Feierabend ade!

05. Juni 2012 17:06; Akt: 05.06.2012 17:56 Print

Fast jeder ist immer erreichbar

von Sabina Sturzenegger - In der Freizeit für die Arbeit erreichbar sein - das ist für viele selbstverständlich. Damit Angestellte nicht in Stress geraten, sollten die Chefs klare Regeln aufstellen.

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(Quelle: Swisscom Lifebalance-Studie, Grafik: Olaf Kunz)

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Mails checken am Wochenende und im Urlaub, Anrufe entgegennehmen in der Mittagspause und nach Feierabend: Für immer mehr Arbeitstätige gehört das selbstverständlich zu ihrem Job. Sowohl für Deutsch- als auch für Westschweizer ist die berufliche Erreichbarkeit ausserhalb der Arbeitszeit keine Ausnahme: Nur noch ein kleiner Teil 1977 Befragten in der Swisscom Life-Balance-Studie ist während der Freizeit für Berufliches nie erreichbar (siehe Grafik).

Hingegen geben bis zur Hälfte der Befragten an, in der Freizeit «immer», «sehr häufig» oder «eher häufig» für Geschäftliches erreichbar zu sein. Über Mittag und am Feierabend ist die Erreichbarkeit etwas höher als am Wochenende, an Feiertagenund in den Ferien. Für Miriam Nido vom Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (iafob) weisen diese Werte auf eine hohe Erreichbarkeit ausserhalb der Arbeitszeit hin, wie sie gegenüber 20 Minuten Online erklärt.

«Arbeitgeber erwartet das»

Als Gründe für die Erreichbarkeit ausserhalb der Arbeitszeiten geben die meisten der Befragten an, dass sie ihre Arbeitskollegen nicht im Stich lassen können (55 Prozent) und ihre Verantwortung gegenüber Kunden und Klienten wahrnehmen müssen (31 Prozent). 20 Prozent glauben, in einer Branche zu arbeiten, die «keine Öffnungszeiten kennt». Jeweils 17 Prozent der Befragten gaben an, ihr Arbeitgeber erwarte das, beziehungsweise es sei für den Arbeitgeber «normal», immer erreichbar zu sein.

Das zeigt: Das Verantwortungsbewusstsein der Angestellten gegenüber ihrem Job ist hoch, nicht erreichbar zu sein ist schon beinahe ein «No-Go». Dies empfinden aber längst nicht alle Arbeitenden als angenehm. So bewerten rund 35 Prozent der Schweizer berufliche Telefonanrufe in der Freizeit als belastend. Weniger gestresst fühlen sich die Befragten, wenn die Kontaktaufnahme per SMS oder E-Mail erfolgt (siehe Grafik unten). Denn während man ein SMS fürs erste ignorieren, oder ein Mail auch zu einen späteren Zeitpunkt beantworten kann, wird das Klingeln des Telefons oft als dringend empfunden.

Basis: Erwerbstätige Angestellte, welche ausserhalb der arbeitszeit durch den jeweiligen Kanal erreichbar sind. (Quelle: Swisscom Lifebalance-Studie)

Deshalb wünschen sich auch fast 30 Prozent der Berufstätigen, die ihre Erreichbarkeit ausserhalb der Arbeitszeiten nicht selber einschränken können, dass sie diese Möglichkeit hätten: Sie würden gern einmal am Abend das Smartphone abstellen oder am Wochenende den Laptop schliessen - auf Geheiss des Chefs.

Nicht-Erreichbarkeit ermöglichen

Nicht-Erreichbarkeit ist wichtig, darin sind sich Experten einig. Der deutsche Unternehmensberater Wolfgang Zieren sagte gegenüber der «Süddeutschen Zeitung», seine Kollegen müssten zwar «Phasen akzeptieren, in denen sie auch mal fast rund um die Uhr erreichbar» seien. Dennoch bemesse sich die Qualität der Arbeit nicht in permanenter Abrufbereitschaft. Auch Kommunikationsexpertin Miriam Meckel plädiert dafür, dass man abschalten sollte, um «für etwas oder jemanden wirklich da» zu sein, wie sie in der «Annabelle» sagte.

Für Organisationsberaterin Miriam Nido ist das ein zentraler Punkt im Umgang mit Erreichbarkeit neben dem Job. Sie empfiehlt, dass Unternehmen genaue Spielregeln festlegen sollten, wer wann und wie ausserhalb der Arbeitszeit erreichbar ist: «Die Mitarbeitenden sollten wissen, ob von ihnen erwartet wird, dass sie für Anrufe zur Verfügung stehen, ihre Mails in ihrer Freizeit, am Wochenende oder in den Ferien beantworten oder nicht», fordert sie. Zudem sollte man klar abmachen, wie die Kontaktaufnahme zu erfolgen habe, und wie rasch ein Mitarbeiter reagieren sollte, wenn er nicht im Büro ist.

