Keine Hierarchien

09. Oktober 2017 05:48; Akt: 09.10.2017 10:30 Print

Dieser CEO zahlt allen in der Firma gleich viel Lohn

von F. Lindegger - Gewisse Schweizer Firmen schaffen die Chefs ab. Das St. Galler Start-up Advertima geht einen Schritt weiter: Es führte einen Einheitslohn ein.

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Herr Nahvi, Sie haben in Ihrem Unternehmen die sogenannte Holokratie eingeführt und die Chefs abgeschafft. Gleichzeitig sind Sie der CEO. Also gibt es trotzdem noch einen Chef?
Es gibt eine interne und eine externe Sicht. Damit die Kommunikation und Zusammenarbeit mit externen Partnern funktioniert, müssen wir mit altbekannten Titeln arbeiten, die Externe sofort verstehen. Intern allerdings weiss jeder, dass ich festgelegte Rollen wie «Vision & Strategy», «Investor Relations» und «Key Account Management» wahrnehme. Die Rolle «Chef von Rolle XY» gibt es nicht.

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Würde ein Modell ohne Hierarchien und mit Einheitslohn in Ihrem Unternehmen funktionieren?

In Ihrer Firma erhalten alle einen Einheitslohn. Warum?
Die Welt ist sehr dynamisch. Wir müssen uns schnell anpassen, sonst kann man als Firma nicht bestehen. Holokratie bietet eine Möglichkeit, genau das zu tun. Jede Person hat eine bestimmte Rolle und ist für einen definierten Bereich zuständig. Eine Konsequenz dieser Organisationsform ist, dass wir nur Spezialisten beschäftigen. Und sie müssen Verantwortung übernehmen. Es gibt also keine Assistenten, an die man Arbeit delegieren könnte. Wir haben uns dann gefragt, ob das alte Lohnsystem überhaupt noch Sinn ergibt. Seit 2016 verdienen nun alle Mitarbeiter gleich viel.

Führt das nicht zu Konflikten? Etwa, wenn gewisse denken, dass sie besser bezahlt werden sollten als andere im Team?
Wir wussten, dass das passieren könnte. Doch Konflikte gab es bisher nicht. Wenn etwa jemand merkt, dass er zu wenig zu tun hat, übernimmt die Person eine zusätzliche Rolle. Dass die Löhne für alle gleich sind, hat auch den Nebeneffekt, dass das ganze Team zu einer Einheit wurde. Man ist füreinander da und die Leute sind mit mehr Freude bei der Arbeit.

Klappt das alles wirklich so reibungslos?
Bereits in den ersten zehn Minuten des Vorstellungsgespräch wird erklärt, dass es relativ viele Regeln und einen Einheitslohn gibt. Falls das für den Bewerber ein Problem ist, passt er nicht zu unserem Unternehmen. Viele unserer Mitarbeiter könnten anderswo mehr verdienen. Doch mit den positiven Nebeneffekten, die die Organisationsform mit sich bringt, sind sie bereit, auf einen Teil des Lohns zu verzichten.

Wie wird die Höhe des Lohnes bestimmt?
Die Höhe des Lohns ist jeweils an gewisse Unternehmensziele gekoppelt. Falls etwa ein gewisser monatlicher Umsatz erreicht wird, steigt der Lohn. Zu Beginn vor eineinhalb Jahren lag der Einheitslohn bei 6000 Franken. Inzwischen sind es 8000 Franken – Tendenz steigend.

Wie reagiert das Umfeld auf das Lohnmodell?
Viele sind überzeugt, dass es nicht funktionieren kann oder nur für kurze Zeit. Inzwischen sind es aber mehr als eineinhalb Jahre und der Einheitslohn hat sich bewährt. Ich bin überzeugt, dass die Organisationsform für den bisherigen Erfolg unserer Firma entscheidend war.

Funktionieren Einheitslöhne nicht einfach nur bei kleinen Firmen?
Als wir vor rund eineinhalb Jahren damit begannen, dachten wir, dass das bis zu einer Grösse von 15 bis 20 Mitarbeiter praktikabel ist. Inzwischen besteht das Team aus 41 Personen, und wir sind mit dem System nicht an unsere Grenzen gestossen. Ob es auch noch mit 100 Mitarbeitern funktionieren wird, wissen wir nicht. Aber sicher bis Ende 2018 bleiben die Löhne für alle gleich.

