Ärger beim Aufreissen

11. Oktober 2018 05:37; Akt: 11.10.2018 07:02 Print

Billig-Verpackungen machen uns wahnsinnig

von Dominic Benz - Ob bei Pasta, Poulet oder Reibkäse – viele Verpackungen bereiten beim Öffnen grossen Ärger. In Spitälern landen regelmässig Leute, die sich dabei sogar verletzen.

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Für viele Konsumenten ist das Öffnen von Verpackungen ein Kampf. Nicht selten landet der Inhalt auf dem Boden – oder die Verpackung lässt sich nur mit Messer beziehungsweise Schraubenzieher öffnen. 20 Minuten zeigt völlig unpraktische Verpackungen und befragt dazu Philippe Dubois, Präsident des Schweizerischen Verpackungsinstituts (SVI). Die Plastiktüten von Nudeln aus der Migros lassen sich oft nicht anständig öffnen. Die Verpackung reisst an der falschen Stelle, so dass die Pasta auf dem Boden landet. Bei einem billigen Produkt wie Pasta kann man nicht eine Top-Verpackung machen. Sonst wäre diese teurer als die Pasta selber. Ein stabilerer Plastik könnte man zudem nicht mehr von Hand aufmachen. Es ist ein Spagat zwischen zwei Übeln.» Die Schmelzkäse gibt es bei Migros oder Coop. Jede der zehn Käsescheiben ist einzeln mit einer Folie verpackt. Zieht man diese ab, bleiben oft die Ecken oder ganze Hälften der Scheiben in der Folie hängen. Die Burger sehen dann nicht mehr so toll aus. «Solche Produkte sind vor allem für Einzelpersonen gemacht. Sie konsumieren dann über Tage hinweg Stück für Stück. Diese Verpackung hält den Käse länger frisch. Auch wenn sie nervt: Sie senkt Foodwaste. Das ist keine teure Verpackung, aber sich schützt das Produkt gut.» Die Verpackung von Reibkäse aus der Migros hat einen Druckverschluss. Einmal geöffnet, lässt sich das Säckli nicht mehr richtig schliessen, weil der Verschluss mit Käseteilchen verstopft ist. «Dieser Verschluss heisst Minigrip. Er besteht aus einem positive Teil und einen negativen Gegenstück. Da fallen eben schnell kleine Partikel rein. Konsumenten müssen eben fester zudrücken, damit sich die Öffnung ganz schliesst. Als Alternative wäre ein Klebe-Verschluss möglich. Dieser ist aber noch schneller verunreinigt.» Die Zahnbürsten-Aufsätze sind unter anderem bei Coop erhältlich. Die Plastikverpackung ist derart stabil, dass sie von Hand nicht aufzukriegen ist. Ist keine Schere oder ein Messer in Griffnähe, sind Wutanfälle vorprogrammiert. «Die Verpackung ist so stabil, um Diebstahl zu verhindern. So kann verhindert werden, dass teure Produkte mit billigeren getauscht werden. Das Öffnen ist sicher mühsam. Aber eine andere diebstahlsichere Variante gibt es nicht.» Die Pouletbrust aus dem Coop ist doppelt mit einer Plastikfolie abgedichtet. Die zweite Schicht sitzt satt am Fleisch. Oft kriegt man das Ding mit blosser Hand nicht auf – und wenn, dann nur mit viel Kraft oder Gewalt. «Die zweite, satt anliegende Plastikschicht ist für den Schutz des Fleisches. Es soll kein Sauerstoff rankommen. Hier will man absolut keine Verminderung der Qualität riskieren. Mit dieser Verpackung ist das Fleisch länger haltbar.» Das Milch-Tetrapak der Migros hat unter dem Deckel eine Lasche, an der man zum Öffnen ziehen muss. Hat man den falschen Winkel erwischt oder zieht zu stark, reisst die Lasche ab. Die Milch ist aber immer noch zu. Nur noch ein Messer kann da noch helfen. «Dieser Verschluss ist eine wohl überlegte Lösung und aus meiner Sicht super. Die Lasche wird günstig und in einem Stück mit dem Loch-Verschluss produziert. Man kann für so eine Verpackung nicht etwas Spezielles machen. Eigentlich ist der Verschluss dubbelisicher. Da muss sich der Konsument selber an der Nase nehmen.» Die Verpackung der Blévita-Crackers aus der Migros hat im ersten Fünftel der Packung einen roten Faden, an dem man zum Öffnen reissen muss. Im Deckelstück der Verpackung hängen die Biscuits fest. Wenn man die nicht gleich isst, fallen sie raus und zerschmettern in Tausend Stücke. Verschliessen kann man den Pack nicht. «Der Faden zum Öffnen könnte auch an einem anderen Ort sein, wo es etwas praktischer ist. Etwa am Ende der Packung. Doch das kommt immer auf die Maschine an. Änderungen in der Art und Weise der Verpackung sind sehr teuer. Letztlich ist eine Verpackung immer auch eine Frage der Kosten.»

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Verpackungen belasten nicht nur die Umwelt, sie treiben die Konsumenten häufig auch in den Wahnsinn. Viele Verpackungen lassen sich nämlich nicht ohne Probleme öffnen. So zerreisst die Plastiktüte der Pasta beim Aufmachen an der falschen Stelle, und die Nudeln fallen auf den Küchenboden. Andere Verpackungen lassen sich ohne Hilfsmittel schon gar nicht öffnen.

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Verpackungen...

