Silent Start

26. Oktober 2018 05:39; Akt: 26.10.2018 07:48 Print

Sitzungen beginnen jetzt mit 30 Minuten Schweigen

von R. Knecht - Eine Meeting-Methode von Amazon-Chef Jeff Bezos zieht in Sitzungszimmern weltweit ein: Meetings beginnen neuerdings mit langem Schweigen.

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Wer mit Amazon-Chef Jeff Bezos an eine Besprechung geht, muss sich erst einmal auf bis zu eine halbe Stunde Stille einstellen. Der sogenannte Silent Start dient den Teilnehmern als Zeitfenster, um das Sitzungsmemo zu lesen und sich auf die Diskussion vorzubereiten, indem sie etwa ihre eigenen Gedanken notieren. Martin Eppler, Kommunikationsprofessor an der Universität St. Gallen, sieht Vorteile in einer Stilleperiode am Anfang einer Sitzung: «Silent Start lohnt sich, wenn Meeting-Teilnehmer chronisch schlecht vorbereitet sind.» Vor jeder Sitzung ein schriftliches Memo zu formulieren, ist aufwendig, hat aber gerade deswegen einen weiteren Vorteil: Da sich die Veranstalter den Aufwand möglichst sparen wollen, finden insgesamt weniger Meetings statt, erklärt Eppler. Eppler hat selbst dabei geholfen, diese Art von Sitzung bei Organisationen wie der Europäischen Zentralbank einzuführen. Auch bei der Schweizer Bank Pictet hat Eppler positive Erfahrungen mit Silent Start gemacht, wobei es aber nicht immer wie bei Amazon eines langen Memos bedarf, sondern auch andere, teils kürzere Unterlagen zum Einsatz kommen. Manche Firmen gehen bei stillen Sitzungen noch weiter und verzichten komplett aufs mündliche Gespräch. Stattdessen findet die Sitzung schriftlich per Messenger statt. Das sei aber relativ selten, so Eppler von der Uni St. Gallen. «Chats statt Sitzungen können sinnvoll sein, aber nur bei einfachen, nicht kontroversen Themen, bei wenigen Teilnehmern und relativ kurzer Dauer», sagt Eppler.

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Endlose Besprechungen mit viel Geschwafel und wenigen Ergebnissen: Sitzungen haben in vielen Firmen einen schlechten Ruf. Oft gelten sie als Zeitverschwendung. Darum setzen manche Unternehmen auf neue Varianten – etwa Meetings, bei denen erst einmal überhaupt nicht gesprochen wird.

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Sitzungen in der Chefetage von Amazon beginnen in der Regel mit einer Stilleperiode von bis zu 30 Minuten. Der sogenannte Silent Start dient den Teilnehmern als Zeitfenster, um das Sitzungsmemo zu lesen und sich auf die Diskussion vorzubereiten, indem sie etwa ihre eigenen Gedanken notieren. Laut Amazon-Chef Jeff Bezos sorgt das dafür, dass alle Teilnehmer voll auf das Meeting konzentriert sind.

«Silent Start lohnt sich»

Martin Eppler, Kommunikationsprofessor an der Universität St. Gallen, sieht Vorteile in einer Stilleperiode am Anfang einer Sitzung: «Silent Start lohnt sich, wenn Meeting-Teilnehmer chronisch schlecht vorbereitet sind.» Aber auch wer das Memo bereits im Vorfeld gelesen hat, profitiert extrem davon, sich noch einmal einzuarbeiten, sagt Eppler zu 20 Minuten.

Vor jeder Sitzung ein schriftliches Memo zu formulieren, ist aufwendig, hat aber gerade deswegen einen weiteren Vorteil: Da sich die Veranstalter den Aufwand möglichst sparen wollen, finden insgesamt weniger Meetings statt, erklärt Eppler.

Besser als Brainstorming

Der Experte sieht den Silent Start als Alternative zum Brainstorming. Sitzungsteilnehmer würden sich gegenseitig nicht vorschnell beeinflussen, weil man zuerst einmal seine eigenen Gedanken notiere und sich erst nachher austausche. Beim Brainstorming sei das umgekehrt, was der Ideenvielfalt der Sitzung nachweislich schade.

Eppler hat selbst dabei geholfen, diese Art von Sitzung bei Organisationen wie der Europäischen Zentralbank oder bei der Schweizer Bank Pictet einzuführen. Die Erfahrungen sind laut dem Experten positiv, wobei es aber nicht immer wie bei Amazon eines langen Memos bedarf, sondern auch andere, teilweise kürzere Unterlagen zum Einsatz kommen.

