Lohnabzug für Arbeiter

27. Juli 2011 17:53; Akt: 28.07.2011 08:17 Print

Grenzgänger müssen für tiefen Eurokurs büssen

von Sandro Spaeth - Eine Metallverarbeitungsfirma passt den Lohn der Grenzgänger dem Eurokurs an. Liegt dieser unter 1.25 Franken, werden bis zu 10 Prozent abgezogen. Laut der Unia ist diese Lohnkürzung illegal.

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Beim Metallverarbeiter Angenstein werden die Löhne der Grenzgänger an den Eurokurs angepasst. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

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Franz Z. (Name von der Redaktion geändert) hat eigentlich keine Wahl. Will der in Süddeutschland wohnhafte Metallarbeiter seinen Job bei der Schweizer Firma Angenstein behalten, bleibt ihm wohl nichts anderes übrig, als die Kröte Namens «Währungsklausel» zu schlucken. An der Betriebsversammlung von Anfang Woche hatte die Firma den Grenzgängern geraten, den Zusatz zum Arbeitsvertrag zu unterschreiben. «Sonst fliegt man wohl raus», sagt Franz Z. zu 20 Minuten Online.

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Die Firma Angenstein ist ein Zulieferbetrieb für die Maschinenbauindustrie. An den zwei Standorten in der Schweiz, sowie je einem in Frankreich und in China werden Zahnräder gefräst, Rohre geschweisst und Flanschen gefertigt. In Aesch BL, wo Franz Z. täglich an der Drehbank sitzt – beschäftigt die Firma 140 Mitarbeiter, rund 50 davon sind Grenzgänger. Die Arbeiter aus Deutschland und Frankreich müssen nun für die Frankenstärke büssen.

Grenzgänger verdienen weniger

Die Währungsklausel sieht vor, dass der Lohn ab einem Eurokurs von 1.25 Franken um den Monatsmittelkurs korrigiert wird (siehe Vertrag). Die Kürzung beträgt maximal 10 Prozent. Liegt der Durchschnittskurs wie im Juli (25 Juni bis 24 Juli) bei 1.1988 Franken, würde den Grenzgängern der Lohn um 4,1 Prozent reduziert.

Franz Z. ist von seiner Firma enttäuscht. «Das Kursrisiko den Grenzgängern aufzulegen ist nicht akzeptabel», wettert er. Besonders störend ist für den Fünfzigjährigen, dass die Schweizer weiterhin den vollen Lohn erhalten. Eine Kürzung aus wirtschaftlichen Gründen für alle hätte er ja noch akzeptieren können, nicht aber diese Ungleichbehandlung. «Sie führt zu einer Zweiklassengesellschaft», empört sich Z., und Grenzgänger würden sowieso schon weniger verdienen.

Mehr Kaufkraft

Anderer Meinung ist Geschäftsführer Martin Helfenstein. «Es handelt sich um eine solidarische Massnahme, die die Löhne etwas angleicht», sagt der Firmenteilhaber gegenüber 20 Minuten Online. «Wir wollen die Probleme mit der Frankenstärke nicht auf dem Buckel der Grenzgänger austragen.» Diese hätten zuletzt aber stark von der massiv gestiegenen Kaufkraft profitiert.

Laut Helfenstein hat die Firma – welche 50 Prozent der Umsätze im Euroraum macht – lange nach Massnahmen gesucht, um der Frankenstärke zu begegnen. Darum sei man unter anderem zur Lösung über die Kaufkraft gekommen, der auch die Betriebskommission zugestimmt habe. Vorgesehen ist ebenfalls, dass die Grenzgänger mehr Lohn erhalten, sollte der Euro auf über 1.55 Franken steigen. Unter den aktuellen Voraussetzungen tönt dies aber eher wie Hohn. Der Kurs liegt aktuell bei rund 1.16 Franken – und dürfte weiter tief bleiben.

Unia: «Das ist illegal»

Bei der Gewerkschaft Unia ist man über das Vorgehen der Firma verärgert. «Die Massnahme ist überhaupt nicht solidarisch. Grenzgänger und Schweizer arbeiten ja Seite an Seite und machen die selbe Arbeit», sagt Bruno Baumann von der Unia-Nordwestschweiz. Zudem sei die einseitige Lohnkürzung eine Ungleichbehandlung, die gegen die Bilateralen Verträge mit der EU verstosse. Gewerkschafter Baumann will zuerst das Gespräch mit Firmeninhaber Helfenstein suchen – und notfalls den juristischen Weg einschlagen.

