Beschattungsaffäre

27. Januar 2020 01:38; Akt: 27.01.2020 07:18 Print

Finma prüft laut Insider Rolle der CS-Spitze

Die Überwachung des früheren Managers Iqbal Khan droht die Credit Suisse in eine Krise zu stürzen, die auch die Unternehmensspitze erfassen könnte.

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Die Verantwortlichen der Credit Suisse ziehen aus der Bespitzelungsaffäre Konsequenzen. «Die Überwachung von Iqbal Khan war falsch und unverhältnismässig», heisst es in einer Mitteilung der Grossbank am Dienstag, 1. Oktober 2019. Der operative Chef Pierre-Olivier Bouée und der operative Sicherheitschef Remo Boccali sind per sofort zurückgetreten. Konzernchef Tidjane Thiam bleibt. Er habe die Überwachung nicht angeordnet. Für die Credit Suisse war die vergangene Woche eine schwierige. (Im Bild: VR-Präsident Urs Rohner und CEO Tidjane Thiam) Der Aktienkurs der Bank sackte vom Freitag, 20. September, bis Freitag, 27. September, um 5,8 Prozent ein. In diesem Zeitraum kamen zunehmend Details zum Bankerzoff zwischen CEO Tidjane Thiam und dem Ex-CS-Mann Iqbal Khan ans Licht. Das Finanzinstitut büsste fast 2 Milliarden Franken an Börsenwert ein. «Das hat sicher auch mit den negativen Berichten zu tun, denn einige Anleger reagieren sensitiv auf Reputationsrisiken», sagt Andreas Venditti, Bankanalyst der Bank Vontobel. Zwar lief es für die gesamte Schweizer Börse im gleichen Zeitraum eher schlecht. Analysten nennen die Unsicherheit um das Amtenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump als einen der Hauptgründe für den Knick im Kurs. Der SMI wie auch die UBS-Aktie begannen sich aber bereits ab Mittwoch zu erholen. Anders ist es bei der Credit Suisse: Hier kam das Wochentief erst am Freitag. Der Streit zwischen Thiam und Khan kostet die Bank nicht nur Geld an der Börse, sondern auch Reputation, wie Reputationsexperte Bernhard Bauhofer (Bild) zu 20 Minuten sagt: «Diese Geschichte trägt weiter dazu bei, dass die Schweizer Bankenbranche an Glaubwürdigkeit verliert.» Genau beziffern lasse sich dieser Reputationsschaden aber nicht. Nun bestehe die Gefahr, dass es zu einer Führungskrise komme. Sollte der jetzige CEO seinen Posten bei der CS verlieren, wäre VR-Präsident Urs Rohner (Bild), der Thiam einst als idealen Kandidaten zur Bank geholt hatte, gefordert, innert Kürze einen weniger kontroversen Nachfolger aufzubieten. Tidjane Thiam und Iqbal Khan sind Nachbarn. Thiams Villa mit Rundbau steht neben Khans Backsteinhaus. Auf Google Maps ist Khans Haus noch im Aufbau. Zwei Jahre habe die Bauphase gedauert, der Lärm sorgte für Spannung zwischen den Topmanagern. Wegen zwei Bäumen zwischen Thiams Villa und Khans Backsteinhaus kam es dann an einer Cocktailparty zum grossen Streit. Eine Zürcher Filiale der Credit Suisse besudelt von Vandalen am 1. Mai 2019. Der Name der Grossbank wird derzeit von einer hausgemachten Affäre befleckt und alarmiert Aktionäre. Vor seinem Wechsel zur UBS sorgt eine Posse um den ehemaligen Credit-Suisse-Spitzenmanager Iqbal Khan für Schlagzeilen. Der bekannte Bankmanager ist offenbar beschattet worden. Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft erklärte am Montag, sie habe aufgrund einer Anzeige von Khan ein Strafverfahren wegen Nötigung oder Drohung eröffnet. Im Mittelpunkt der Affäre steht ein Streit zwischen CS-Chef Tidjane Thiam (im Bild) und Khan. Khan hat die CS zu äusserst vorteilhaften Konditionen verlassen. Seine ehemalige Arbeitgeberin, die Credit Suisse, liess Iqbal Khan beschatten. Laut dem Präsidenten des Schweizerischen Verbands der ausgebildeten Privatdetektive sind diese allerdings dilettantisch vorgegangen. Seltsam ist, dass ein Banker in einer derart hohen Position eine nur dreimonatige Kündigungsfrist hat. Auch gilt in einem solchen Fall in der Regel ein Konkurrenzverbot. Dass Khan schon im Oktober die Vermögensverwaltung der UBS übernimmt, ist höchst unüblich. Iqbal Khan gilt als Kronprinz von UBS-Chef Sergio Ermotti. Er wird die Sparte bei der UBS zusammen mit Tom Naratil leiten. Co-Chef Martin Blessing tritt hingegen zurück.

