Alles andere als offen

16. Juli 2018 19:03; Akt: 16.07.2018 19:03 Print

Grossraumbüros killen den Small Talk mit Kollegen

von Dominic Benz - Unternehmen wollen mit offenen Büros die Interaktion und Produktivität fördern. Eine Studie belegt das Gegenteil.

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Unternehmen wollen mit hippen Grossraumbüros und Open Workspaces die Interaktion, Produktivität und Kreativität bei den Mitarbeitern fördern. Eine Studie der Universität Harvard zeigt aber, dass das Gegenteil der Fall ist. Demnach sind Grossraumbüros richtige Kommunikationskiller: Sie ersticken die persönlichen Gespräche im Keim, sodass die Interaktion zunehmend am Computer per Mail und Chat stattfindet. Neue Arbeitsmodelle boomen bei den Firmen. Doch wie sehen diese aus? Und gibt es das Chefbüro überhaupt noch? Beim gross. Bei arbeiten die Angestellten an festen Plätzen. Der Grossteil ist in offenen Räumen angesiedelt. In Zukunft setzt man aber vermehrt auf geteilte Arbeitsplätze, so Sunrise. Sunrise-Chef Olaf Swantee hat am Sitz in Oerlikon ein eigenes Büro, das rund gross ist. Es beinhaltet einen Arbeits- und einen Sitzungstisch. teilt lediglich mit: «Bei Google Schweiz arbeiten alle Mitarbeiter in Open Workspaces.» Die zur Verfügung. Bei ihrer Abwesenheit ist es auch ein normales Sitzungszimmer. -CEO Vas Narasimhan hat kein eigenes Büro. Beim Pharmakonzern arbeitet rund jeder zehnte Mitarbeiter in einem sogenannten «Flexible Workspace». «Die Arbeitnehmenden haben keinen eigenen dedizierten Arbeitsplatz», teilt der Pharmakonzern mit. Fast alle der 13'000 Angestellten würden in offenen Räumen statt in Einzelbüros arbeiten. Bei haben die Mitarbeitenden eigene, feste Arbeitsplätze. An gewissen Standorten gebe es aber Möglichkeiten für flexible und frei wählbare Arbeitsplätze. Chef Markus Leibundgut hat am Standort in Zürich sowohl am General-Guisan-Quai als auch in der Binz ein eigenes Büro. Dieses sei «von der Grösse her mit anderen Einzelbüros an beiden Standorten vergleichbar», erklärt die Swiss Life. Bei der . Sofern er es nicht brauche, werde es als Sitzungszimmer gebraucht, teilt der Telecom-Konzern mit. Bei der sind die meisten Büroplätze in einem offenen Arbeitsbereich. «Auch der CEO hat kein eigenes Büro mehr», teilt das Unternehmen mit. », erklärt der Versicherer. Am Schweizer Hauptsitz in Oerlikon wendet das Unternehmen das sogenannte «Dynamic Working»-Konzept an. Dabei habe jedes Team einen Bereich mit Arbeitsplätzen. «Jedes Teammitglied kann jeden Tag seinen Arbeitsplatz frei wählen», teilt das Unternehmen mit. Die gross ist. In Open-Workspace-Büros arbeitet man bei . Auch Chef Florian Teuteberg arbeitet im Open Workspace. Er hat im Grossraumbüro im Zürcher Technopark einen fixen Arbeitsplatz. «Bei uns haben weder der CEO noch sonstige Manager ein eigenes Büro», sagt Sprecher Alex Hämmerli. Fabrizio Petrillo, Chef des Versicherers gross ist. «Dieses ist aber nicht mit einem Arbeitsplatz ausgerüstet, sondern nur mit einem Sitzungstisch und einer Sitzgruppe», erklärt das Unternehmen. In seiner Abwesenheit kann das Büro von Mitarbeitenden als Sitzungszimmer genutzt werden. Bei Axa teilen sich rund 60 Prozent der 4000 Angestellten die Arbeitsplätze. Bis 2020 sollen alle Mitarbeiter die Plätze teilen, hat sich Axa vorgenommen. Die hält sich bedeckt und lässt lediglich ausrichten: «Nur Mitarbeiter, die mit vertraulichen Daten arbeiten, verfügen wo nötig über ein Einzelbüro oder arbeiten in zusätzlich gesicherten Zonen.» Für Arbeitspsychologe Markus Grutsch von der Fachhochschule St. Gallen ist klar: Die Chefbüros haben ausgedient. «Klassische Einzelbüros sind ein Statussymbol und nicht mehr unbedingt notwendig.»

