Getränke im Handgepäck

25. Februar 2011 14:56; Akt: 01.04.2011 15:11 Print

EU kratzt an Flugsicherheit

von Kian Ramezani - Die EU will die Bestimmungen für das Mitführen von Flüssigkeiten lockern. Flughäfen warnen, die Sprengstoff-Scanner seien nicht ausgereift. Die Schweiz sucht nach Auswegen.

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Handscanner sollen entzündbare Flüssigkeiten innerhalb einer halben Sekunde identifizieren können. Dieses russische Modell wurde von der EU allerdings nicht zertifiziert. (Video: AVK Lab)
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Fast fünf Jahre sind vergangen, seit Selbstmordattentäter mehrere Flugzeuge auf dem Weg von Grossbritannien in die USA mit Flüssigsprengstoff zur Explosion bringen wollten. Die seither geltenden Sicherheitsbestimmungen über das Mitführen von Flüssigkeiten sind ein Ärgernis geblieben. Zumindest für Transferpassagiere innerhalb Europas ist jetzt Besserung in Sicht.

Die Europäische Kommission hat angekündigt, die strengen Regeln etwas zu lockern: Ab dem 29. April 2011 dürfen Passagiere, die von einem Flughafen aus dem EU-Raum abreisen, unter bestimmten Bedingungen Flüssigkeiten im Handgepäck mitführen, die an einem Flughafen ausserhalb der EU oder auf einem Flug einer Nicht-EU-Fluggesellschaft gekauft worden sind. Bisher waren nur ausgewählte Drittländer der EU gleichgestellt: Die Schweiz, Norwegen, Island, die USA, Kanada, Malaysia, Singapur und Kroatien. Neu kann in allen Ländern der Welt eingekauft werden.

Überprüfung auf Sprengstoffspuren

Folgende Bedingungen müssen allerdings erfüllt sein: Die Flüssigkeiten müssen im Sicherheitsbereich des Flughafens gekauft worden sein, also zum Beispiel in einem Duty-Free-Shop nach der Sicherheitskontrolle. Sie müssen mit der Quittung in einem verschweissten, durchsichtigen Plastikbeutel verpackt sein. Ihr Kauf darf nicht länger als 36 Stunden vor dem Abflug erfolgt sein. Und sie müssen eine stichprobenartige Kontrolle auf Sprengstoffspuren bestehen.

Was heisst das konkret für Schweizer Passagiere? Heute ist es zum Beispiel nicht möglich, eine Flasche Mendoza aus einem Duty-Free-Shop am Flughafen Buenos Aires in die Schweiz zu bringen. Im Normalfall werden die Reisenden vom Verkaufspersonal darauf hingewiesen. Sollten sie das nicht tun, würde die Flasche bei der Kontrolle des Handgepäcks am Transferflughafen, zum Beispiel in Madrid, kassiert. Mit der neuen Regelung wird sie allenfalls vor dem Weiterflug nach Zürich auf Sprengstoffspuren gescannt und könnte im Anschluss, nach bestandener Überprüfung, mit an Bord genommen werden.

Flughäfen warnen vor Anschlägen und Chaos

Erstmals seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 könnten Flugpassagiere also ein Stück Normalität zurückbekommen, eine kleine Verschnaufpause zwischen Plastikbeuteln, Nacktscannern und Leibesvisitationen. Doch von den Flughäfen, die die neuen Bestimmungen durchsetzen und die Sprengstoffscanner betreiben müssen, kommen Misstöne. Sie sehen keine Verbesserung des Komforts sondern im Gegenteil Chaos und Unsicherheit auf die Passagiere zukommen.

«Die derzeit verfügbare Technologie ist unausgereift», erklärt Robert O'Meara vom europäischen Flughafenverband «ACI Europe» auf Anfrage von 20 Minuten Online. Sollte diese Einschätzung (siehe Infobox rechts) zutreffen, drohen den Flughäfen enorme Sicherheitsrisiken. Wenn die Technologie versagt und flüssigen Sprengstoff nicht erkennt, könnte dieser im Unterschied zu heute in grossen Mengen an Bord eines Flugzeugs gelangen. Doch auch der umgekehrte Fall, ein falscher Alarm, kann gravierende Folgen haben: Bei gehäuftem Auftreten könnte das Sicherheitspersonal überstrapaziert werden und an den Flughäfen das Chaos ausbrechen.

Auch der Flughafen Zürich würde lieber noch zuwarten: «Sicherheit hat für uns oberste Priorität», erklärt Sprecher Marc Rauch. «Grundsätzlich begrüssen wir eine Lockerung der Vorschriften, aber nicht auf Kosten der Sicherheit. Wir wollen die neuen Kontrollen erst umsetzen, wenn die Geräte technologisch ausgereift verfügbar sind.»

