Schweizer Firmen

29. Mai 2019 11:24; Akt: 29.05.2019 16:58 Print

Sind Drohnen und VR-Brillen Blenderprojekte?

von Dominic Benz - Unternehmen brüsten sich mit digitalen Vorzeigeprojekten. Handelt es sich dabei mehr um Schein als Sein? Experten klären auf.

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Schweizer Firmen treten bei der Digitalisierung aufs Gas. Doch viele Projekte sind ins Stocken geraten. 2017 stattete Hotelplan Dutzende Filialen mit VR-Brillen aus. Doch die Brillen floppten. Laut Hotelplan habe man zu wenig Inhalte gehabt. Eingestampft hat die Post die Tests mit selbstfahrenden Lieferroboter: Laut Post lasse die gesetzliche Grundlage keine Fahrten ohne Begleitpersonen zu. Auch das Drohnen-Projekt für die Auslieferung von Laborproben stockt. In diesem Jahr sind bereits zwei Drohnen der Post abgestürzt, zuletzt Anfang Mai (im Bild). «Erst wenn wir alle Fakten auf dem Tisch haben, entscheiden wir, wie es weitergeht», so die Post. Einige Schweizer Läden setzten Roboter als Bedienungshilfen ein. Auch bei Media-Markt in Zürich-Sihlcity können Kunden einen Roboter namens Paul ansprechen, der einem dann Infos zu Produkten verrät. Laut Digitalisierungsexperte Walter Andres von der Beratungsfirma Advanis sind solche Roboter bis jetzt nicht mehr als eine «nette Spielerei». Doch die Spracherkennung werde massiv an Bedeutung gewinnen. «Eines Tages werden solche Maschinen Arbeiten übernehmen, die für den Menschen mühsam sind.» Coop testete vor fünf Jahren für ein paar Monate eine virtuelle Shopping-Wand am Zürcher Hauptbahnhof. «Zurzeit sind keine weiteren Shopping-Wände von Coop geplant», heisst es auf Anfrage. Laut Andres ist Bestellvorgang bei solchen Wänden zu umständlich und wenig attraktiv. Mit Sängerin Tina Turner als Werbefigur lancierte Swisscom 2013 den Whatsapp-Konkurrenten «iO Messenger». Vier Jahre später stellte Swisscom den Dienst ein. Laut Andres hatte iO nie eine wirkliche Chance. Die Konkurrenz sei zu gross. Viele Unternehmen wollen eine App haben, auch wenn diese kaum einen Nutzen hat. Laut App-Experte Alex Sollberger von Swisssmartmedia wollen viele Unternehmen bloss aus Imagegründen eine «coole» App.

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Die Schweiz ist im Rausch der Digitalisierung. Unternehmen, die nicht auf den digitalen Zug aufspringen, erscheinen altmodisch und wenig innovativ. Kein Wunder, dass die meisten Firmen mitziehen und mit neuen Apps, digitalen Assistenten oder Robotern Kunden beglücken wollen.

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Doch oftmals scheinen die gross angekündigten Projekte mehr Schein als Sein zu sein. Denn viele von ihnen floppen bereits nach kurzer Zeit und werden eingestellt. 20 Minuten hat einige digitale Vorzeigeprojekte genauer angeschaut und Digitalexperten gefragt, was sie von diesen halten.

VR-Brillen

2017 stattete Hotelplan Dutzende Filialen mit VR-Brillen aus. Als erster Schweizer Reiseveranstalter biete man den Kunden vor einer Buchung ein virtuelles Reiseerlebnis, teilte die Migros-Tochter damals mit. Doch die Brillen floppten. Laut Hotelplan habe man zu wenig Inhalte gehabt. Das habe zu «Frustration bei den Kunden und auch bei Reisebüromitarbeitenden» geführt.

