Pannenjet

10. November 2010 09:21; Akt: 10.11.2010 16:09 Print

Dreamliner musste notlanden

Bei einem Testflug des neuen Boeing-Dreamliners 787 hat sich dichter Rauch in der Kabine entwickelt. Die Besatzung musste evakuiert werden.

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Eine Serie von Pannen hat das Image des visionären Flugzeugs beschädigt. Wie hier am 16. Januar 2013 bei einer Maschine der All Nippon Airways im japanischen Takamatsu, kam es in den vergangenen Monaten des öftern zu Notlandungen. Immer wegen Batterieproblemen. Bei dieser Maschine der Japan Airlines war am 7. Januar 2013 auf dem Flughafen von Boston ein Feuer in einer Batterie ausgebrochen. Aviatk-Experten jedoch beruhigen: Kinderkrankheiten dieser Art seien bei neuen Flugzeugtypen der Normalfall. Die neue Boeing 787 beim offiziellen Roll-Out auf dem Flughafen Everett im US-Bundesstaat Washington am 8. Juli 2007 (in amerikanischer Schreibweise 7/8/7). Boeing-Chef Harry Stonecipher posiert am 23. September 2004 mit einem Modell des neuen Flugzeugs. Der Entwurf hatte noch einen avantgardistischen Touch, er wurde jedoch aus aerodynamischen Gründen zugunsten eines konventionelleren Designs aufgegeben. Der Rumpf besteht zum grössten Teil aus kohlefaserverstärktem Kunststoff. Das Flugzeug wird dadurch leichter und verbraucht gegenüber ähnlichen Jets rund 20 Prozent weniger Treibstoff. Die revolutionäre Bauweise sorgte jedoch immer wieder für Probleme. Der Erstflug des Dreamliner genannten Jets auf dem Flugplatz Everett fand am 15. Dezember 2009 statt. Zahlreiche Aviatik-Fans liessen sich dieses historische Ereignis nicht entgehen. Die Auslieferung an den Erstbesteller, die japanische All Nippon Airways, erfolgte mit mehr als dreijähriger Verzögerung im September 2011. Am 26. Oktober 2011 hob der Dreamliner in Tokio zum ersten kommerziellen Linienflug nach Hongkong ab. Das grösste Plus neben der Sparsamkeit ist der Komfort für die Passagiere. Die Kabine wirkt geräumiger dank kompakteren Gepäckfächern, die dennoch mehr Platz fürs Handgepäck bieten. Die Fenster sind rund 30 Prozent grösser als bei herkömmlichen Flugzeugen, sie lassen sich elektronisch abdunkeln. Ein LED-System ermöglicht eine variable Beleuchtung in verschiedenen Farben. Angenehmer wird das Reisen auch dank einem höheren Kabinendruck sowie sauberer und feuchterer Luft. Selbst die Toiletten wirken angenehmer, bis hin zur Spülung. «Sie tönt nicht so, als ob sie einem die Kleider ausziehen will», zitierte die «New York Times» einen Vielflieger. Blick in das Cockpit der 787. BIs Ende 2012 wurden 49 Maschinen an diverse Fluggesellschaften ausgeliefert. Als erste europäische Airline erhielt die polnische LOT den Dreamliner. Bei der Ankunft auf dem Chopin-Flughafen in Warschau am 15. November 2012 wurde das erste von acht bestellten Flugzeugen mit einer Dusche begrüsst.

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Boeings Pechsträhne beim Hoffnungsträger 787 Dreamliner hält an. Eine von sechs Testmaschinen musste am späten Dienstag (Ortszeit) in Laredo im US-Bundesstaat Texas notlanden, nachdem Rauch in die Kabine gedrungen war. Es ist die vorerst letzte einer langen Kette von Pannen.

Nach Informationen von US-Medien hatte die Elektronik des Dreamliner Feuer gefangen. Einige Instrumente fielen daraufhin aus, die Piloten mussten den Jet auf Sicht landen. Die etwa 40-köpfige Crew verliess die Maschine über Notrutschen.

Das Bodenpersonal löschte die Flammen schliesslich. Verletzte habe es keine gegeben, liess Boeing wissen. Die US- Flugsicherheitsbehörde FAA hat sich eingeschaltet und untersucht den Vorfall zusammen mit dem Hersteller.

Die Notlandung ist ein weiterer Schlag ins Kontor für Boeing. Der Airbus-Rivale hat den Auslieferungstermin für seinen Hoffnungsträger wiederholt verschoben. Immer wieder tauchten technische Probleme auf.

Drei Jahre im Rückstand

Fast drei Jahre liegt das Prestigeprojekt mittlerweile im Rückstand; die erste Maschine soll um den Februar herum an die japanische All Nippon Airways gehen. Das Fachblatt «Aviation Week» berichtete in der vorigen Woche unter Berufung auf Branchenkreise von noch längeren Wartezeiten bei einigen Kunden.

Denn die Liste der Baustellen wird immer länger: Mal haben Fluggesellschaften zeitaufwendige Sonderwünsche, mal kommen die neuen Rolls-Royce-Triebwerke zu spät, ein anderes Mal schlampt ein italienischer Zulieferer beim Höhenleitwerk.

Die branchenweit bekannte Website Flightblogger berichtete, dass alle Testmaschinen bis mindestens Donnerstag am Boden bleiben. Der notgelandete Jet ist die Nummer zwei in der Flotte und hat nach Angaben von Boeing mittlerweile 179 Flüge absolviert und war dabei mehr als 558 Stunden in der Luft. Der Flieger ist vollgestopft mit Testequipment; die Besatzung besteht zum Grossteil aus Technikern.

Hoffnungsträger und Sorgenkind

Der Dreamliner ist Hoffnungsträger und Sorgenkind zugleich. Dank einer neuartigen Konstruktion aus leichten Verbundmaterialien erhoffen sich Boeing und die von hohen Spritpreisen geplagten Airlines deutliche Treibstoffeinsparungen.

Zudem hat die Elektronik vielerorts die Mechanik verdrängt. Gerade die neuen Materialien machten aber von Anfang an Probleme. Auch der vergrösserte Jumbojet 747-8 wird verspätet ausgeliefert.

Die Pannenserie hat Boeing einen Milliardenbetrag gekostet. Etliche Kunden sprangen ab, andere verlangten Schadenersatz für die lange Wartezeit. 847 Dreamliner sind bislang verkauft; seit dem Sommer kam kein neuer Auftrag hinzu.

(sda)