Folgen der Trockenheit

07. August 2018 20:47; Akt: 07.08.2018 20:47 Print

Ein Liter Milch soll fünf Rappen mehr kosten

Wegen der anhaltenden Dürre fordert der Schweizer Bauernverband Soforthilfe. Konsumenten sollen Milchproduzenten einen Solidaritätsbeitrag bezahlen.

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Wegen der Trockenheit leiden die Kühe. Das Wasser fehlt. Militärhelikopter versorgen die Tiere mit dem dringend nötigen Wasser. Weil die Kosten für das Futter steigen und die Milchmenge sinkt, forderte der Schweizer Bauernverband am 7. August 2018 die Detailhändler auf, für die Industriemilch befristet bis am 30. April 2019 fünf Rappen Solidaritätsbeitrag zu bezahlen, der vollumfänglich den Milchproduzenten zugute kommt. Doch nicht nur das Wasser ist knapp. Auch der Futtermais ist wegen der Trockenheit knapp ... ... wie auch das Heu, das kaum mehr wächst. Daher müssen die Bauern das knappe Gut aus dem Ausland importieren. In Deutschland haben die Bauern bereits Forderungen an den Staat gestellt. Dieser soll die Landwirtschaft mit rund einer Milliarde Euro entschädigen. Auf vielen Feldern herrscht derzeit grosse Trockenheit. Unter anderem fallen in vielen Regionen auf der Nordhalbkugel die Ernten von Weizen um ein Vielfaches geringer aus. Das Getreide wird daher teurer. Auch die Kartoffelernte ist bedroht. Experten rechnen mit hohen Ausfällen. Das könnte Pommes frites verteuern. Hinzu kommt: Weil die Kartoffeln für die verarbeitende Industrie nicht mehr richtig wachsen, könnten Pommes frites schon bald kürzer ausfallen. Wegen der Trockenheit und der Hitze geben auch die Kühe weniger Milch. Das treibt die Preise in die Höhe. Zudem fahren einige Atomkraftwerke ihre Leistung herunter. In der Schweiz produziert das Kernkraftwerk Mühleberg weniger Strom. Grund für das Zurückfahren ist die Tatsache, dass es nicht genügend Kühlwasser gibt. Das Kühlwasser kommt von den Flüssen. Doch durch die Hitze und die trockenen Tage ist etwa das gesamte Flussbett der Töss in Wila ZH ausgetrocknet (26. Juli 2018). Eine Folge der Trockenheit: Die Grundwasserspiegel sinken, weshalb weniger kaltes Frischwasser in die Flüsse und Bäche gelangt. Dadurch wird weniger Sauerstoff freigesetzt und die Fische verenden. (Im Bild: Unter dem Sauerstoffmangel leidende Karpfen aus dem Muzzanersee bei Lugano im Hitzesommer 2003) Wegen der anhaltenden Trockenheit haben bereits etliche Kantone ein Feuerverbot ausgesprochen. Die Hitze setzt ganz Europa zu. In Hannover beschädigte sie etwa die Landebahn des Flughafens. Auch Japan leidet unter der Hitze. Dort ist sie teilweise bereits lebensbedrohlich. 2003 zeigten sich die Folgen des Klimawandels erstmals deutlich. Damals gab es einen extrem heissen Sommer. Wie in diesem Jahr sanken auch 2003 die Wasserspiegel (Bild vom Bodensee im August 2003). Nicht nur in der Schweiz wird es heftiger. Weltweit wird das Wetter extremer. So etwa die Überschwemmungen in Grossbritannien. Stürme werden weltweit ebenfalls stärker. (Im Bild: Zerstörung durch den Hurrikan Maria in Puerto Rico im September 2017) Nordrhein-Westfalen, Nettetal, am 24. Juli 2018: Durch Hitze vertrocknete Kartoffelpflanzen auf einem Feld. Die Landwirtschaft leidet unter dem trockenen Wetter.

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Wegen der extremen Trockenheit hat der Schweizer Bauernverband am Dienstag ein erstes Massnahmenpaket beschlossen. Im Zentrum stehen die Sicherstellung der Futterversorgung sowie die Solidarität innerhalb der Branche und der Wertschöpfungskette.

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Mit jedem Tag ohne längeren landesweiten Regen spitzten sich die Probleme mit der extremen Trockenheit in der Schweizer Landwirtschaft zu, heisst es in einer Medienmitteilung des Schweizer Bauernverbands (SBV).

Mit jedem Tag ohne Regen wird es kritischer

Seit Monaten gebe es den begehrten Regen nur in Form von lokalen Gewittern. Weil diese regional sehr unterschiedlich ausfielen, präsentiere sich auch die Lage nicht überall gleich. An einigen Orten sei zudem die Bewässerung eingeschränkt oder nicht mehr möglich.