Flughafen Zürich will zuwarten

Das Problem ist, dass sich der Flughafen Zürich den Zeitpunkt eigentlich nicht aussuchen kann. Anton Kohler vom Bundesamt für zivile Luftfahrt (BAZL) in Bern bestätigte auf Anfrage: «Die Schweiz hat die entsprechende Verordnung der EU im April 2010 übernommen, womit sie ab 29. April 2011 auch bei uns gilt.» Der Flughafen Zürich ist laut Sprecher Rauch bezüglich der Details der Umsetzung mit dem BAZL im Gespräch und betont: «Wir setzen die EU-Bestimmung um, wenn entsprechende Kontrollgeräte ausgereift sind. Bis dahin bleibt die Flüssigkeitsbeschränkung am Flughafen Zürich bestehen.»

Ein Vertreter der Europäischen Kommission bestätigte indes, dass man auch von der Schweiz erwarte, die neuen Bestimmungen bis zum 29. April 2011 umzusetzen: «Das sind rechtlich bindende EU-Verordnungen.» Flughäfen, die die neuen Bestimmungen nicht umsetzen, müssen mit rechtlichen Schritten von zwei Seiten rechnen: Passagiere, denen trotz der neuen Gesetzgebung Getränke und Kosmetika abgenommen werden, könnten den entsprechenden Flughafen verklagen. Das könnte insbesondere dann passieren, wenn den Reisenden auffällt, dass gewisse europäische Flughäfen mitmachen und andere nicht. Oder aber die EU eröffnet ein Vertragsverletzungsverfahren.

Was ändert sich am 29. April 2011 im Detail? Der europäische Flughafenverband «ACI Europe» listet die wichtigsten Punkte auf.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Adrian am 25.02.2011 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Überrascht ?

    Der Knall ist schon zu hören ...

  • Paul Mercier am 27.02.2011 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Extrawurst

    Typisch schweizerische Extrawurst! Immer muss die Schweiz "zuwarten" und andere setzten die neuen Verordnungen termin- und ordnungsgerecht um. Können wir auch einmal beherzt das tun was andere als gegeben und sicher auch als geprüft ansehen.

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  • Hein Eken am 25.02.2011 15:13 Report Diesen Beitrag melden

    Worum's wirklich geht

    Eine 5 dl Dose Bier kostet im Flughafen Kloten ca. CHF 2.--. Am gate kostet sie dann CHF 7.-- und im Flugzeug CHF 5.-- (allerdings nur halb so gross). DAS ist ein Geschäft!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Paul Mercier am 27.02.2011 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    Extrawurst

    Typisch schweizerische Extrawurst! Immer muss die Schweiz "zuwarten" und andere setzten die neuen Verordnungen termin- und ordnungsgerecht um. Können wir auch einmal beherzt das tun was andere als gegeben und sicher auch als geprüft ansehen.

    • Andreas Notter am 24.01.2012 11:20 Report Diesen Beitrag melden

      Es ist wirklich erbärmlich

      zumal es ja wirklich nur um technische details geht. die ganze Sicherheitsmaschinerie ist eh übertrieben und hat mehr Tote durch den zusätzlichen substitutitiven Strassenverkehr gefordert als vom Terrorismus vermieden (studien belegen das).

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  • Marc-André am 26.02.2011 19:14 Report Diesen Beitrag melden

    Es geht nur ums Geschäft...

    Die Airports verkaufen ihre überteuerten Getränke besser, die Kosmetikahersteller können mehr teure Kleinpackungen absetzen und die Scannerhersteller profitieren sowieso. Es dürfte kein Zufall sein, dass Michael Chertoff, der frühere Chef der US-Homeland Security heute einen Hersteller von Nacktscannern "berät". Mit Sicherheit hat das Ganze nur noch am Rande zu tun.

  • Daniel am 25.02.2011 19:44 Report Diesen Beitrag melden

    Das Beste Mittel ... einfach nicht fliegen.

    Das Beste Mittel ... einfach nicht fliegen. Wenn die Fluglinien zuviel Verlust machen, dann werden die Sicherheitsbestimmungen eh gleich gelockert. Gut zuerst wird der Staat noch mit Steuergeldern, die Verluste decken aber einmal ist selbst da Schluss.

  • Schweizer-Meinung am 25.02.2011 19:28 Report Diesen Beitrag melden

    Vorbeugen ist besser als Heilen

    Die Schweiz muss sich sofort mehr auf Sicherheit einstellen. Dieses Sicherheits-Thema muss dringend jetzt vom Bundesrat, und nicht erst übermorgen behandelt werden.

  • klus am 25.02.2011 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    mehr Überwachung

    Terrorismus etc. ist genau die Art, wie man die eigenen wirtschaftlichen Interessen durchsetzt und dabei den Rest der Welt systematisch überwacht.