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Disziplin statt Stille

Matthias Mölleney, HR-Experte und Leiter Center für Personalmanagement an der Hochschule für Wirtschaft Zürich, ist von Amazons Ansatz weniger überzeugt: «Für eine gemeinsame Lesestunde braucht es das Format der Sitzung nicht», sagt er zu 20 Minuten.

Mölleney fände es sinnvoller, die Vorbereitung vor dem eigentlichen Meeting anzusetzen, damit jeder Teilnehmer gemäss seiner eigenen Lesegeschwindigkeit und Methode vorgehen kann. Entscheidend sei dann aber die Disziplin der Teilnehmer – man müsse sich darauf verlassen können, dass alle vorbereitet zur Sitzung kommen.

Komplett stille Sitzungen

Manche Firmen gehen bei stillen Sitzungen noch weiter und verzichten komplett aufs mündliche Gespräch. Stattdessen findet die Sitzung schriftlich per Messenger statt. Das verhindert überlautes Reden, kann helfen, sich aufs Wesentliche zu beschränken, und gleichzeitig entsteht auch noch ein Protokoll. Trotzdem seien solche Meetings relativ selten, so Eppler von der Uni St. Gallen. In Chats komme es oft zu Missverständnissen, gerade wenn viele Personen beteiligt seien.

Dazu komme, dass viele Teilnehmer beim Chatten nebenbei noch andere Dinge tun, was für den Austausch problematisch sei. «Chats statt Sitzungen können sinnvoll sein, aber nur bei einfachen, nicht kontroversen Themen, bei wenigen Teilnehmern und relativ kurzer Dauer», sagt Eppler.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mark Rist am 26.10.2018 06:22 Report Diesen Beitrag melden

    Eher ein Armutszeugnis

    Top Kader in Jeff Bezos Laden sind also nicht in der Lage, sich selbständig adäquat auf eine Sitzung vorzubereiten. Oder wie anders ist diese Regelung zu verstehen?

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  • Kairi Sane am 26.10.2018 06:13 Report Diesen Beitrag melden

    Unnötig

    30 Minuten schweigen? Dann geht ja noch mehr Arbeitszeit verloren! Sitzungen sind zu 75% sowieso sinnlos und werden nur gemacht, damit man sich präsentieren und so tun kann als ob man Arbeiten würde

    einklappen einklappen
  • Moe am 26.10.2018 05:55 Report Diesen Beitrag melden

    Wow

    Bei uns würde an einer Sitzung, welche schweigend durchgeführt wird, das gleiche resultieren..

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Die neusten Leser-Kommentare

  • paule am 27.10.2018 21:39 Report Diesen Beitrag melden

    Das bringt Zeitgewinn

    Sitzungen sollten grundsätzlich im Stehen abgehalten werden. Dann wird es effizient.

  • Jangedebang am 27.10.2018 18:28 Report Diesen Beitrag melden

    von BR lernen!

    Das ist total OK und ist noch etwas ausbaufähig. Sitzung sollte man sehr wörtlich nehmen. Also z.B. eine Synthese aus "sitzend und liegend" mit allem Komfort und sonstigen Annehmlichkeiten wie im Bundeshaus praktiziert von JSA.

  • G.D. am 26.10.2018 21:33 Report Diesen Beitrag melden

    Psycho

    Beim Anschauen von diesem Amazon CEO läufts mir echt den Rücken kalt runter. Der sieht echt wie ein Psycho aus.

  • huschmie am 26.10.2018 21:20 Report Diesen Beitrag melden

    Gut für die faulen

    Das zeigt auf, dass viele Mitarbeiter überarbeitet sind, und dann unvorbereitet zu Sitzungen erscheinen. Die Methode stellt sicher, dass alle Zeit haben für die Vorbereitung. Wie viel besser, oder effizienter diese Sitzungen dann tatsächlich sind, ist von Fall zu Fall verschieden. Keiner ist mehr motiviert, sich spät abends auf die Sitzung von morgen vorzubereiten.

  • Flørigni am 26.10.2018 18:16 Report Diesen Beitrag melden

    Sinnvoll

    Da ich bei den meissten Managern davon ausgehe, dass Sie unvorbereitet Entscheidungen fällen (Aufgrund der Resultate...), könnte das tatsächlich was bringen. Sollte aber nicht als Sitzungszeit Honoriert werden, da Manager ja sozusagen Prozentual am Umsatz der Firma verdienen.