Das sagt der Experte: Digitalisierungsexperte Walter Andres von der Beratungsfirma Advanis begrüsst die Bemühungen in Sachen virtuelle Realität. Doch noch immer sei es schwierig, die Realität damit glaubhaft abzubilden. «Sowohl die Auflösung als auch der Content sind oft dürftig.» Daher brauche man noch mehr Zeit und Erfahrung in der Entwicklung. «Hotelplan war wohl mit den VR-Brillen etwas voreilig», sagt Andres.

Drohnen und Lieferroboter

Die Post testet Drohnen für die Auslieferung von Laborproben. Man sei mit autonomen und kommerziellen Drohnen eine Pionierin in der Schweiz, sagt die Post auf Anfrage. Doch das Projekt stockt. In diesem Jahr stürzten zwei Drohnen ab. Die Ursachen werden untersucht. «Erst wenn wir alle Fakten auf dem Tisch haben, entscheiden wir, wie es weitergeht», so die Post. Eingestampft hat die Post zudem die Tests mit selbstfahrenden Lieferrobotern: Laut Post lasse die gesetzliche Grundlage keine Fahrten ohne Begleitpersonen zu.

Das sagt der Experte: Roboter und Drohnen sind laut Andres Transportmittel mit Zukunft. «Daran wird kein Weg vorbeiführen.» Prozesse könnten damit optimiert und der Verkehr entlastet werden. Solange aber die gesetzliche Grundlage für diese Projekte nicht geschaffen sei, mache der Einsatz der Transportmittel keinen Sinn. Zudem müsse die Akzeptanz in der Bevölkerung für solche Projekte grösser werden. «In den USA ist man viel weiter. Das zeigt sich auch bei den selbstfahrenden Autos.»

Virtuelle Shopping-Wand

Coop testete vor fünf Jahren für einige Monate eine virtuelle Shopping-Wand am Zürcher Hauptbahnhof. Kunden konnten per QR-Code einen virtuellen Warenkorb füllen und sich die Produkte nach Hause liefern lassen. Derzeit betreibt der Detailhändler im Kanton Zürich noch zwei solche Wände. Laut Coop sei man mit den Ergebnissen zufrieden. Dennoch: «Zurzeit sind keine weiteren Shopping-Wände von Coop geplant», heisst es auf Anfrage.

Das sagt der Experte: Laut Andres ist der Bestellvorgang bei solchen Wänden zu umständlich und wenig attraktiv. «Direkt im Netz bestellen, ist viel einfacher und geht schneller», so der Experte. Die Wand sei daher wahrscheinlich nicht rege benutzt worden und habe letztlich vor allem dazu gedient, innovativ zu wirken. «Der Detailhandel versucht in vielen Bereichen, sich neu zu erfinden, weil der Konkurrenzdruck sehr hoch ist», sagt Andres.

Messenger-App

Mit Sängerin Tina Turner als Werbefigur lancierte Swisscom 2013 den Whatsapp-Konkurrenten iO Messenger. Vier Jahre später stellte Swisscom den Dienst ein. Bei der Lancierung der App sei Whatsapp schon relativ gut etabliert gewesen, sagt Swisscom Digital-Business-Chef Roger Wüthrich-Hasenböhler in einem Interview. «Da gerade im Bereich Messaging die Kunden meist nicht mehrere Apps nutzen, ist es sehr schwierig als Schweizer Unternehmen dagegen anzutreten.» Vergebens sei das Projekt aber nicht gewesen. Nicht zuletzt dank iO verfüge Swisscom heute über agilere Strukturen im Unternehmen, so Wüthrich-Hasenböhler.

Das sagt der Experte: Laut Andres hatte iO nie eine wirkliche Chance. Die Konkurrenz sei zu gross. Für den Experten ist daher klar: «Die Verantwortlichen haben ganz klar einen Flop realisiert.» Möglicherweise habe man aber mit dem Projekt gewisse Erkenntnisse für künftige Projekte gewinnen wollen. Dass man vier Jahre lang viel Geld in iO gesteckt habe, sei dennoch schwer nachzuvollziehen.

