Neues Webportal

15. November 2019 08:53; Akt: 19.11.2019 09:48 Print

Lehrlinge kämpfen gegen sexuelle Belästigung

Die Unia hat ein neues Webportal für Opfer von sexueller Belästigung eröffnet. Betroffene Lehrlinge sollen dort ihre Geschichte erzählen – und sich gemeinsam wehren.

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Jeder dritte Lehrling wurde schon sexuell belästigt, wie eine Umfrage der Unia zeigt. Deshalb hat die Unia nun die Plattform «Licht ins Dunkel» ins Leben gerufen. Betroffene können dort ihre Geschichte erzählen, sich austauschen und gemeinsam gegen sexuelle Belästigung kämpfen. Das Web-Portal soll den Lehrlingen, die Opfer sexueller Belästigung wurden, zeigen, dass sie nicht allein sind. «Wir möchten den Jugendlichen aber auch die Möglichkeit bieten, sich zu organisieren und gemeinsam gegen sexuelle Belästigung aktiv zu werden», so Unia-Jugendsekretärin Kathrin Ziltener. Zusammen mit der Unia Jugend können sich betroffene Lehrlinge für mehr Prävention und verbindliche Regeln sowie bessere Kontrollen gegen sexuelle Belästigung in Betrieben einsetzen. Die Ergebnisse der Studie seien schockierend, sagte Ziltener im Sommer zu 20 Minuten. Im Schnitt waren die über 800 Befragten 19 Jahre alt. Von den befragten Frauen gaben 36 Prozent an, in der Lehre sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Bei den Männern ist jeder Vierte betroffen. Eine genaue Auswertung zeigte: Am meisten verbreitet sind verbale Belästigungen. Aber auch unerwünschter Körperkontakt, sexuelle Übergriffe, Nötigung oder Vergewaltigung kommen vor. Das Thema ist ein gesellschaftliches Problem: Die Lehrlinge geben an, auch in der Schule und vor allem im Privatleben schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Grundsätzlich komme sexuelle Belästigung in allen Branchen vor. Tendenziell seien jene mehr betroffen, in denen vorwiegend Frauen tätig seien, so die Unia-Jugendsekretärin. Um sexueller Belästigung vorzubeugen, stellt die Unia entsprechendes Infomaterial zur Verfügung und macht regelmässig auf das Thema aufmerksam. Die Arbeitgeber kennen die Problematik. Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) betont aber, dass er keine Anzeichen dafür habe, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in den vergangenen Jahren zugenommen habe. «Trotzdem empfiehlt er den Unternehmensleitern, präventiv gegen ein solches Verhalten vorzugehen», sagt SAV-Direktor Roland Müller auf Anfrage.

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Jeder dritte Lehrling in der Schweiz wurde während der Ausbildungszeit schon einmal sexuell belästigt. Das zeigt eine Umfrage der Unia. Jetzt reagiert die Gewerkschaft: Sie hat die Plattform «Licht ins Dunkel» ins Leben gerufen. Dort können Betroffene ihre Geschichte erzählen, sich austauschen und gemeinsam gegen sexuelle Belästigung aktiv werden.

Umfrage
Wurdest du in der Lehre schon mal sexuell belästigt?

Auch die 20-Minuten-Leser haben Erfahrungen mit sexueller Belästigung in der Lehre gesammelt: «Mein Lehrmeister hat mich öfter begrapscht und mir SMS geschrieben, dass er in mich verliebt sei», so Leserin Bianca. Eine andere Leserin erzählt 20 Minuten, dass der Lehrmeister ihr an die Brüste und an den Po fasste beim Vorbeigehen. Obwohl sie sich bei der Personalchefin beklagte, änderte sich nichts.

Belästigung erfahren aber nicht nur Frauen: Während der Detailhandelslehre machte der Chef von Leser Renato Anspielungen wie «ich werde dich übers Knie legen» und erzählte von seinen Besuchen im Puff.

Organisieren und gemeinsam wehren

Dass immer noch viele Lehrlinge solche Situationen erleben müssen, zeigt sich auch auf dem neuen Unia-Portal: Die Seite ist gerade einmal eine Woche online, schon prasseln die Rückmeldungen von Betroffenen ein: «Pro Tag sind bisher ein bis zwei Erfahrungsberichte bei uns eingegangen», sagt Unia-Jugendsekretärin Kathrin Ziltener. Dabei hat die Unia das Portal noch gar nicht gross beworben. «Wir rechnen deshalb damit, dass sich noch viel mehr Betroffene melden werden.» Die Beiträge werden vertraulich behandelt.

Das neue Web-Portal soll Lernenden, die Opfer sexueller Belästigung wurden, zeigen, dass sie nicht allein sind. «Wir möchten den Jugendlichen aber auch die Möglichkeit bieten, sich zu organisieren und gemeinsam gegen sexuelle Belästigung aktiv zu werden», so Ziltener. Je nach Fall stellt die Unia auch den Kontakt zu einer Fachstelle für sexuelle Belästigung her.

Zudem erhoffe sich die Unia, durch die Berichte einen besseren Überblick über das Problem zu erhalten und konkrete Fälle zu sammeln. Zusammen mit der Unia können sich betroffene Lehrlinge für mehr Prävention und verbindliche Regeln sowie bessere Kontrollen gegen sexuelle Belästigung in Betrieben einsetzen. «Gemeinsam sind wir immer stärker», sagt Ziltener.

