Am Rande des Ruins

17. März 2011 08:51; Akt: 17.03.2011 09:00 Print

Ein gefährlicher Teufelskreis

von K. Chan und T.Hosaka/AP - Der Wiederaufbau von Japan wird langwierig und kostspielig. Dafür muss das bereits jetzt schon hochverschuldete Land noch mehr Schulden machen.

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Ganze Städte sind ausradiert, Strassen und Häfen zerstört, Stahlwerke und Fabriken lahmgelegt. Tausende Menschen sind umgekommen, Hunderttausende haben alles verloren. Experten zufolge dürften die Schäden noch teurer kommen als bei dem verheerenden Beben in Kobe 1995, die die Ratingagentur Standard & Poor's mit rund 114 Milliarden Euro beziffert.

Von dem Beben in Kobe konnte sich die japanische Wirtschaft verhältnismässig schnell erholen, weil die Staatsausgaben in den folgenden zwölf Monaten um über 15 Prozent erhöht wurden. Diesmal könne sich die Regierung eine solche Ausgabenpolitik wegen der hohen Staatsverschuldung nicht leisten, meinen die Analytiker von Moodys. Jedes Investitionsprogramm werde in den Folgejahren mit Sparmassnahmen bezahlt werden müssen.

Zerstörte Häfen und Fabriken

Die vier am schlimmsten betroffenen Präfekturen Iwate, Miyagi, Fukushima und Ibaraki trugen mit ihrer Agrar-, Autoteile- und Elektronikindustrie rund sechs Prozent zu Japans Wirtschaftsleistung bei. Der grösste Hafen an der Nordostküste, Sendai, ist zerstört. Hier wurden vorwiegend Exporte wie Gummi und Meereserzeugnisse, Büromaschinen, Papierwaren und Autoteile verschifft. Drei weitere - Hachinohe, Ishinomaki und Onahama - sind schwer beschädigt und wohl auf Monate hinaus nicht zu gebrauchen.

Sechs Erdölraffinerien, ein Drittel der Raffineriekapazität des Landes, haben den Betrieb eingestellt. In zweien hat es gebrannt, eine brennt noch immer. Auch Stahlwerke sind betroffen. Das Werk von Nippon Steel in Kamaishi, das Material für Fahrzeugchassis und Antriebsstränge produziert, wurde teilweise überflutet und musste schliessen. Auch im Werk Kashima von Sumimoto Metal Industries gingen die Lichter aus.

Probleme bei Elektronikbauteilen

Darüber hinaus mussten viele Firmen wegen der Stromknappheit als Folge der Schäden in Atomkraftwerken die Maschinen stoppen. Sony stellte in mehreren Werken - unter anderem einen für Blue-Ray Discs - die Produktion ein, ebenso Toshiba. Bei sämtlichen Automobilherstellern stehen landesweit die Bänder still, auch beim weltgrössten Produzenten Toyota. Problematisch wird es laut Dale Ford vom Marktforschungsinstitut IHS iSuppli auch für Technologieunternehmen, elektronische Bauteile zu versenden, Rohmaterial zu erhalten und Arbeiter zu den funktionierenden Betrieben zu befördern.

Die in Japan hergestellten Komponenten sind für die Endmontage in China und anderen Ländern bestimmt. Fachleuten zufolge reichen die Bestände in der Lieferkette den Kunden noch bis zu vier Wochen; bis dahin müssten sich Unternehmen wie Apple, Dell und Lenovo nach alternativen Bezugsquellen umsehen, wenn die Teile für Computer und iPads nicht knapp werden sollen.

Erst ausgeben, dann einsparen

Erste Schätzungen der Versicherungsschäden belaufen sich auf bis zu 43 Milliarden Euro. Der Wiederaufbau werde äusserst schwierig, weil die Schäden so umfangreich und wahrscheinlich auch Stromleitungen und Klärwerke zerstört seien, erklärte der Ingenieur Jun Yang, der in Hongkong lehrt und nach dem Erdbeben in Sichuan in China 2008 dort Feldforschung betrieben hat. «Meiner Ansicht nach würden Wiederaufbau oder Reparatur fünf bis zehn Jahre dauern», schätzte er. In diesem Zeitrahmen sei noch keine radioaktive Belastung durch havarierte Atomkraftwerke berücksichtigt, die «erheblichen Einfluss» auf den Wiederaufbau haben könne.

«Die Aufräumarbeiten werden Monate dauern, und der Wiederaufbau der Kern-Infrastruktur noch wesentlich länger», urteilen Ökonomen von Moody's in einem Bericht über die umfangreichen Schäden an Häfen, Kraftwerken und Raffinerien. Der Staat wird Milliardensummen in die Hand nehmen müssen, die zwar der Baubranche zugutekommen, aber den Schuldenberg noch erhöhen werden.