Vierspurig durch die Wüste

12. Februar 2011 20:36; Akt: 12.02.2011 20:36 Print

Eine Seidenstrasse aus Asphalt

Wo einst Karawanen Ost und West verbanden, sollen bald Lastwagen über den Asphalt donnern: Die Neuauflage der Seidenstrasse verbindet Rotterdam mit Shanghai.

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Die drei Routen des NELTI-Projekts (Bild: www.iru-nelti.org)

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«Ich habe einen Traum» – mit diesem berühmten Martin-Luther-King-Zitat würzte Martin Marmy seine Antrittsrede als Generalsekretär der IRU (International Road Transport Union). Jetzt, fünfzehn Jahre später, ist der Schweizer überzeugt, dass aus dem Traum Wirklichkeit wird.

Die Vision, um die es hier geht, ist ambitiös: In nur elf Tagen sollen künftig Lastwagen die Strecke zwischen Rotterdam und den Häfen an der chinesischen Ostküste zurücklegen – auf dem Seeweg dauert der Transport 45 Tage. Eine neue Seidenstrasse aus Asphalt, gegen 8500 Kilometer lang, soll die boomende Wirtschaftsmacht China über Kasachstan und Russland mit dem europäischen Strassennetz verbinden.

700 Milliarden Dollar pro Jahr

Von der Antike bis in die frühe Neuzeit hinein verband die Seidenstrasse, ein Netzwerk von Karawanenstrassen, das Mittelmeer mit dem ostasiatischen Wirtschaftsraum (siehe Infobox). Die Entdeckung des Seewegs nach China durch die europäischen Seemächte liess die Seidenstrasse dann aber in Bedeutungslosigkeit versinken. Erst mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn (1891-1916) erhielt der Verkehr über die Landverbindung nach Ostasien neuen Auftrieb. Während der kommunistischen Ära blieb der Warenstrom – damals vor allem aus Japan – allerdings bescheiden; und mit dem Zerfall der Sowjetunion nahmen die Sicherheitsrisiken stark zu.

Doch die Vorteile der direkten Verkehrsverbindung über Land sind zu verlockend, um sie auf Dauer zu ignorieren. Ein ansehnlicher Teil der Güter im Wert von jährlich 700 Milliarden Dollar, die auf dem Seeweg von Asien nach Europa gelangen, könnte künftig auf dem Landweg verschoben werden, wie ein Artikel in der Printausgabe der Genfer Zeitung «Le Temps» kürzlich darlegte. Allerdings sind auch die Probleme bei einem Projekt dieses Ausmasses gigantisch. Allein in Kasachstan müssen nahezu 2500 Kilometer neu asphaltiert werden. In dem zentralasiatischen Binnenstaat wird indes nicht die gesamte Strecke vierspurig verlaufen; dafür sollen Städte umfahren werden, um die Verschmutzung einzudämmen.

Drei Routen

Mehr noch als Gebirgspässe oder Schlaglöcher dürften aber die Tücken der Bürokratie den Verkehrsfluss behindern. Bei einer Testfahrt im September 2010, so berichtet «Le Temps», steckte die Lastwagenkarawane nicht weniger als 40 Prozent der gesamten Zeit an Grenzübergängen fest. Da aber sowohl Kasachstan wie Russland so bald wie möglich der Welthandelsorganisation WTO beitreten wollen, dürfte sich die Lage diesbezüglich mittelfristig verbessern.

Das von mehreren Firmen aus verschiedenen Anrainerstaaten unterstützte Projekt der IRU, die «New Eurasian Land Transport Initiative» (NELTI), umfasst den westlichen Flügel der eurasischen Verkehrsverbindung. Geplant sind drei Korridore zwischen Europa und Westchina; ein nördlicher über Russland und Kasachstan, ein mittlerer über das Schwarze Meer, den Kaukasus und den Kaspi-See sowie ein südlicher über die Türkei, den Iran und Turkmenistan.

Schiene und Strasse

Das NELTI-Projekt ist nicht das einzige, das eine Renaissance der Seidenstrasse zum Ziel hat. Auch der «Transport Corridor Europe-Caucasus-Asia» (TRACECA) will Europa mit Mittelasien verbinden. Dabei werden Strassen- und Eisenbahnverbindungen gleichermassen gefördert. Russland betrachtet dieses bereits 1993 von der EU gestartete Projekt indes mit Argwohn, da dessen geplante Routen das russische Territorium südlich umfahren.

Daneben bezweckt auch das «Asian Highway Project» (AH)) den Ausbau der Verbindungen zwischen Asien und Europa, dies im Rahmen der Erweiterung des asiatischen Fernstrassennetzes. An diesem UNO-Projekt sind 32 asiatische Staaten beteiligt.

Nicht nur auf der Strasse tut sich etwas, auch für die Schienenwege gibt es neue Pläne. Die chinesischen Eisenbahningenieure, die bis 2020 alle Metropolen des Reichs der Mitte mit Hochgeschwindigkeitslinien verbinden wollen, blicken über die Westgrenze hinaus nach Europa. So entsteht derzeit eine Hochgeschwindigkeits-Verbindung von Shanghai nach Moskau auf dem Reissbrett. Geplant ist zudem eine Südroute nach Teheran, der iranischen Hauptstadt. Von dort könnten dann Prag und Berlin erreicht werden. Freilich sind diese Pläne noch nicht weit gediehen; und es könnte durchaus sein, dass sie nie verwirklicht werden. Zumindest beim Personenverkehr ist die Eisenbahn über solche Distanzen gegenüber dem Flugverkehr nicht konkurrenzfähig.

Sicher ist aber, dass der asiatische und der europäische Wirtschaftsraum weiter zusammenwachsen werden und dass dies zu einem guten Teil auch über die wiederbelebte Landverbindung der Seidenstrasse geschehen wird.

(dhr)