Regelmässige Gespräche oder lokale Hilfe

Wie genau die Jugendlichen in Kontakt miteinander gebracht werden, sei noch offen. «Wenn sich zum Beispiel in einem Unternehmen Vorfälle häufen, können sich die Betroffenen mit Hilfe der Unia organisieren und die Missstände im Betrieb bekämpfen», erklärt Ziltener.

Es sei aber auch denkbar, dass die Unia für die betroffenen Lehrlinge ein regelmässiges Treffen organisiere, wenn sich die Jugendlichen politisch gegen sexuelle Belästigung einsetzen wollten. Dann könnten die Jugendlichen gewerkschaftspolitische Forderungen ausarbeiten.

Schlussendlich komme es darauf an, welche Bedürfnisse die Lernenden hätten. Auf der neuen Web-Plattform stehen zwar Lehrlinge im Fokus. Aber auch andere Arbeitnehmende, die Opfer sexueller Übergriffe wurden, dürfen sich auf der Seite melden.

Laut Unia-Umfrage wurden von den betroffenen Lehrlingen 16 Prozent ausschliesslich verbal belästigt. Von den über 800 befragten Lehrlingen gaben 95 an, Opfer von unerwünschten Körperkontakten geworden zu sein. 9 Lehrlinge erlebten in der Lehre sexuelle Übergriffe, Nötigung oder Vergewaltigung. Die Umfrage wurde diesen Sommer veröffentlicht.

(bsc)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Frau Anonym am 19.11.2019 09:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kampfansage!

    Sexuelle Belästigungen gab es vor 50 Jahren schon !Lange,lange hat es gedauert, dass dieser Missstand thematisiert wird ,die heutige Jugend ist selbstbewusster und das ist gut so!

  • Kari am 19.11.2019 09:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwierig

    Sehr heikles thema.... heute gillt nahezu alles als sexuelle belästigung, je nach auslegung und eigenem empfinden....die mee too bewegung hat das ganze bei dem volk leider auch selber entschärft, da viele das ganze nicht mehr ernst nehmen, und sagen "ja ja wieder jemand der übertreibt"

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  • R. Koch am 19.11.2019 09:53 Report Diesen Beitrag melden

    Wehrt euch

    Einfach widerlich wie gewisse Lehrmeister/Vorgesetzte ihre Machtposition schamlos ausnutzen. Zuerst klare Grenzen setzen. Wenn diese überschritten werden muss man sich Hilfe holen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • sumsebienchen am 24.11.2019 18:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wie man in den Wald ruft...

    Das ist ein ganz heikles Thema aber ich als Frau muss sagen es nervt das ewige gerede von Sexismus und und und. Es gibt klar Männer welche sich voll danebn benehmen aber es gibt gebau so viele Frauen. Es ist ein no go wenn männer ungefragt berühren oder unangepasste bemerkungen machen, aber Frauen bei denen ihre ti...n fast aus dem top springen find ich genau so daneben. Also liebe Frauen liebe Männer überlegt mal wie ihr wirkt auf andere und seid erwachsen.

  • Fragender am 22.11.2019 23:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Risiko eingehen oder besser Single bleiben?

    Wie hoch wird der prozentuale Anteil der als sexuelle Belästigung wahrgenommenen Annäherungsversuchen in Relation zu den als normal empfundenen oder sogar gewünschten Flirts geschätzt?

    • Antworter am 22.11.2019 23:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Fragender

      Wie viele Männer vermeide auch ich den engen oder unbeaufsichtigten Kontakt zu Schweizer Frauen nach Möglichkeit. Ausländische Frauen gehen mit dem Thema in der Regel natürlicher um.

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  • alfredo am 19.11.2019 11:56 Report Diesen Beitrag melden

    Umgekehrt gehts auch ...

    Ueber die Lehrtöchter, die bewusst und mit Nachdruck ihre Ausbildner sexuell belästigen folgt wohl ein separater Artikel ... Ich habe ein Arbeitsleben lang im HR gearbeitet und so einiges erlebt. Mich erstaunt nichts mehr. Uebrigens, Aerger gabs meistens mit Frauen, bzw. Frauen unter sich! - Allerdings will ich aber auch nicht pauschalisieren.

  • pika am 19.11.2019 11:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sind das die selben?

    Ich verstehe das nicht... Es geht hier doch um die gleiche Jugend, die im Einkaufscenter 20cm hinter einem an der Kasse aufschliesst und Hausaufgaben mit Sex bezahlt oder....?

  • Was war zuerst? Das Ei oder das Huhn? am 19.11.2019 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Das Ei des Kolumbus (Kolumbine?)

    Der Kern des Problems liegt bei den Frauen, die ihre eigene Natur verleugnen und sich gegen die Natur verhalten, aufrund fehlgeleiteter Denkprozesse ausgelöst durch die Emanzipation und den Feminismus. So erstarkt der alte Urtrieb der ungefragten Annäherung zwecks sexueller Absicht aus egoistischer Triebbefriedigung durch den Mann. Statistiken belegen, dass mehrheitlich Männer diese abscheulichen Belästigungen zelebrieren.

    • ok am 19.11.2019 11:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Was war zuerst? Das Ei oder das Huhn?

      vielleicht liegt es aber auch daran, das wir nicht mehr in der Steinzeit leben

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