Die Grösse ist also nicht entscheidend – aber die Branche?
Ich denke, es ist ein Modell, das in jedem Unternehmen und in jeder Branche funktionieren kann. Die Herausforderung ist allerdings, jene Personen, die in bestehenden hierarchischen Strukturen arbeiten, von den Vorteilen der Holokratie und des Einheitslohns zu überzeugen. In einer grossen etablierten Firma hätte das keine Chance.

Der St. Galler Iman Nahvi ist Mitgründer und CEO von Advertima. Das Start-up entwickelt Marketing-Software.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • lesender am 09.10.2017 06:11 Report Diesen Beitrag melden

    gute Idee

    als Startup kann man sich solche Aktionen noch leisten. Da sind die meisten gleich lang dabei, neue Mitarbeiter kommen auf Empfehlung oder weil sie am Thema interessiert sind und deswegen nicht primär auf die Bezahlung achten. Da steht kein 3-facher Familienvater einem FH-Absolventen gegenüber und einem 60-jährigen, der seit 35 im Unternehmen schafft und alle Lohnrunden schon mitgemacht hat. Das gleiche ist doch mit neustes iPhone, bestimmter Computer, Firmenwagen usw.

  • James Stunt am 09.10.2017 06:06 Report Diesen Beitrag melden

    Fantastisch

    Die Putzfrau und der einfache Back Office Mitarbeiter hat den gleichen Lohn wie eine Führungskraft oder Specialist mit langjähriger Erfahrung und erstklassiger Ausbildung. Sagenhaft.

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  • Philipp am 09.10.2017 06:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umfrage

    Diese ist doch mal super..

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Liron am 12.10.2017 10:53 Report Diesen Beitrag melden

    Gut gemeint, aber ...

    ... im gesellschaftsrechtlichen Kontext (konkret: AG) bleibt zu hoffen, dass der Lohn von oben nach unten nivelliert ist. Allenfalls - AG ist das Paradebeispiel der gewinnorientierten Gesellschaft - droht bei aktienrelevanten Veränderungen (erhöhter Kapitalbedarf ...) und Lohnumschichtungen (Nivellierung nach oben) Streit. Der Aktionär "Stakeholder" will - umsomehr als die Zinsen im Boden sind - gewinnträchtig investieren. Und bei der ersten GV kommt die Bruchlandung. Hübsche Idee - umsetzen in der Genossenschaft.

  • A.Müller am 11.10.2017 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    "juhu, der Sozialismuss kommt"

    oder wie soll man das verstehen? in den ehemaligen Ostblockländern war es doch genau so und es hat nicht wirklich funktioniert. Wieso müssen KMU in der Schweiz solche Versuche auch machen???

  • Voodoo am 10.10.2017 12:38 Report Diesen Beitrag melden

    Sklavenmoral

    Wenn es eine tätigkeit gibt, dann wird sie auch gebraucht. Also sollte man sich nach interesse weiterbilden und nicht des lohns wegen. Aber solange es arbeitnehmer gibt die wegen der ausbildung auf mehr lohn hoffen, ja solange kann das holokratische system nicht funktionieren. Schliesslich braucht jeder eine arbeit. Also soll sie auch richtig bezahlt werden. Der ceo macht, aus stauszwecken, ja auch keine hilfsarbeit, aber gebraucht wird sie trotzdem. Zahlt faire löhne!

  • Calculator am 10.10.2017 12:25 Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Naja und dann verdient jmd. ohne Erfahrung gleich viel wie einer, der schon 20 Jahre Erfahrung und mehr Ausbildung hat? Würde mich stören. Aber ich muss da ja nicht arbeiten. Die Grundidee finde ich aber nicht schlecht. Die Kluft bei der Lohnschere ist viel zu gross.

  • michi leutenegger am 09.10.2017 10:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Realitätsfremdes Startup

    Ich denke das die Firma noch nicht profitabel ist und als Startup solchen Fantasien nachgehen kann - die Realität in der Wirklichkeit sieht anders aus.

    • Voodoo am 10.10.2017 14:08 Report Diesen Beitrag melden

      @michi

      Die realität machen wir!!! Und die obrigkeitsgläubigen mit gutem lohn sind eh am aussterben. Weil noch mehr kann man nicht geben, ausser man will krank werden für das geld.

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