Haftbefehl von Interpol

02. Januar 2020 13:51; Akt: 02.01.2020 23:39 Print

Ghosn soll im Kontrabass-Koffer geflohen sein

Eine Flucht wie im Hollywoodfilm: Der ehemalige Nissan-Chef soll sich in einem Instrumentenkoffer versteckt haben, um dem Hausarrest zu entkommen.

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Ende Jahr meldete sich der ehemalige Renault- und Nissan-Chef Carlos Ghosn trotz Hausarrest in Japan plötzlich aus dem Libanon. Wie er ohne Genehmigung der japanischen Behörden das Land verlassen konnte, verriet er nicht. Nun berichtet der libanesische Fernsehsender MTV, Ghosn sei in einem Instrumentenkoffer geflohen. Interpol hat daraufhin einen Haftbefehl für Ghosn ausgestellt, wie Reuters schreibt.

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Die Fluchtplan klingt abenteuerlich: Ghosn soll eine Gruppe von Musikern für eine Aufführung in seinem Haus in Tokio angeheuert haben, wie BBC schreibt. Darunter mischten sich mehrere von Ghosns Helfer. Nach dem Konzert packten sie den 1,67 Meter grossen Ghosn in einen Kontrabass-Koffer und transportierten den ehemaligen Top-Manager zum Flughafen.

Eine Reise in zwei Etappen

Von dort ging die Reise für den 65-Jährigen per Privatjet in die Türkei und danach in den Libanon. Flugverfolgungsdaten deuten darauf hin, dass Ghosn für seine Flucht zwei verschiedene Flugzeuge nutzte. Laut AP wurden in der Türkei mittlerweile sieben Personen, darunter vier Piloten, im Zusammenhang mit der Untersuchung des Falls festgenommen.

Die Planung der Aktion soll mehrere Wochen oder Monate gedauert haben. Eine offizielle Bestätigung für die Geschichte gibt es allerdings nicht – Ghosns Frau Carole, die laut den Berichten selbst an der Planung und Durchführung beteiligt gewesen ist, dementiert sie. Eine andere Erklärung bietet die 54-Jährige jedoch nicht.

Die wichtige Rolle von Carole Ghosn

Wie Reuters von Vertrauten von Ghosn erfuhr, haben erwartete Verzögerungen seines Prozesses in Japan und die Trennung von seiner Frau den Manager zur Flucht bewogen. Ghosn habe kürzlich bei einer Gerichtsverhandlung erfahren, dass einer seiner zwei Prozesse auf April 2021 von September 2020 verschoben werden sollte. Für beide Verfahren sei noch kein fester Termin festgelegt worden, aber es wurde allgemein erwartet, das mindestens einer der Prozesse im April beginnt.

Ghosn habe zudem belastet, dass er nicht mit seiner Frau Carole sprechen durfte. «Es quälte ihn, dass er seine Frau nicht sehen oder mit ihr sprechen konnte», sagte einer der Insider. Ghosns Bitte, seine Frau über Weihnachten sprechen oder sehen zu dürfen, sei abgelehnt worden.

Carole Ghosn hatte im vergangenen Jahr bereits bei US-Präsident Donald Trump und Frankreichs Regierung um Unterstützung für ihren Mann gebeten. Den Insidern zufolge war Carlos Ghosn auch besorgt darüber, dass seine Tochter und sein Sohn Anfang Dezember von der japanischen Staatsanwaltschaft in den USA vernommen wurden. Er sei davon überzeugt gewesen, dass die Behörden Druck auf seine Familie ausübten, um ein Geständnis von ihm zu erzwingen.

Anwälte halten Ghosns Pässe

Offen ist auch, wie Ghosn überhaupt ausreisen konnte. Denn seine Pässe – Ghosn hat die brasiliansiche, französische und libanesische Staatsbürgerschaft – waren im Besitz seiner Rechtsanwälte.

Nach einem Bericht des japanischen Senders NHK konnte sich Ghosn offenbar dank eines zweiten französischen Reisepasses absetzen. Japanische Behörden hätten Ghosn erlaubt, einen Extra-Pass in einem verschlossenen Koffer mit sich zu führen, während er unter Hausarrest stand. Den Schlüssel dazu hätten Ghosns Anwälte gehabt. Laut NHK wurde der Wohnsitz von Ghosn in Tokio am Donnerstag von der Staatsanwaltschaft durchsucht.

Anwalt ist überrascht

Der Hauptanwalt von Ghosn zeigte sich überrascht von der Nachricht der plötzlichen Ausreise seines Mandanten. «Wir wurden davon völlig überrascht, ich bin sprachlos», sagte Junichiro Hironaka kürzlich vor Journalisten in Tokio.

