Energie

22. März 2011 10:45; Akt: 22.03.2011 11:13 Print

Erdgas stellt Solarenergie in den Schatten

von Elisabeth Rizzi - Trotz Kursexplosion bei Solaraktien: Erdgas und nicht Solarstrom dürfte der Gewinner im neu entfachten Wettstreit der Energieträger sein.

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Der russische Präsident Dmitry Medvedev bei der Konstruktion der Nord Stream Pipeline in Vyborg. (Bild: Keystone)

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Kurz nach den Problemen rund um die vom Tsunami beschädigten Reaktoren im japanischen Atomkraftwerk in Fukushima setzten Solaraktien zu einem Höhenflug an. Nach Einschätzungen von Analysten könnte die Rally jedoch bald abflauen. Denn die Nachfrage nach Solarzellen stagniert. Zudem hängt die Solarenergie immer noch von der Förderung der Staaten ab.

Die Erdgas-Unternehmen dürften als wahre Gewinner aus der weltweiten Diskussion um den Ausstieg aus der Atomenergie hervorgehen. In der EU trägt Erdgas heute 24 Prozent zum Stromkonsum bei. Der Preis für das Erdgas kam in den vergangenen Jahren massiv unter Druck. Anfang 2011 lagen die Spotpreise in Europa bis 30 Prozent unter dem Vorjahreswert. Der Grund ist ein massives Überangebot des Rohstoffs. Zum einen nahm der Bedarf weltweit ab. Im Jahr 2009 erodierte die Nachfrage um 3 Prozent. Das war der grösste registrierte Rückgang.

stark wachsende Nachfrage

Zum anderen wurden gleichzeitig neue Gaskapazitäten erschlossen, die sich zunehmend gegenseitig konkurrenzieren. Allen voran wird mehr verflüssigtes Gas (LNG, liquified natural gas) produziert, das in Schiffen statt Pipelines transportiert wird. Darüber hinaus haben sich die USA vom Gasimporteur zu einem eigentlichen Gasexporteur entwickelt. Die Amerikaner haben mit einer neuen Bohrtechnologie begonnen, eigene Erdgasvorkommen in Schiefer abzubauen.

Noch mindestens fünf Jahre werde das Überangebot vorhanden sein, prognostizierten Analysten vor der Erdbeben- und Tsunamikatastrophe in Japan. Auch eine Woche danach glaubt Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW noch nicht daran, dass das Überangebot sinkt. «Durch die neuen Bohrtechniken kann man sogar davon ausgehen, dass das Überangebot eher steigt als fällt», meint sie.

Aber das kommt dem Markt sogar zugute. Denn die Experten rechnen damit, dass die Nachfrage nach Erdgas rund um die AKW-Ausstiegsdiskussionen stark wachsen wird. Kemfert spricht in diesem Zusammenhang gar von Gaskraftwerken als «wirklichen Brückentechnologien», die «effizient und gut kombinierbar mit erneuerbaren Energien sind». Immerhin ist Erdgas der sauberste fossile Energieträger.

Langjährige Verträge

«Die höhere Nachfrage wird sich in den Preisen niederschlagen. Denn veränderte politische Rahmenbedingungen wirken sich erfahrungsgemäss schnell auf die Bedarfsplanung aus», sagt Jens Müller Sprecher der Ostseegas-Pipeline Nord Stream. In der Tat sind die Spotmarktpreise für Gas in Europa letzte Woche bereits kräftig angestiegen.

«In Deutschland und der ganzen EU wird die Nachfrage nebst den USA am meisten steigen», ist Kemfert überzeugt. In Europa wurde bislang bis ins Jahr 2030 ein Mehrbedarf an Gas von 200 Milliarden Kubikmetern jährlich erwartet. «Dieses Volumen dürfte nach den aktuellen politischen Diskussionen nun viel früher erreicht werden», so Müller. Das kommt Nord Stream entgegen: Die Pipeline, die dieses Jahr in Betrieb genommen werden soll, wird daran 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr liefern können.

Laut Kemfert dürften die Abbauländer USA, Russland, Katar und die Nationen im kasachischen Raum am meisten von der jetzt noch beschleunigten Nachfragesteigerung profitieren. Sie gehören allerdings bereits jetzt zu den Gewinnern. Denn die fallenden Spotmarktpreise haben sich bei den Produzenten nur beschränkt bemerkbar gemacht. «Gasverträge werden nämlich oft über Jahre bis Jahrzehnte abgeschlossen», erklärt Müller. Will heissen: Die Verträge mit den Lieferanten laufen derzeit zu weit überteuerten Preisen aus der Vergangenheit weiter. Allerdings gibt es zumindest für Europas Konsumenten doch noch Hoffnung: «Derzeit ist russisches Gas zu teuer. Wenn Russland weiter wettbewerbsfähig bleiben will, dann muss es das Gas preiswerter anbieten», ist Kemfert überzeugt.