Mit jedem zusätzlichen Tag ohne ausreichend Wasser verschärfe sich die Situation für die Bauernbetriebe. Kritisch seien insbesondere die aktuelle Futterversorgung im Talgebiet und im Sömmerungsgebiet, das Sicherstellen von genügend Futtervorräten für den Winter, die ausgebrochene Panik auf den Schlachtviehmärkten und die noch ausstehenden, wirtschaftlich bedeutenden Ernten von Acker- und Spezialkulturen.

Aus Sicht des Schweizer Bauernverbands (SBV) braucht es deshalb rasch erste Massnahmen, um die negativen Effekte der Dürre zu dämpfen. Gewisse Kantone und der Bund hätten bereits reagiert und erste Massnahmen beschlossen, respektive vorgeschlagen. Der SBV sei froh, dass der Ernst der Lage erkannt sei.

Hauptfokus bei Marktpartnern

Das Bundesamt für Landwirtschaft hatte am Montag mitgeteilt, Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann habe beschlossen, eine vorübergehende Senkung der Zölle auf Heu und Silomais prüfen zu lassen. Bereits zugesichert wurde zudem, dass Bauern, die mit Liquiditätsproblemen kämpfen, rückzahlbare Betriebshilfe beantragen können.

Der SBV ging in seiner Mitteilung vom Dienstag nicht im Detail auf diese Punkte ein. Man unterstütze die Massnahmen grundsätzlich, sagte Martin Rufer, Leiter Produktion, Märkte und Ökologie beim SBV, auf Anfrage der Agentur Keystone-SDA. Zu den Futtermittelzöllen werde sich der SBV in den nächsten Tagen äussern.

Aber «unser Hauptfokus liegt natürlich bei den Marktpartnern», betonte Rufer. Drei Stossrichtungen stehen im Zentrum:

Brancheninterne Massnahmen

Um die Verfügbarkeit von Raufutter zu verbessern, sollen Landwirte mit genügend Futter ihr Angebot auf dem Markt und den von kantonalen Bauernverbänden eingerichteten Futterbörsen platzieren.

Landwirte, welche zusätzliche Tiere für die Herbst- und Winterführung aufnehmen können, sollen dies frühzeitig bekannt machen. Dies könne allenfalls ebenfalls kantonal koordiniert werden.

Privatrechtliche Versicherungsangebote zur Absicherung von Ausfällen aufgrund extremer Witterung mit einer Gesamtlösung im Rahmen der Agrarpolitik 22 müssten ausgebaut werden.

Solidarität in Wertschöpfungskette

«Die Partner in der Wertschöpfungskette müssen sich solidarisch zeigen und dürfen die Notlage nicht ausnützen!», schreibt der SBV weiter. Insbesondere die Schlachtbetriebe seien «angehalten, die Situation nicht schamlos auszunutzen und die Preise für Schlachtkühe derart massiv zu senken, wie dies diese Woche geschah». Die Landwirte seien angehalten, auf Panikverkäufe zu verzichten - die Preise für Schlachtkühe würden wieder steigen.

Der SBV verlangt weiter, dass die vor kurzem bewilligten Importmengen für Kuhfleisch in der aktuellen Marktsituation nicht eingeführt werden.

Da die Kosten für das Futter steigen und die Milchmenge sinkt, fordert der SBV die Detailhändler auf, für die Industriemilch befristet bis am 30. April 2019 fünf Rappen Solidaritätsbeitrag zu bezahlen, der vollumfänglich den Milchproduzenten zugute kommt. Zudem seien sämtliche noch bestehende Abzüge unverzüglich einzustellen.

Bestimmungen zu Direktzahlungen

Die tiefen Futtererträge müssten zudem in der betrieblichen Nährstoffbilanz (Suissebilanz) berücksichtigt werden, so dass die betroffenen Bauern ausreichend Futter zukaufen könnten, fordert der Bauernverband.

Und beim freiwilligen Programm des regelmässigen Auslaufes im Freien (RAUS) sei «zu berücksichtigen, dass die Tiere auf den Weiden nichts mehr zu Fressen haben.»

Die Sömmerungsbetriebe dürften keine Benachteiligung erfahren, wenn der Mindesttierbesatz aufgrund des Futtermangels nicht erreicht wird. Alpen mit gutem Futterwuchs sollten die Alpzeit verlängern können.

Das Massnahmenpaket solle den betroffenen Bauernfamilien helfen, die Folgen der Trockenheit zu bewältigen. Es verursache keine Mehrkosten für den Bund. Der SBV werde aufgrund der weiteren Wetterentwicklung und den Schäden infolge der Trockenheit laufend weitere Standortbestimmungen vornehmen und je nach dem weitere Massnahmen und Forderungen in Betracht ziehen.

(sda)

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