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Ghosn von Hollywoodfilmen inspirieren liess: Im vergangenen Jahr versuchte er sich in einer Verkleidung an den Medien vorbeizuschleichen. Er schlüpfte in das Outfit eines Bauarbeiters – wurde allerdings trotzdem erkannt.

Kein Auslieferungsabkommen

Der japanische öffentliche Sender NHK zitierte einen Mitarbeiter des dortigen Aussenministeriums mit den Worten, Ghosn habe das Land nicht verlassen sollen: «Hätten wir vorab davon gewusst, hätten wir die zuständigen Strafverfolgungsbehörden informiert.» Aus dem Aussenministerium in Tokio hiess es, Japans Regierung sei nun auf Hilfe der libanesischen Behörden angewiesen, da kein Auslieferungsabkommen mit dem Mittelmeerstaat bestehe.

Ghosn erklärte, er sei nicht «vor der Gerechtigkeit» geflüchtet, sondern aus einem Justizsystem, in welchem die Schuld des Beschuldigten vorausgesetzt und «elementare Menschenrechte verweigert» würden. Er war im November 2018 in Japan festgenommen worden. Die dortige Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem vor, Firmenkapital zweckentfremdet und private Verluste auf Nissan übertragen zu haben. Ghosn streitet alle Anschuldigungen ab.

(rkn/Reuters/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tim T. am 02.01.2020 14:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie das Leben so spielt

    Ein Multi-Millionen-Dollar-CEO muss in einem Instrumentenkoffer fliehen. Einfach zu gut, um wahr zu sein. Das reale Leben hat in den letzten Jahren in der Schweiz und weltweit einige dieser Sonnenkönige auf den harten Boden der Realität zurückgeholt. Auch wenn er damit davon kommen sollte, der "Autolack" ist auf jeden Fall arg angekratzt.

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  • Meieli am 02.01.2020 14:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bestechung bei der Kontrolle

    Und wo war da Passagier- und Materialdurchleuchtung?, sehr zweifelhaft

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  • Herr Kleiderbügel am 02.01.2020 14:06 Report Diesen Beitrag melden

    genau

    ich bin bei der Blockflöte geflohen !

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rueblinase am 02.01.2020 21:24 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt als Schneemann ans WEF

    Ende Januar spielt die Musik der grossen Instrumente in Davos. Da passt er bestimmt noch hin, oder?

  • R. Meier am 02.01.2020 19:15 Report Diesen Beitrag melden

    Naja, was soll man sagen

    Ein sympathischer Zeitgenosse mit einem warmherzigen Gesichtsausdruck. IRONIE AUS

  • Cavi33 am 02.01.2020 18:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu schön um wahr zu sein

    Sowas von Bond ist unglaublich, jedes Gepäckstück wird geröntgt und nur dieser Geigenkasten nicht. Somit kannst du in Japan also mit einem Musikkoffer auch noch eine Bombe an Bord des Flugzeuges bringen, das stimmt mich aber sehr nachdenklich. Eher ist er via Nordkorea geflohen, wäre doch auch noch eine Geschichte wert.

    • Hugop am 03.01.2020 07:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Cavi33

      japanische Polizei ist ein Witz. Es kam auch schon mehrfach vor, dass einer floh, als sein Haus von 50 Polizisten umzingelt wurde.

    • Denker am 03.01.2020 11:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Cavi33

      Das Ganze japanische System ist ein Witz! Ich habe und werde NIE einen Fuss auf japanisches Territorium setzten.

    • Bernd am 03.01.2020 13:51 Report Diesen Beitrag melden

      Privatflugzeug

      Gem. Artikel alles Privatflugzeuge und ja, da kann ich bei der AUSREISE fast alles mitnehmen, denn durchsucht wird erst bei der EINREISE, denn es ist ja mein Flugzeug...

    • Wiwa am 04.01.2020 10:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Denker

      Da verpasst Di aber einiges. Unkenntnis= Torheit. Japan ist ein fantastisches Land.

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  • S. Uldig am 02.01.2020 18:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schuldig wegen Aussehen

    der sieht ja nur schon wie ein Dieb aus.

    • Hugop am 03.01.2020 07:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @S. Uldig

      ist auch supersympathisch.

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  • Meep-Meep am 02.01.2020 18:07 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffe doch nicht!

    Und schon bald ersucht er in der Schweiz um Asyl/Aufenthalt, kann er dann mit einem normalen Linienflug kommen.

    • Rolf Raess am 03.01.2020 06:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Meep-Meep

      Ja, im Gegensatz zu Assange oder Snowden ist jeder reiche Gauner in der Schweiz willkommen z.B. Die Russischen Oligarchen kaufen sich hier jeweils ein.

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