Daumen rauf oder runter

07. Dezember 2011 10:38; Akt: 07.12.2011 10:50 Print

Die unheimliche Macht von Standard & Poor's

von Sabina Sturzenegger - Die Nervosität vor dem entscheidenden EU-Gipfel steigt – und S&P giesst Öl ins Feuer. Doch der Wert ihrer Aussagen ist begrenzt. Zumal die Ratingagentur selbst in der Kritik steht.

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AAA: Diese drei Buchstaben verheissen die höchste Note der Kreditwürdigkeit für Staaten und Banken. (Bild: Keystone)

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Es war lediglich die Ankündigung einer Überprüfung. Etwa so, wie wenn ein Lehrer eine Mathematik-Prüfung ansagt. Doch die Mitteilung der amerikanischen Ratingagentur Standard and Poor’s (S&P), dass sie innert drei Monaten die Kreditwürdigkeit von Deutschland, Frankreich sowie 13 weiteren Euro-Staaten neu zu bewerten gedenkt, sie eventuell sogar herunterstufen wird, schlug wieder einmal ein wie eine Bombe. Am Nachmittag setzte S&P mit der Ankündigung, auch die Kreditwürdigkeit des Euro-Rettungsfonds unter die Lupe zu nehmen, noch einen drauf.

Die Bandbreite der Reaktionen auf die Ankündigung reichte von beleidigter Überreaktion – im Falle von Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker – bis zu demonstrativer Gelassenheit, wie bei Angela Merkel und Nicolas Sarkozy. Angesichts der ernsthaften Reformanstrengungen in vielen Euro-Staaten wirke die Drohung «wie ein Keulenschlag», sagte Juncker im Deutschlandfunk. Er bezeichnete das Vorgehen der Agentur als «masslos überzogen und auch ungerecht». Dass die Agentur kurz vor dem EU-Gipfel aus heiterem Himmel Abstufungen ankündige, könne kein Zufall sein. «Was eine Ratingagentur macht, das ist in der Verantwortung der Ratingagentur», sagte hingegen die deutsche Kanzlerin Angela Merkel.

Alle Hoffnungen auf dem EU-Gipfel

Auch Felix Brill, Ökonom bei Wellershoff und Partners, möchte die Bedeutung der Ratingagenturen und ihrer Aussagen nicht überbewerten: «Ich sehe den ummittelbaren Mehrwert der Ankündigung von Standard & Poor’s nicht. Es ist nichts Neues, dass die Euro-Länder weitere Anstrengungen unternehmen müssen, um die öffentlichen Haushalte zu konsolidieren und den institutionellen Rahmen zu stärken.» In diese Richtung zielt der EU-Gipfel, der mit der Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag eingeläutet wird. «Viel wichtiger sind die Entscheidungen der kommenden Tage in der EU. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass es zu einer stärkeren fiskalischen Integration kommen wird», ergänzt Brill. Das bedeute auch, dass die Chancen für eine Lösung der Krise nach wie vor gegeben seien.

Märkte reagieren kaum

Die Märkte reagierten diesmal auf die S&P-Androhung nicht oder nur schwach, wie ein Blick auf die Zinsen an den Euro-Anleihenmärkten zeigt: Die Renditen für europäische Staatsanleihen haben sich am Dienstag nur leicht verteuert. «Die Bondmärkte haben nicht besonders auf die Ankündigung reagiert», sagt auch Felix Brill. Im Gegenteil: Die Zinsen der Staatsanleihen von besonders krisengeschüttelten Ländern wie Italien oder Spanien seien nach den jüngsten Ankündigungen ihrer Sparmassnahmen gesunken.

Ein Zufall ist die Ankündigung von Standard and Poor’s so kurz vor dem EU-Gipfel aber dennoch nicht. Auf das Timing der Kommunikation angesprochen, sagte S&P-Analyst Moritz Krämer am Dienstag an der Telefonkonferenz zwar, die Agentur befinde sich «nicht im Politik-Geschäft», sondern müsse die Risiken für die Anleger bewerten. Dass die Agentur mit der Ankündigung auch Druck ausüben will, sagte Krämer aber auch: Mit der Herabstufung wolle man auf die «zögerliche Politik» in der EU bei der Lösung der Schuldenkrise und auf das fehlende Vertrauen an den Märkten aufmerksam machen.

Angeschlagenes Image

Allerdings ist das Misstrauen zurzeit nicht nur gegenüber den Eurostaaten und deren Regierungen gross, sondern auch gegenüber den Ratingagenturen selber. «Ihr Ruf hat in der letzten Zeit gelitten», bestätigt Brill. Gerade im Zusammenhang mit der Euro-Krise haben sie sogar Fehler gemacht. Brill: «Sie waren oft zu spät dran mit ihren Bewertungen.» So sind die Ratingagenturen mit einer zu lange zu optimistischen Einschätzung von staatlichen Sanierungsfällen an der Schuldenkrise «zumindest nicht ganz unschuldig», wie die «Financial Times Deutschland» schreibt.