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Die Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) nimmt bei ihrer Untersuchung der Überwachung von zwei früheren Geschäftsleitungsmitgliedern auch die Kontrolle von Konzernchef Tidjane Thiam und anderer Führungskräfte durch den Verwaltungsrat unter die Lupe, wie zwei mit dem Verfahren vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters sagten. Die Finma prüfe, ob Kontrollmängel bei der Schweizer Grossbank zu der Bespitzelung der Manager geführt haben.

Je nach Ergebnis der Untersuchung könnte die Finma eine Erneuerung der Konzernspitze anordnen: Manager und Verwaltungsräte, denen Verstösse gegen die regulatorische Vorgabe der «einwandfreien Geschäftsführung» nachgewiesen werden, könnte sie zum Abgang auffordern. Die Insider erklärten allerdings, dass sich die Untersuchung in einem frühen Stadium befinde und noch keine Schlüsse gezogen worden seien.

Ein Finma-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab. Die Behörde hatte im Dezember angekündigt, einen unabhängigen Prüfbeamten einzusetzen, um aufsichtsrechtlich relevante Fragen der Corporate Governance bei der Bank zu klären.

Ein Credit-Suisse-Sprecher sagte, jede Annahme, dass die Finma ihre Aufmerksamkeit auf die Geschäftsleitung oder den Verwaltungsrat richten könnte, sei Spekulation. Diese sei unbegründet und trage nur dazu bei, das Ergebnis der Prüfung vorwegzunehmen. «Die Finma wird eine unabhängige Prüfung durchführen, die keine Vollzugsmassnahme ist», erklärte der Sprecher. «Die endgültige Verfügung ist noch nicht erlassen und ein Prüfer ist noch nicht ernannt worden.»

Credit Suisse steht seit September unter Druck, als bekannt wurde, dass sie ihren früheren Star-Manager Iqbal Khan durch Privatdetektive beschatten liess. Gemäss der von Credit Suisse eingeleiteten und von der Anwaltskanzlei Homburger durchgeführten Untersuchung gab der frühere Chief Operating Officer Pierre-Olivier Bouee die Überwachung in Auftrag. Sie sollte in Erfahrung bringen, ob Khan versuchen könnte, ehemalige Credit-Suisse-Kollegen abzuwerben. Khan gab seine Aufgabe bei Credit Suisse im Sommer ab und wurde am 1. Oktober Co-Divisionsleiter beim Rivalen UBS, dem weltweit grössten Vermögensverwalter für reiche Privatkunden.

Früheren Angaben der Credit Suisse zufolge wusste Thiam von der Überwachung nichts. Stattdessen habe es sich um einen Alleingang Bouees gehandelt, einem langjährigen Vertrauten Thiams. Der Bank zufolge übernahm Bouee die Verantwortung für den Vorfall und trat zurück. Er selbst äusserte sich nie öffentlich zu der Affäre und Reuters konnte ihn für eine Stellungnahme nicht erreichen.

Ruf des Finanzplatzes auf dem Spiel

Finma-Präsident Thomas Bauer sagte kürzlich in einem Interview, der Einsatz von externen Sicherheitsfirmen sei «per se kein aufsichtsrechtliches Thema», aber die Behörde habe noch offene Fragen zu Dokumentation, Kontrolle, Informationsverhalten und den Kommunikationskanälen in dem Fall.

Einer der Insider erklärte, die Behörde prüfe unter anderem, ob der Verwaltungsrat Thiam bei der Führung der Bank freie Hand gelassen und ihm ermöglicht habe, eine «Bank in der Bank» zu betreiben. Credit Suisse bezeichnete die Beschreibung «Bank in der Bank» als «absurd». «Der Verwaltungsratspräsident und die Verwaltungsräte führen regelmässige und offene Gespräche mit dem CEO über seine Aktivitäten und die Geschäfte der Bank», erklärte der Sprecher. «Die Credit Suisse wird nach den höchsten internationalen Standards geführt, und es ist völlig falsch, etwas anderes zu suggerieren.»

Sollte die Finma Massnahmen anordnen, mit denen die Bank nicht einverstanden ist, könnte die Credit Suisse diese rechtlich anfechten, sagte eine dritte Person.

Die Banken folgen üblicherweise den Anweisungen der Finma. So hatte beispielsweise Raiffeisen, die drittgrösste Bank der Schweiz, im Jahr 2018 ihren Verwaltungsrat umgekrempelt, nachdem die Aufsicht wegen schwerwiegender Verstösse des ehemaligen Chefs eine «Erneuerung» des Instituts gefordert hatte. Gegen Entscheidungen der Finma wurde jedoch auch schon Beschwerde eingelegt, so etwa im Fall der Einziehung von 95 Millionen Schweizer Franken bei der Bank BSI.

Für beide Parteien steht viel auf dem Spiel. Die Credit Suisse arbeitet in einem wettbewerbsintensiven Umfeld und die Finma hat die Aufgabe, den Ruf des Schweizer Finanzplatzes zu schützen. «Die Finma steht unter politischem Druck, diesen Fall zu untersuchen, und die Corporate Governance fällt in ihren Zuständigkeitsbereich», sagt Jura-Professor Peter Kunz von der Universität Bern. «Aber sie müssen illegale Verfehlungen aufdecken, bevor sie das Management der Bank absetzen können.» Ein Sprecher des Schweizer Finanzministeriums sagte, die Finma sei unabhängig, und lehnte weitere Kommentare ab.