Vorgesetzte sollen Vorbild sein

«Wichtig ist dabei, dass die Vorgesetzten ein Vorbild sind und ihren Mitarbeitenden vorleben, was sie von ihnen erwarten», erklärt Nido. Gemäss Urs Schaeppi, Mitglied der Swisscom-Konzernleitung, muss es den Unternehmen gelingen, die Anliegen der Erreichbarkeit und der Nicht-Erreichbarkeit unter einen Hut zu bringen: «Das Arbeits- und Marktumfeld wird immer dynamischer und globaler. Daher sei es wichtig, mit innovativen und einfachen Lösungen die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen Unternehmen zu fördern, um diesem Trend gerecht zu werden.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Es müsste einfach eine Tool geben, mit dem man dies einigermassen regeln kann. Dann läuft die Erreichbarkeit in der Freizeit auch nicht aus dem Ruder. Und man hat mehr Freiheiten - während der Arbeit und auch in der Freizeit. – Martino Melloni

Für mich ist das Ganze nichts anderes als ein unsichtbar, künstlich aufgebauter Stress. Ich arbeite nun seit gut drei Jahrzehnten. Frage mich bloss, wie wir das in den achtziger und neunziger Jahren über die Runden gebracht haben. Denke nicht, dass wir damals weniger zu tun hatten. Und doch gings. Waren wir jeweils nicht erreichbar, Pech! Später nochmals versucht. Heute muss alles gestern schon erledigt sein. – Arno, Höri

Mein Arbeitgeber hat zwar meine Handynummer, jedoch nehme ich ausserhalb der Arbeitszeit nur Privatanrufe entgegen (die gespeichert sind). Mein Arbeitgeber kann sich per Post an mich wenden, im persönlichen Gespräch während der Arbeitszeit oder per Telefon am Arbeitsplatz (mit Piepser, da ich überall in der Firma erreichbar sein muss). 41h/Woche bin ich für ihn da, die restliche Zeit gehört mir. Wird ja auch nicht bezahlt ! – Thomas Harder

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniel Flubacher am 06.06.2012 05:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Theater

    Wirklich wichtige Leute sind nicht immer erreichbar. Die die meinen sie müssen immer erreichbar sein sind Sklaven denen man vorgibt dass sie wichtig sind.

  • Bruce am 05.06.2012 18:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jaja..

    Arbeite beruflich auch mit einem laptop und blackberry. Mir würde es jedoch nie in den sinn kommen diese kisten nach feierabend einzuschalten. Feierabend ist eben feierabend.. Es gibt auch ein morgen;-) Das wissen meine kunden und vorgesetzten und gab auch nie ein problem damit..

  • Worker am 05.06.2012 17:44 Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitsverhalten und Stress

    Dieses Umfeld haben wir uns selber geschaffen. Wir glauben, wir sind nur wichtig wenn möglichst viele Mails in der Inbox sind. Dabei kann man locker 90% löschen, da bei genauerer Betrachtung keinerlei Wichtigkeit erkennbar ist (cc Kopien und bla,bla Kommentare). Genauso verhält es sich mit dem Handy. Wir können nicht mehr planen, sind nicht mehr in der Lage vorauszudenken und Situationen abzuschätzen. Wir greifen einfach zum Handy und fragen mal. So toll auch die neuen Gadges sind, wirklich hilfreich sind sie nur bei einem intelligenten Einsatz - und das ist nicht das, was heute passiert.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Martino Melloni am 08.06.2012 10:56 Report Diesen Beitrag melden

    Es braucht ein Programm

    Es müsste einfach eine Tool geben, mit dem man dies einigermassen regeln kann. Dann läuft die Erreichbarkeit in der Freizeit auch nicht aus dem Ruder. Und man hat mehr Freiheiten - während der Arbeit und auch in der Freizeit.

  • Pesche am 07.06.2012 08:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    .... und wie dankt dir der Arbeitgeber den Einsatz

    ... du kriegst den Schuh in den A... wenn dich der Arbeitgeber nicht mehr braucht. Dies ingeachtet der fast 24h stündigen Präsenz während x Jahren. Auf das Alter wird dabei auch nicht Rücksicht genommen. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen! Und was machen wir Arbeitnehmer? Wir schweigen und akzeptieren.

  • Stefan am 07.06.2012 07:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jobabhängig

    Kommt halt drauf an was man arbeitet und wie es organisiert ist. Ich habe 50+ Mitarbeiter in 6 Büros weltweit, Tokyo ist 8-9 h voraus, New York 6 hintendrin, Dubai arbeitet Samstag und Sonntag. Alle haben meine Nummer aber wissen dass sie nur im äussersten Notfall eine SMS schicken sollen und dann sehe ich ob ich zurückrufe. Das Problem der meisten Leute ist dass sie selber proaktiv emails checken und da muss man sich halt selber im Zaum halten. Ich habe kein Problem damit eine Sache zu einer Unzeit zu Lösen wenn Zeit ein Faktor ist der Probleme limitiert oder Verluste / Mehrauwand verhindert.

  • Sa am 07.06.2012 07:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    auch o.k....

    Umgekehrt nehmen es wohl einige nicht so genau mit privaten SMS und Mails während der Bürozeit...

  • Rocco Orsini am 06.06.2012 15:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wichtige Leute

    die einzig wirklich wichtigen Leute, sind Notfallärzte, Feuerwehrleute und Polizisten etc. und die sind so organisiert, dass sie neben Pikett auch Freizeit (und damit meine ich auch Freie Zeit) haben ( ob zu viel oder zuwenig, darüber lässt sich immer streiten....). Der ganze Rest der Menschheit, die meinen immer Erreichbar sein zu müssen, v.a. Arbeitgeber und Vorgesetzte sind nur Wichtigtuer und Möchtegerns.....