Zudem steht S&P bereits zum zweiten Mal unter Verdacht, ein Informationsleck zu haben. Bereits am Montag vermeldete nämlich die «Financial Times» (FT) auf ihrer Homepage, dass Deutschland, Frankreich, Österreich, Finnland, Luxemburg und die Niederlande ihre Topbonitätsnote verlieren könnten. Zu diesem Bericht wollte S&P am Dienstag nichts sagen. Auch bei der Herabstufung der USA Anfang August war nicht alles sauber gelaufen. Gemäss FT erfolgte der Entzug der Topnote AAA in der Nacht und somit nach Handelsschluss an den Weltbörsen. Pikant daran: Bereits am Freitagnachmittag europäischer Zeit und somit auch während des Handels sowohl in den USA als auch in Europa waberten die Gerüchte über die Herabstufung durch die Handelssäle.

«Zumindest in Zweifel ziehen»

Ebenfalls auf das Konto von Standard and Poor’s geht der «technische Fehler» bei der Bewertung Frankreichs vor etwas mehr als drei Wochen. Damals verschickte die Bewertungsagentur eine Mitteilung an einige Kunden, wonach das Land seine Top-Bonität verloren habe. Anderthalb Stunden später wurde die irrtümliche Herabstufung der französischen Kreditwürdigkeit korrigiert. Wer von den Indiskretionen und Falschinformationen profitieren kann, bleibt Gegenstand von Spekulationen. Wer gute Quellen hat und auf den zu erwartenden Kurszerfall gesetzt hat, kann damit schon Geld verdienen, wie die FT schreibt. In mehreren Fällen laufen Untersuchungen gegen Standard and Poor’s.

So weit will Felix Brill zwar nicht gehen. Er sagt aber: «Für private Unternehmen ist die Bewertung durch Ratingagenturen durchaus sinnvoll, bei den Euro-Ländern kann man das in letzter Zeit zumindest in Zweifel ziehen.» Im besten Fall könnte die angedrohte Herabstufung durch S&P sowieso hinfällig werden. Es sei alles andere als sicher, dass S&P innerhalb der nächsten drei Monate die Kreditwürdigkeit der 15 Euro-Staaten tatsächlich herunterstufen werde, sagte Analyst Krämer.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Uriel Berlinger am 07.12.2011 12:18 Report Diesen Beitrag melden

    Ausschaltung

    Den Rating Agenturen, ( Standard&Poor's & CO ) , sollte der Prozess gemacht werden. Die faschistischen Agenturen ( bezahlt von mächtigen Banken ), vermögen über Nacht ganze Staaten künstlich in den Ruin treiben. Deswegen ist die Ausschaltung aller Rating Agenturen völlig gerechtfertigt.

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  • BeatCH am 07.12.2011 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    Verursacher nicht Bewereter ist Problem

    Bisher haben die Raitingaganturen unter dem (politischen) Druck immer zu hoch bewertet (Beispiele US Bankenkrise, Grichenland) und viel zu spät abgewertet! Jetzt gehen sie sogar immer noch zu langsam Richtung Realität. Statt die Agenturen abzuschaffen, solle die Staaten und Organisationen sollen vernünftige Schulden machen, dann werden sie auch nicht schlechter bewertet.

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  • Andy K. am 07.12.2011 13:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel Geschrei um nichts.

    Ratingagenturen beobachten und analysieren. Danach geben sie ein Rating ab, was nur eine einschätzung des weiteren Verlaufs ist. Ihre Macht haben sie nur weil sich Niemand mehr eine eigene Meinung bildet. Verbieten kann man soetwas nicht. Wir erleben das ja auch im Sport. Da werden Statistiken analysiert und verglichen, und danach werden die Chancen auf Sieg und Niederlage der nächsten Spiele ausgegeben. Wenn ich jetzt Sportwetten abschliesse auf Grund dieser Analysen und verliere, bin ich doch auch selber Schuld.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Claude Santa Barbara am 10.12.2011 04:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ratingagenturen - Modetrend?

    Die Ratingagenturen haben eindeutig eine zu grosse Macht, quasi sind sie die Verkünder und Weissager der inskünftigen Weltpolitik... interessant wäre es einmal feststellen zu lassen, wie sich diese Zahlenspielereien zusammensetzen - ich persönlich halte mich an Churchill - ich glaube nur der Statistik die ich selbst gefälscht habe!

  • marco am 08.12.2011 11:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    marco

    die amis sollten zuerst ihr land richtig bewerten.denn das ist auf dem abstieg.wirtschaftlich wie politisch.

  • Biometrischer am 08.12.2011 10:23 Report Diesen Beitrag melden

    Banditostyle

    Ist das nicht Erpressung? Zuerst die Hand reichen um später damit drohen zu können sie wieder zurück zu ziehen wenn man diese und jehne Bedingung nicht eingeht.....das hat für mich schon beinahe etwas von psychologischer Kriegsführung. Die Schweiz soll sich nicht erpressen lassen!!

  • Susi am 08.12.2011 07:48 Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch Eigenartig.

    Solange ein Land AAA Status hat sind die Agenturen nicht in der Kritik. Aber sobald sie ein Land abwerten, sollen diese Ratings plötzlich nicht mehr gelten? Ich sehe die Abwertung eher als Abwertung der jeweiligen Landesregierungen. Das sind die wirklichen Versager mit ihrer Schuldenpolitik und leben auf Pump.

  • arsenius am 07.12.2011 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    Serioesitaet

    Generell sind Schulden ein Makel der wohl angeprangert werden sollte! Mit der Serioesitaet ist es halt wie in der Politik. Wenn halt Parteien Geld aufnehmen um soziale Wohltaten versprechen und dann die Zinsen nicht mehr zahlen koennen!?!