Solarstrom aus der Wüste

14. Juli 2009 18:12; Akt: 14.07.2009 18:13 Print

Grosser Wurf oder weisser Elefant?

von Peter Blunschi - Es ist das grösste Ökostromprojekt aller Zeiten: die Desertec-Initiative will Europa mit Solarenergie aus der Wüste versorgen. Die Begeisterung für das Projekt ist gross, die Skepsis ebenso.

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Solarkraftwerk in der Negev-Wüste in Israel. (Bild: Keystone)

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Zwei Dinge gibt es in der Wüste im Überfluss: Platz und Sonnenstrahlen. Hier wollen die Promotoren ansetzen: Am Montag unterzeichneten zwölf Unternehmen, darunter der Schweizer Industriekonzern ABB, in München eine Grundsatzvereinbarung für die Gründung der Desertec Industrial Initiative (DII).

Bis 2050 sollen mit Sonnenkraftwerken in Nordafrika und dem Nahen Osten rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs gedeckt werden können. Zählt man andere Projekte wie Wasserkraft-, Wind- und Erdwärmeanlagen hinzu (siehe Infografik), könnte der Anteil der erneuerbaren Energien auf 20 bis 25 Prozent steigen. Der grösste Teil des Stroms soll bei Desertec mit Hilfe von solarthermischen Dampfkraftwerken erzeugt werden.

Sie nutzen die Hitze gebündelter Sonnenstrahlen, um Dampf zu erzeugen und damit Turbinen anzutreiben. Solche Kraftwerke existieren bereits, unter anderem in den USA und Spanien. Einer ihrer Vorteile gegenüber Solarzellen ist, dass die Hitze relativ leicht gespeichert werden kann, so dass sie auch in der Nacht Strom liefern können. Aber auch Windkraftwerke könnten in der Wüste gebaut werden.

400 Milliarden für den Solarstrom

Desertec stösst auf viel Wohlwollen. Auch Umweltorganisationen äussern sich positiv. «Es ist eine gute Sache», sagte Urs Wittwer von Greenpeace Schweiz gegenüber 20 Minuten Online. Dennoch ist die Initiative nicht unumstritten. In der «Süddeutschen Zeitung» etwa wird sie mit einem «weissen Elefanten» verglichen – ein Synonym für fragwürdige Grossprojekte, die viel kosten und kaum Nutzen bringen.

«Desertec ist eine Fata Morgana, die nicht ausreichend politisch und wirtschaftlich betrachtet worden ist», sagte Hermann Scheer, Energieexperte der SPD, zu «Spiegel Online». Die Finanzierung ist tatsächlich noch ungeklärt. Die nötigen Investitionen werden auf rund 400 Milliarden Euro bis 2050 geschätzt, eine gewaltige Summe. Allerdings verspricht Desertec auch enorme Renditen, denn die Sonne scheint gratis.

Kritiker wie Hermann Scheer betonen, man solle das Geld besser dafür einsetzen, die Stromversorgung in Europa auf erneuerbare Energien umzustellen. Für Urs Wittwer von Greenpeace lautet die Devise: Das eine tun und das andere nicht lassen. Desertec sei auf einen Zeithorizont bis 2050 angelegt. «In Europa aber müssen wir jetzt handeln».

Unsichere Standorte

Die Standortfrage ist ein weiterer Kritikpunkt: Die Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens gelten nicht als Horte der Stabilität. Islamistischer Terror und Flüchtlingsströme Richtung Europa sind nur zwei Probleme. Die Desertec-Gründer treten dem entgegen: Das Projekt nutze auch den Standortländern und sei damit ein Sicherheitsprogramm. Ausserdem wollen sie die Kraftwerke breit auf den Wüstengürtel zwischen Atlantik und Persischem Golf verteilen, um nicht von einzelnen Ländern abhängig zu werden.

Unklar bleibt letztlich, ob der Wille zur Realisierung vorhanden ist. Die Signale aus der Politik sind widersprüchlich. Urs Widmer fordert ein Umdenken bei Politikern und Energiekonzernen und meint dabei explizit auch die schweizerischen: «Investitionen in Desertec sind deutlich besser als in klimaschädliche Kohle- oder Gaskraftwerke.»