Spielball der Spekulanten

05. August 2009 11:42; Akt: 05.08.2009 15:14 Print

Erstickt der steigende Ölpreis den Aufschwung?

von Werner Grundlehner - Ohne Erdöl steht die Weltwirtschaft still - da ändern auch Sonnenenergie und Kohle nichts. Im ungünstigsten Krisenmoment zeigen sich erste Verknappungserscheinungen. Würgt der Ölpreis den Aufschwung ab, bevor wir diesen spüren?

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Ölplattform Cantarell in der Nähe von Ciudad del Carmen, Mexiko

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Noch geht die globale Ökonomie am Krückstock – aber bereits hat sich der Ölpreis innert weniger Monate verdoppelt. Droht uns das Szenario der 70er Jahre? Damals stagnierte die Wirtschaft und die hohe Notierung von Erdöl trieb die Teuerung. Fachleute nennen diesen Zustand Stagflation (Stagnation und Inflation).

Unter den Öl-Fachleuten kursiert ein wenig erbauliches Szenario mit dem Namen Peak Oil. Die Theorie des globalen Ölfördermaximums geht davon aus, dass bald die maximale Ölförderung erreicht sein könnte (oder vielleicht schon hinter uns liege). Ab diesem Zeitpunkt geht es mit der Fördermenge – egal welche Anstrengungen auch unternommen werden – nur noch abwärts.

Lieferengpässe

Susanne Toren, Analystin der ZKB meint dazu: «In etlichen Förderländern wie Mexiko nimmt der Ertrag existierender Ölfelder schneller ab als erwartet. Für die Nicht-Opec-Förderländer wurde der Peak Oil bereits überschritten, hiervon geht nunmehr selbst die Internationale Energie Agentur aus». Gleichzeitig seien neuentdeckte Ölfelder typischerweise kleiner und technisch schwieriger zu erschliessen. Dies hat laut Toren die Kosten der Exploration in den letzten Jahren deutlich erhöht.

Die Analystin fügt an: «Die Kapazitäten im Ölbereich werden sehr beschränkt bleiben und sind in der Finanzkrise gar noch einmal spürbar enger geworden». Versorgungsengpässe sind wahrsscheilich, das erwarte auch der Internationale Währungsfonds. Dem widerspricht allerdings Rolf Hartl, Geschäftsführer der Schweizer Erdöl-Vereinigung , der auf die verminderte Ölnachfrage verweist, die zu einer Erhöhung der Reserve-Förderkapazitäten geführt hat.

Philiosophische Sicht

«Im Gegensatz zu Mineralwasser oder Milch beeinflussen sehr viel mehr Faktoren den Erdölpreis, darum sind seriöse Prognosen fast unmöglich», sagt Hartl. Auf Angebot und Nachfrage wirkten politische Faktoren, Dollarkurs, Unwägbarkeiten auf den langen Transportwegen, Börsenentwicklung, Rohstoffpreise und vieles mehr ein. Grosse Erdölmultis würden sich nie zu einer Preisprognose hinreissen lassen – diese Disziplin ist gemäss Hartl den Bankanalysten vorbehalten.

Hartl fordert dazu auf, einmal einen philosophischen Blick auf den Ölpreis zu werfen: «In der Gegenwart und Zukunft hält man das Erdöl stets für teuer, erst im Rückblick erscheint er immer tief». Die Prognosen gehen gemäss Hartl meist von steigenden Kursen aus, «nur war der Preis vor Jahresfrist rund doppelt so hoch, so dass auch die Prognosen viel höher waren als heute». Er fügt an, dass es keinen fairen Preis gebe – auch wenn die Opec momentan ein Niveau von 70 Dollar als «fair» bezeichne. Hartls Begründung: «In Golfstaaten wie Saudi-Arabien belaufen sich die Produktionskosten pro Fass weiterhin auf 2 bis 3 Dollar».

Spekulationen

Was prognostizieren die Analysten? Alan Plaugman, Analyst der Saxo Bank, schätzt den Ölpreis momentan als überhöht ein. Vor allem wurden nach seiner Ansicht Spekulanten, die Öl auf Termin verkaufen, auf dem falschen Fuss erwischt. Sie müssen sich nun zu steigenden Notierungen eindecken. Die fundamental schwache Nachfrage und das relativ hohe Angebot würden für tiefere Preise sprechen. China scheine zwar nach wie vor die Öllager aufzufüllen, um für die weitere Wirtschaftsexpansion gerüstet zu sein. «Ich bin aber nicht überzeugt, dass ein einzelnes Land einen so gut etablierten Markt weltweit für längere Zeit dominieren kann,» betont Plaugman. Ausserdem habe China in Bezug auf die Ölkäufe künftig Zurückhaltung signalisiert. «Es ist schwierig abzuschätzen, wie hoch die Spekulanten den Ölpreis treiben können», erklärt der Analyst.

Nach Ansicht von Susanne Toren wird der Ölpreis rasch in Richtung alter Höchststände klettern, falls die jetzt in Gang kommende weltweite Wirtschaftserholung fortdauert. «Wir rechnen mit einem Überschreiten der 100 Dollar-je-Fass-Marke bereits im Jahresverlauf 2010», so die ZKB-Analystin.