Kein isoliertes Ereignis

In Zusammenhang mit dem Beschattungsskandal berichteten lokale Medien auch über ein persönliches Zerwürfnis zwischen Thiam und Khan. Eine Person mit direktem Wissen sagte Reuters, Khan habe ein Haus neben Thiam erworben und zwischen den beiden sei es zu einer Auseinandersetzung wegen eines Bauprojekts auf Khans Grundstück gekommen. Ein Anwalt Khans lehnte eine Stellungnahme ab.

Die mit der internen Untersuchung beauftragte Anwaltskanzlei Homburger erklärte, die persönliche Beziehung zwischen Thiam und Khan sei nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen und es habe keine Hinweise gegeben, dass die Beschattung in Zusammenhang zu möglichen persönlichen Spannungen stehe. Die Kanzlei stellte auch fest, das private elektronische Mitteilungen nur teilweise zur Verfügung standen, andere seien gelöscht worden. Homburger wollte sich gegenüber Reuters nicht weiter zur Untersuchung äussern.

Die Finma hatte erklärt, dass sie im Rahmen der Abklärungen auch die Nutzung von elektronischen Kommunikationsmitteln unter die Lupe nehmen werde. Nach der internen Untersuchung hatte Verwaltungsratschef Urs Rohner betont, die persönliche Überwachung von Mitarbeitern sei nicht Teil des «Werkzeugkastens» der Credit Suisse. Thiam sprach von einem isolierten Ereignis.

Zwei Monate später wurde bekannt, dass die Bank auch den früheren Personalchef Peter Goerke, ebenfalls ein langjähriger Wegbegleiter Thiams, beschatten liess. Goerke konnte für eine Stellungnahme nicht erreicht werden. Auch in dem Fall machte Credit Suisse öffentlich Bouee verantwortlich. Der Verwaltungsrat und das Management, darunter auch Thiam, seien im Dunkeln gelassen worden. Nach diesem zweiten Vorfall wurde Bouee fristlos entlassen.

(roy)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas am 27.01.2020 02:44 Report Diesen Beitrag melden

    Finma ist gefordert

    Wahrscheinlich haben es die meisten bereits vergessen und auch im Text steht nichts, aber diese unsägliche Geschichte hat ein TODESOPFER gefordert (der Sicherheitsmitarbeiter). Schon nur deshalb ist eine absolut rigorose Aufarbeitung durch die Finma und die Strafverfolgungsbehörden Pflicht.

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  • DK am 27.01.2020 02:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bank in Bank

    Keine Bank in einer Bank? Thiam wird über alles informiert, aber genau von der Beschattung weiss er nichts? Das heisst, er wird gedeckt oder er hat ausser den Zahlen, die er vorgelegt bekommt keine Ahnung was in seinem Betrieb läuft (was bei der Betriebsgrösse normal ist) oder beides. So oder so stinkt hier etwas sehr gewaltig.

  • Salami am 27.01.2020 02:35 Report Diesen Beitrag melden

    Thiam ist nicht mehr tragbar

    Die Luft wird dünner und dünner für Thiam und Ronner. Wie lange kann sich Thiam noch über Wasser halten ?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kien R. Nellen am 27.01.2020 17:23 Report Diesen Beitrag melden

    Weisse Weste

    Irgend einer wird gewiss angeschwärzt werden.

  • Fred am 27.01.2020 16:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Kernkompetenz

    dieser Bank ist wohl die Überwachung der eigenen Angestellten geworden. Denn rechnen können die auch nicht mehr. Im Erbfall von meinem Vater wurde die Bank angewiesen, das Erbe zu 50% an meinen Bruder und mich auszuzahlen. Nach langen Forderungen und Verzögerungen wurde endlich zuerst das Depot aufgelöst, was 1200 Fr. kostete. Später wurde 50% an meinen Bruder ausbezahlt. Nach etlichen Interventionen meinerseits wurde mir gesagt, dass meine Auszahlung vergessen wurde. Dann endlich wurde mir das Erbe ausbezahlt, nach Abzug eines grösseren Betrages für die Kontoauflösung. Ich werde nie ein Konto bei der CS führen, vorher würde ich das Geld unters Kopfkissen legen.

  • Bertb am 27.01.2020 16:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wird zeit! und von nöten!

    die ganze führungsriege zu ersetzten, keiner von denen ist noch tragbar!

  • Andre Inbythi am 27.01.2020 15:20 Report Diesen Beitrag melden

    Danke adé merci

    Bitte einfach raus mit dem. Wir brauchen jmd. der die schweizer Werte vertritt. Danke adé merci.

  • Auswanderin am 27.01.2020 13:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie lange noch

    Erstaunlich das die FINMA so untätig ist. Die müssten jetzt endlich ihren Job machen. Und Herr Thiam müsste jetzt endlich verabschiedet werden. Ganz schlecht für die Bankenwelt Schweiz.