Nach Minarett-Verbot

06. Dezember 2009 10:49; Akt: 06.12.2009 13:41 Print

Festtagsgrüsse nur noch «religionsneutral»

von Lukas Hässig - Während das Schweizer Volk den Muslims ihre Minarette verbietet, gebärden sich Schweizer Grossfirmen als vorauseilend religionsneutral. Weihnachtswünsche sind tabu, statt dessen gibts «schöne Festtage».

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Die ABB-Mitarbeiter haben dieses Jahr die Wahl zwischen Winterlandschaft und abstrakter Kunst. Das sind die beiden Kartenmotive, die der Konzern zur Verfügung stellt. Und darauf wünscht die weltweit tätige Industrieunternehmung «alles Gute und viel Erfolg im neuen Jahr». Kein Wort von Weihnachten oder Weihnachtszeit.

«Wir verhalten uns religionsneutral»

Jegliche Hinweise auf den christlichen oder einen anderen Glauben sind beim Industriemulti tabu. «Wir verhalten uns schon lange religionsneutral», sagt ABB-Sprecherin Melanie Nyfeler gegenüber 20 Minuten Online. «Unsere Kunden stammen aus verschiedenen Kulturkreisen, das wollen wir mit unseren Festtagskarten berücksichtigen».

Während das Schweizer Stimmvolk mit seinem klaren Ja zum Minarettverbot einen Debattensturm in Europa ausgelöst hat und am physischen und virtuellen Stammtisch für ihr Anti-Islam-Zeichen gelobt wird, legen die wichtigsten Firmen der kleinen Alpenrepublik besondere Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle an den Tag.

Sie haben ihren Sitz zwar mitten in jener Schweiz, die soeben eine Weltreligion zurückgestuft hat und damit das im Land vorherrschende Christentum heraushob. Doch das Fest der Geburt von Gottes Sohn, das im christlichen Glauben zentrale Bedeutung hat, wollen diese im Westen verwurzelten Unternehmen nicht mehr zelebrieren.

Happy holidays statt frohe Weihnachten bei der CS

Die Credit Suisse versieht ihre Kundenkarten und -geschenke in der Schweiz mit dem Wort «Festtage» und in den USA mit «happy holidays». Als weltweit tätiges Unternehmen wolle man überkonfessionell agieren, begründet ein Sprecher auf Anfrage. «Der Begriff 'Weihnachten' steht bei uns nirgends im Vordergrund», sagt der CS-Mann.

Auch die grösste Schweizer Firma, Nahrungsmittelherstellerin Nestlé, verschickt nur noch «Grusskarten mit der neutralen Aufschrift ». Laut einer Nestlé-Sprecherin können diese «natürlich individuell, je nach Adressat, mit Grüssen versehen werden».

Aber nicht nur Schweizer Grossunternehmen halten Weihnachten tief. Auch im liberalen Holland verpflichten Unternehmen ihre Angestellten, auf Weihnachtskarten zu verzichten. Mitte November erhielten alle Kaderangestellten der holländischen Bank ABN Amro ein Mail vom Personalchef, das ihnen die Richtlinien für die bevorstehenden Festtage vorgab.

Auch Holländer verbieten Weihnachtswünsche

«Die generelle Politik von ABN Amro lautet, dass wir unseren Kunden und Mitarbeitern keine Weihnachtskarten und -geschenke zustellen», schrieb der oberste Personalverantwortliche. «Dahinter steht die Überlegung, dass Weihnachten einen religiösen Bezug hat und dass unsere Bank eine religionsneutrale Position einzunehmen wünscht».

Die einzelnen Abteilungen seien frei, einen kleinen Anlass auf die Beine zu stellen, beispielsweise «ein Frühstück, ein Mittagessen oder sonst etwas Nettes», heisst es im Mail. Wichtig seien dabei «Bescheidenheit und tiefe Kosten».

Die religionsneutrale Position vieler Multis ist ein weiterer Beleg für die Schere, die zwischen den Nationalstaaten und den grossen Unternehmen aufgeht. Auf der einen Seite schieben kleine Länder, die sich vor muslimischer Einwanderung fürchten, einen religiösen Riegel. Auf der anderen Seite agieren Firmen wie Nestlé mit über 280 000 Mitarbeitern und einer weltweiten Präsenz wie eigene kleine Planeten. Um bei allen Kunden und Mitarbeitern einen guten Eindruck zu hinterlassen, wollen sie keinesfalls in den Verdacht religiöser Vorbehalte oder Diskriminierungen geraten. Das geht soweit, dass sie ihren Mitarbeitern nicht einmal mehr erlauben, Weihnachtskarten zu verschicken.