemie in die Produkte gelangen, sei es bei der Anpflanzung oder als "veredelung". Geht mal nach Deutschland in den Supermarkt und schaut euch an was z.b Tomatenmark oder andere Handelsübliche Nahrungsmittel kosten. Bei uns sind die Produkte teuer nicht wegen der Herstellung sondern an den Detailhändler die sich eine Goldenen Nase verdienen (~40% Marge).

  • Tschügge am 18.06.2011 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    EHEC...

    Ist ja noch nichtmal ein Virus, obwohl mehrfach von den Medien behauptet. Wer sich vor ein paar Koli-Bakterien fürchtet, der sollte wissen, dass man daran nicht einfach mal so stirbt. Immer diese Geschichten mit den "tödlichen Viren". Dabei hat ein Virus kein Interesse daran den Wirt zu töten. Unfassbar welche schwache Recherche hier betrieben wird.

  • Minnie Mouse am 18.06.2011 10:11 Report Diesen Beitrag melden

    Das liebe Geld...

    Da wir nun mal essen müssen um zu überleben ist Geiz ist geil wohl kaum die richtige Aussage wenns um unser Konsumverhalten betreffend Nahrungsmittel geht... wo soll man da Geiz entwickeln? Aber das gewisse Nahrungsmittelhersteller immer noch mehr verdienen wollen und dafür kein Risiko scheuen - meistens sogar im Wissen um die Gefährlichkeit ihrer 'Panschereien' - ist ja wohl kein Geheimnis mehr nach den ganzen Skandalen. Sollen sie aufhören damit ihre Umsätze über das Wohl der Konsumenten zu stellen und Schadenersatzzahlungen werden in diesem Umfang wohl kaum mehr nötig sein.

  • Frager am 17.06.2011 15:39 Report Diesen Beitrag melden

    Verursacher soll zahlen

    Warum verlangt der Bundesrat nicht von Deutschland Entschädigung, weil diese den Ruf von Tomaten, Salaten und Gurken fahrlässig ruiniert haben?

    • Ruedi Wermuth am 17.06.2011 16:48 Report Diesen Beitrag melden

      Schweizergurken.

      Deutschland hat kein Wort über Schweizergurken Tomaten oder Salate gesagt, wenn die Schweizer sich betroffen fühlen sind sie selbst Schuld. Die ganze Zeit wurde immer gesagt, dass Schweizer-Gemüse sei tadellos also weshlb soll nun Deutschland den Schweizergemüsebauern eine Entschädigung bezahlen. Es liegt am Schweizerkonsumenten weil er unseren Politikern und Gesunheitsorganisationen nichts mehr glaubt, an dem sieht man für wie unehrlich der Schweizer seine Politiker einstuft, vermutlich eben doch nicht zu Unrecht.

    • Karli am 17.06.2011 20:35 Report Diesen Beitrag melden

      Recht hast Du

      Es sind solche Tobel wie "Frager" der die Schweizer Bauern kaputt macht

    • monika am 18.06.2011 07:35 Report Diesen Beitrag melden

      Richtig

      Kann Ruedi Wermuth nur zustimmen

    • Spix am 18.06.2011 08:09 Report Diesen Beitrag melden

      Fehler

      und wenn Sie recht gehapt hätten , in so einem Fall bei so einem Virus muss mann schnell handel ok es war ein Fehler ,zulanges warten hätte aber auch tausenden das Leben kossten können schon mal diese Seite in Betracht genommen ???

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