Im Fall des Hubstapler-Herstellers Stöcklin, der den Lohn der Grenzgänger generell um sechs Prozent gekürzt hatte, hat die Gewerkschaft das bereits gemacht. Nach einem gescheiterten Termin beim Friedensrichter reicht die Unia-Anwältin Mitte August nun Klage ein.

Baumann ist klar, dass derzeit viele Betriebe mit der Frankenstärke kämpften. Darum böte die Unia ja auch Hand für faire Lösungen – wie beispielsweise vorübergehende Arbeitszeiterhöhungen für alle. Die Metallverarbeitungsfirma Angenstein hat diese ebenfalls beschlossen. Ab 1. August müssen alle Arbeitnehmer 42 statt 40 Stunden arbeiten, was einer Lohnkürzung von fünf Prozent entspricht. Pech hat Grenzgänger Franz Z. Für ihn kommt dann noch der Währungsabzug hinzu – sofern er denn seinen Job an der Fräse behalten will.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • jürg kummer am 01.08.2011 21:12 Report Diesen Beitrag melden

    einkaufsgutschein

    jedem arbeitnehmer in der schweiz einen einkaufsgutschein von ca 400 sfr. in den lohn geben wäre wohl das beste......

  • Peter Deutschmann am 27.07.2011 20:32 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer fokussiert falsch!

    Typisch, der Blickwinkel vieler Schweizer! Nur den eigenen Tellerrand im Fokus! Das die Grenzgänger fast überall sowieso weniger als die Schweizer verdienen gibt sowieso keiner zu. Und was macht Ihr eigentlich wenn die Grenzgänger zu Hause bleiben? Keiner arbeitet mehr, keine Produktion, kein Export von Waren, die Schweiz geht pleite! ... und gehört nicht zur EU und wird nicht gerettet!

  • Schweizer Büezer am 27.07.2011 18:37 Report Diesen Beitrag melden

    Schon Recht so...

    In der Firma in der ich angestellt bin, kamen die Grenzgänger in scharen als der Eurokurs noch bei gut 1.70 lag, und waren überglücklich das sie bei uns arbeiten können! Zuhause wären sie arbeitslos oder müssten mit einem Lohn von net. 1200 Euro zufrieden sein. Als Schweizer mussten wir angst haben den Job an einen Grenzgänger zu verlieren. übrigens, verdienen sie gar nicht so viel weniger! Aber: Rechnen wir wieviel mehr sie durch Kursgewinn erhalten haben. Ich als Schweizer habe nach 2 Jahren nichts, dieses Jahr gerademal 80.- mehr bekommen!! Also.... beklagt euch nicht!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Chillen am 11.08.2011 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    Eurolöhne

    Es gibt auch Grenzgänger mit Eurolöhnen. Denen werden die Löhne nach oben auch nicht angepasst. Auch hier gibt es eine ungleichbehandlung. Während die Frankenbezüger (Grenzgänger) eine indirekt Lohnerhöhung von ca. 30% innerhalb zwei Jahre haben

    • TomSenger am 12.08.2011 13:01 Report Diesen Beitrag melden

      Eurolöhne

      @chillen, Das sehe ich auch so. Und wenn dann eine Nullrunde bei Lohnerhöhungen kommt, schauen die Eurolöhner in die Röhre, und den Grenzgängern mit Frankenlohn kann das ja egal sein (Sie hatten ja ihre Erhöhungen)

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  • Ailin Bartsch am 05.08.2011 17:57 Report Diesen Beitrag melden

    Neuste Nachrichten

    Der starke Schweizer Franken lässt bei Handel und Gastronomie im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet die Kassen klingeln. Da die eidgenössische Währung auf Rekordhoch ist, lohnt sich für viele Schweizer der Gang zum Einkaufen über die Grenze. "Wir haben es mit einer Ausnahmesituation zu tun. Die Geschäfte laufen überdurchschnittlich gut", sagt Manfred Noppel, Geschäftsführer des Einzelhandelverbandes Südbaden, in Freiburg. Der Anteil der Schweizer Kunden in den deutschen Geschäften habe sich teilweise mehr als verdoppelt, auch die Umsätze seien mehr als doppelt so hoch als sonst. "Wir verzeichnen ein Plus, wie wir es zuvor in dieser Form noch nie hatten."

