Baltic Dry Index

07. März 2011 08:41; Akt: 07.03.2011 09:52 Print

Düstere Vorahnung eines Konjunkturtauchers

von E. Rizzi - Ein dunkler Schatten liegt über der Wirtschaftserholung: Der als Konjunktur-Frühindikator berüchtigte Frachtraten-Index ist am Boden.

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Nicht die Nachfrage, sondern das Angebot nach Rohstoffen wurde 2010 knapp und liess die Frachtpreise purzeln. (Bild: Keystone)

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Wie ein grosses Frachtschiff auf dem Ozean wirft derzeit der Baltic Dry Index einen dunklen Schatten auf die Erholung der geschundenen Weltwirtschaft. Er fällt. Und das verheisst nichts Gutes. Denn der Baltic Dry Index gilt als zuverlässiger Frühindikator der Konjunkturentwicklung.

Der 1985 ins Leben gerufene Index wird von der Baltic Exchange in London veröffentlicht und misst die weltweiten Verschiffungskosten von Hauptfrachtgütern wie Kohle, Eisenerz und Getreide auf den wichtigsten Schifffahrtsrouten der Weltmeere. Der Baltic Dry Index ermittelt also ziemlich genau das Volumen des Welthandels in seiner ersten Stufe vor der industriellen Produktion. In der Vergangenheit liess sich daran jeweils die spätere Entwicklung der Weltwirtschaft ablesen. Denn 98 Prozent des interkontinentalen Warenverkehrs werden mit Schiffen abgewickelt.

Angst vor Einbruch

Aber während sich die Wirtschaft rund um den Globus nach der Finanz- und Schuldenkrise wieder aufrappelt, fällt der Index stetig. Lag er noch im letzten Mai bei 4209 Punkten, so erreichte er im Januar 2011 ein Tief von 1043 Punkten und hat sich derzeit bei rund 1300 Punkten gefangen. Bereits warnen deshalb Experten im Binnenland Schweiz vor einem erneuten Abkühlen der Konjunktur und orakeln, ob sich hier die Ängste um den steigenden Ölpreis bereits niederschlagen. Dies, obwohl der Internationale Währungsfonds (IWF) für das laufende Jahr mit einem Wachstum der Weltwirtschaft um 4,4 Prozent rechnet.

Doch wer sich direkt mit der Schifffahrt befasst, mag den Spuk nicht ganz so düster sehen. Oliver Lewark etwa von der deutschen Grossreederei Conti. «Aktuell ist der Index stärker von der Konjunkturentwicklung abgekoppelt als in der Vergangenheit», glaubt er. Der Grund: Derzeit beeinflussen auch Faktoren den Index, die nicht mit einer nachlassenden Wirtschaftsdynamik zusammenhängen.

Zu viele Schiffe auf den Meeren

So macht Lewark insbesondere den Zustand der Transportschiffe für Trockengütern (Bulks) für den Indexzerfall verantwortlich. Gegenwärtig schwimmen 8600 solcher Schiffe auf den Weltmeeren herum. «Aber ein Viertel der Flotte ist älter als 20 Jahre alt», so Lewark. Will heissen: Diese Schiffe müssten eigentlich wegen Altersschwäche verschrottet werden. «Aber als die Weltwirtschaft sich nach der Krise wieder erholte, konnten die Reeder neue Verträge über mehr als ein Jahr abschliessen und betrieben die veralteten Frachter einfach weiter. Derweil bestellten sie aber auch neue Schiffe», erklärt der Schiffahrtsexperte. Im Klartext: Die Reeder schafften ein hausgemachtes Überangebot. Dieses wiederum schlug auf die Frachtpreise. Glaubt man Lewark, wird sich die Situation erst wieder beruhigen, wenn in den nächsten Jahren die fällige Verschrottungswelle nachgeholt wird.

Die Situation des Überangebots verschlimmerte sich im letzten Jahr aber zusätzlich noch wegen einer Verknappung des Rohstoffangebots. «In Australien war eine Fläche so gross wie Frankreich für lange Zeit überflutet. Dabei ist Australien einer der grössten Kohle- und Eisenerzlieferanten für China. Da ist richtig was weggebrochen», weiss Lewark. Doch damit nicht genug: Auch die Getreideernte in der Kornkammer Russland fiel wegen der verheerenden Waldbrände schlecht aus.

«Schuld am Index-Sturz ist also nicht ein Nachfrageeinbruch nach Rohstoffen wie bei einem Konjunktureinbruch. Sondern das knappe Angebot lässt Transportschiffe ungenutzt vor Anker liegen und die Frachtpreise fallen», sagt der Reeder. Conti selbst ist mit 93 Schiffen auf den Ozeanen unterwegs. Auch die 2800 Angestellten des Münchner Reeders hoffen auf ein besseres Frachtjahr 2011. Doch es gibt Hoffnung: «Bisher hat der Baltic Dry Index immer zu Jahresbeginn seinen Tiefpunkt erreicht. Denn die chinesische Industrie als Weltwirtschaft Nummer zwei legt die Produktion zum Neujahr völlig lahm», so Lewark.