Der alltägliche Kampf mit den Verpackungen kann auch schwerwiegendere Folgen haben. Konsumenten öffnen sie mit Gewalt oder greifen nach einem Messer, einer Schere oder einem Schraubenzieher. Dabei fliesst teilweise sogar Blut. «Bei uns im Notfall werden immer wieder solche Verletzungen versorgt», teilt das Universitätsspital Zürich mit.

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Verpackungen als «Balanceakt»

Genaue Zahlen zu Verpackungsverletzungen gibt es zwar keine. Laut der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt gab es zwischen 2012 bis 2016 im Schnitt allerdings rund 17'000 Haushaltsunfälle pro Jahr mit Verletzungen durch «sich stechen, schneiden, kratzen und schürfen».

Auch bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) ist das Problem bekannt. Sie zählte zwischen 2011 und 2015 beim Kochen und bei Reinigungsarbeiten im Schnitt 38'800 Verletzungen jährlich, bei der Pflege und beim Unterhalt im Haus und Garten 35'780. «Innerhalb dieser Kategorien machen Verletzungen wegen Verpackungen vermutlich einen sehr kleinen Anteil aus», so die BFU.

Verpackungen sind nicht nur für die Konsumenten, sondern auch für die Detailhändler eine Herausforderung. Laut der Migros müssen sie sehr viele verschiedene Funktionen erfüllen. Daher gebe es teilweise Zielkonflikte. «Die Verpackung muss sich leicht öffnen lassen, alle Produktinformationen attraktiv abbilden, das Produkt schützen und gleichzeitig aus ökologischen Gründen aus möglichst wenig Material bestehen», sagt eine Sprecherin. Die optimale Verpackung zu finden, sei «ein Balanceakt».

Coop will Öffnen erleichtern

Konkurrentin Coop erhält laut eigenen Angaben nur vereinzelt Rückmeldungen zu Verpackungen, die sich schwer öffnen lassen. «Dennoch nehmen wir das Thema ernst und engagieren uns schon lange für die Optimierung von Verpackungen», teilt der Detailhändler mit. Mit dem Projekt «Easy to Open» habe Coop bereits zahlreiche Verpackungen mit dem Ziel optimiert, «das Öffnen zu erleichtern und somit kundenfreundlicher zu gestalten». Man überprüfe immer wieder die Verpackungen von zahlreichen Produkten, um das Öffnen zu vereinfachen.

Welche Verpackungen einen zur Weissglut bringen und was Philippe Dubois, Präsident des Schweizerischen Verpackungsinstituts, dazu sagt, sehen Sie in der Bildstrecke oben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mori am 11.10.2018 06:25 Report Diesen Beitrag melden

    Schere- heisst das Zauberwort

    Mit einer SCHERE öffne ich problemlos alle diese Verpackungen... ...Millionen von hungernden Menschen könnten bei solchen Problemen nur den Kopf schütteln...

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  • Alfred A. am 11.10.2018 06:25 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist wie es ist

    Eine Schere gehört in der Küche in Griffnähe platziert um Verpackungen einfach zu öffnen. Aufschneiden, nicht aufreissen. Es gibt nun mal Dinge, die waren schon früher praktisch und perfekt.

  • I dont get it am 11.10.2018 07:48 Report Diesen Beitrag melden

    Echt jetzt?

    Ich weiss, wir sind bereits im 2018, aber bestimmt kennt die/der eine oder andere noch diese altertümliche Alltagshilfe namens Schere.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • KarinY am 11.10.2018 18:49 Report Diesen Beitrag melden

    Kinder

    Jeder, der einem ungeduldigenKind eine Puppe oder ein Matchboxauto gekauft hat weiss um das Verpackungsärgernis. :-)

  • Pauline Jg 36 am 11.10.2018 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    Hilfe

    Jeder hat eine Schere zum aufschneiden und dann den Clip-Verschluss anbringen, fertig. Ist auch keine Sache mit einem Zängli die Verschlüsse an den Büchsen aufzukriegen. Das bekomme sogar ich hin.

  • Trollgeflüster am 11.10.2018 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Tetrapak

    Also den Mist mit den Tetrapak- Verschlüssen kann ich auch nicht verstehen... Jahrzehnte lang wurden die einfach an der Ecke aufgerissen... Geht 1 Sekunde... Jetzt muss überall noch ein Deckel daruf sein und natürlich noch ein Siegel, dass für die Fingergrösse von Hobbits gedacht ist... Zudem wieder noch mehr Plastik...

  • Pseudoexperte am 11.10.2018 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Aufreisspackung oder Normale Verpackung

    Wenn es sich nicht explizit um eine Aufreisspackung handelt oder sogar ein Scherensymbol auf der Packung vorzufinden ist, muss man sich nicht wundern reisst die Packung am falschen Ort. Da bei diesen Verpackungen nicht absichtlich eine "Sollbruchstelle" vorgesehen ist, reisst diese schliesslich an der schwächsten Stelle. Dies ist dann halt nicht immer die gewollte Öffnung.

  • C. Galzter am 11.10.2018 12:12 Report Diesen Beitrag melden

    Nein es sind nicht Billigverpackungen

    Nein das sind nicht Billigverpackungen, das sind Verpackungen die von ausgebildeten Verpackungsingenieuren entwickelt und verkauft oder gekauft werden. Seit Jahrzehnten gibt es ausgebildete Verpackung-Ingenieure, aber da wird vergessen, dass es alte Kunden gibt, dass die Augen das Kleingedruckte nicht mehr lesen oder schon gar nicht verstehen können usw.