Apps

Viele Unternehmen wollen eine App haben – auch wenn diese kaum einen Nutzen hat. Denn: Mit einer App kann man sich auf eine einfache Art und Weise modern und «digitalisiert» geben. Das hat Folgen: Laut Berichten werden rund neun von zehn Apps im Apple-Store vier Wochen nach dem Download nicht mehr geöffnet.

Das sagt der Experte: Laut App-Experte Alexander Sollberger von Swiss Smart Media wollen viele Unternehmen bloss aus Imagegründen eine «coole» App. «Doch eine App muss einen Mehrwert bieten, damit Nutzer sie ein zweites Mal öffnen», sagt Sollberger. Oft würden Firmen für ein paar zehntausend Franken eine App programmieren lassen, nur um eine vorzuweisen. Das bringe aber meist nichts. «Eine gute App kostet mindestens 50'000 Franken. Wer weniger investieren will, sollte besser einfach die Website optimieren», sagt der Experte.

Roboter-Assistenten

Einige Schweizer Läden setzten Roboter als Bedienungshilfen ein. Auch bei Media-Markt in Zürich-Sihlcity können Kunden einen Roboter namens Paul ansprechen, der Infos zu Produkten verrät. Laut Media Markt sei das kein Gag. «Paul soll den Kunden auf spielerische Art aufzeigen, wie Robotik im Alltag künftig aussehen kann», teilt das Unternehmen mit. Angesprochen werde Paul vor allem von Kindern und jungen Erwachsenen.

Das sagt der Experte: Laut Experte Walter Andres sind solche Roboter bis jetzt nicht mehr als eine «nette Spielerei». Die Spracherkennung sei noch nicht ausgereift. «Das wird noch immer unterschätzt», erklärt der Experte. Doch die Spracherkennung werde massiv an Bedeutung gewinnen. «Eines Tages werden solche Maschinen Arbeiten übernehmen, die für den Menschen mühsam sind.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nachbars Lumpi am 29.05.2019 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    Ich sag nur

    Weniger ist mehr. In allen Bereichen.

  • WOMEN'S FEET LOVER am 29.05.2019 11:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alles andere ist vergänglich

    Die Veränderung ist das einzig konstante im leben,ob positiv oder negativ!

  • Birdy_ch am 29.05.2019 11:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Digitalisierungs-Experte - mehr Schein als Sein?

    Digitalisierung ist Neuland für alle. Da kann auch mal was in die Hosen gehen. Ohne Risiko kein Fortschritt. Und Experten gibt es in diesem neuen Gebiet schlicht noch keine.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Wellendeller am 31.05.2019 20:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mitschwimmer

    Viele Apps sind tatsächlich unnötig. Alle Firmen die keine Handyfunktion mit der App verbinden können, sollten sich auf Webseiten fokussieren welche auch auf Handybrowser gut dargestellt werden - das reicht vollkommen.

  • IT seit 35 Jahren am 31.05.2019 13:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Digitalisierungs-Hype

    Verstehe den Hype nicht, der um die sogenannte Digitalisierung gemacht wird. Digitalisierung gibt es schon seit den 80er Jahren, seit sich Computer langsam breitflächig zu etablieren begannen. Wieso das jetzt plötzlich als ultra-neue Sensations-Innovation hochstilisiert wird, verschliesst sich meinem Verständnis.

  • Neumann am 31.05.2019 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Muss sein

    Ich finde solche Projekte absolut nützlich und sinnvoll und auch nötig. Man sollte dafür viel mehr Gelder bereitstellen. Spielerisch in die Zukunft!

  • Prof. Dig. am 31.05.2019 07:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    How to...

    Wie traurig. Viele dieser Innovationen wären toll und auch Einsatzbereit wenn Unternehmen wüssten wie Sie diese in die Customer Journey und Ihre Prozesse integrieren. Vielfach ist es jedoch einfach nur ein kopfloses "das machen wir auch weil es andere machen"

  • Max Brown am 30.05.2019 09:05 Report Diesen Beitrag melden

    Ich will...

    ...mit Menschen agieren und nicht mit bekloppten Robotern! Raus mit den Self-Service Stationen in den Supermärkten!