  • Rüdisühli am 02.08.2011 18:09 Report Diesen Beitrag melden

    Sinkende Wechselkurse

    Viele Beiträge sind von erervierten Leuten. Mag ja alles seine Berechtigung haben. Aber man sollte bedenken: Wenn der Kurs noch witer sinkt, werden viele Firmen nicht mehr durchhalten. Was passiert dann? 2 - 300'000 zusätzliche Arbeitslose?! Einige haben die Arbeitszeiten erhöht. Dies wird nur wenig helfen. Die Löhne müssten auch um 3 - 4 % runter. Führ hohe Einkommen sicher noch mehr. Wenn Löhne gekürzt werden müssen, damit die Firma übelebt, dann sicher diejenigen wo der Lebenstandard durch den Wechselkurs sogar viel besser ist, als noch for einem Jahr. Dafür den Job zu behalten ist wichtige

    • Rolf Eichin am 03.08.2011 15:45 Report Diesen Beitrag melden

      Alle sitzen in einem Boot

      Wenn Lohnkürzungen, dann für alle. Mehr kann und will ich dazu nicht schreiben. Das Mittelalter mit Leibeigenschaft ist schon lange vorbei. Willkür sollte ausen vor bleiben.

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  • David Ramseier am 02.08.2011 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    Der Grenzgänger...

    ... er hat seine Schulbildung (normalerweise) nicht in der CH absolviert - die Kosten dafür sind also nicht in der CH angefallen. Ist er krank, fällt er nicht dem CH Krankensystem zur Last. Wird er arbeitslos, steht er nicht vor dem RAV. Die Steuern bezahlt er (zumindest teilweise) in der CH. Er verursacht keine Inflation in den Mietpreisen in der CH. Wenn er im Alter gebrechlich ist oder drogensüchtige Kinder hat, fallen diese Kosten auch nicht dem CH Sozialsystem zu Last. Er hebt den Wohlstand der CH durch seine Arbeitsleistung. Und da wollt Ihr dem Grenzgänger den Lohn kürzen ???

    • BenBen am 02.08.2011 17:37 Report Diesen Beitrag melden

      Tjaja...

      Du versuchst den Leuten hier mit Vernunft zu kommen ? Gegen Neid und Verbohrtheit hilft wenig. Der Grenzgänger ist theoretisch der perfekte Arbeiter. Vielleicht liegt darin ja das Problem ? ZU perfekt ? Er kommt morgens und geht aber wieder abends. Und wir wissen ja wie die Schweizer zu den Ausländern gern mal stehen. Scheiss Düütsche und Jugopack hört man allerorten. Da sollten sie eigentlich froh sein wenn die "Scheiss Deutschen" abends wieder verschwinden. Aber jetzt wo das Vorteile bringen könnte ist das natürlich schlecht. In DE gibts den Wutbürger, hier den Neidbürger :)

    • Boris am 03.08.2011 08:59 Report Diesen Beitrag melden

      Wahnsinn

      Es ist unglaublich alle diese Kommentare.. Sobald das Thema Grenzgänger oder was mit DE zu tun ist, dann wird geschrieben ohne Ende.. Ich hoffe, dass alle diese Kommentare nicht in der Arbeitszeit geschrieben wurden. Oder sind 497 Arbeitslosen am Werk???

    • Amelie am 03.08.2011 09:53 Report Diesen Beitrag melden

      Endlich etwas sinnvolles.

      Daumen hoch für diesen wirklich nachhaltigen Kommentar, der auch mal die Tatsachen darstellt. Was für ein Neidvolk. Wäre Leben in Deutschland teurer als in der Schweiz, wäre dies Schweizer herzlich egal. Vielleicht ist es einfach die Schweiz, die zu teuer ist? Senkt doch die Mehrwertsteuer. Dann kauft kein Schweizer mehr heimlich in Deutschland und die Wirtschaft freut sich.

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  • Sarah am 02.08.2011 14:51 Report Diesen Beitrag melden

    anpassung der Steuern für Grenzgänger-DE

    Vorallem muss man berücksichtigen, dass die Grenzgänger schon angepasst werden vom deutschen Finanzamt und Steuern nach neuem Wechselkurs zahlen, teils sogar rückwirkend mit Nachzahlungen der letzten 2-3 Monate.