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Einzelbüros und fixe Arbeitsplätze sind out. Der letzte Schrei sind Grossraumbüros und sogenannte Open Workspaces. Konzerne wie Novartis, Swisscom oder die SBB geben sich modern und setzen auf offene Räume. Das soll bei den Mitarbeitern die Interaktion, Produktivität und Kreativität fördern, versprechen die Chefs.

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Doch das Gegenteil ist der Fall. Das zeigt eine neue Studie der Universität Harvard. Demnach sind Grossraumbüros richtige Kommunikationskiller: Sie ersticken die persönlichen Gespräche im Keim, sodass die Interaktion zunehmend auf elektronischem Weg stattfindet.

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Ergebnis ist ernüchternd

Für ihre Studie gingen die Autoren zu zwei grossen US-Unternehmen und begleiteten dort den Umzug der Angestellten von Einzel- in Grossraumbüros. Jeweils vor und nach dem Umzug wurde beobachtet, wie die Mitarbeiter untereinander kommunizieren.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Während die persönlichen Gespräche um über 70 Prozent abnahmen, legte die Kommunikation per Mail und Chats um knapp 70 Prozent zu. Redeten die Mitarbeiter vor dem Umzug noch 5,8 Stunden pro Tag miteinander, waren es nachher noch 1,7 Stunden.

Weniger produktiv

Für die Wissenschaftler ist der Grund klar: Im Grossraumbüro fühlen sich die Mitarbeiter beobachtet und belauscht. Daher wählen sie den Computer als Kommunikationsmittel. Wie die Studie aber zeigt, belastet das lange Schreiben von Mails die Produktivität. Ebenso sind die Gespräche weniger informativ und tiefgründig. Zudem sorgt die offene Architektur für eine Reizüberflutung und zu viel Ablenkung.

Für den Arbeitspsychologen Felix Frei ist es wichtig, dass Mitarbeiter im Büro mehr oder weniger frei plaudern können. Dazu gehört auch der Small Talk. Dieser sei wichtig für den sozialen Kitt, so der Experte. «Ohne Lästern gibt es kein Arbeitsleben.»

Falsche Vorstellung von Kommunikation

Jedoch haben laut Frei die Unternehmen eine falsche Vorstellung von Kommunikation. «Sie verkennen, wie wichtig das Palavern ist.» Es gehe nicht nur um sachlichen Informationsaustausch. Doch gerade über bestimmte Themen wolle man nicht im Grossraumbüro sprechen. Das führe dann eben dazu, dass man die bloss sachliche Kommunikation schriftlich abwickle.
Für die Mitarbeiter sei das wenig lustvoll, so Frei.

Grossraumbüros seien sicher auch eine Modeerscheinung. «Die Firmen laufen da einander hinterher.» In erster Linie wolle man Büroflächen optimieren und Kosten senken. Doch sowohl Gross- wie Einzelbüros können Vorteile haben. «Das kommt auf die Art der Arbeit drauf an», sagt Frei. Ein offenes Büro sei gut, wenn es um eine rasche Kommunikation gehe. «Produktivität oder Interaktion lässt sich allerdings nicht mit Architektur erzwingen.»

Gruppendynamischer Effekt

Arbeitspsychologe Markus Grutsch von der Fachhochschule St. Gallen beobachtet in Grossraumbüros den sogenannten Kokon-Effekt: «Die Menschen kapseln sich in der Öffentlichkeit ab. Das Phänomen gibt es auch im Tram oder Zug.» Um sich besser konzentrieren zu können, arbeite man still vor sich hin. Zeitgleich wolle man niemanden stören, weshalb man dann lieber per Computer kommuniziere. «Das ist ein gruppendynamischer Effekt», so Grutsch.

Daher sei es wichtig, dass Büros den jeweiligen Bedürfnissen angepasst sind. Neben Rückzugszonen seien beispielsweise Lärmdämmungen und Sichtschütze wichtig. «Mit einem grossen Raum und ein paar Tischen alleine ist es nicht gemacht.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Winston Smith am 16.07.2018 19:14 Report Diesen Beitrag melden

    der eigentliche Zweck von Grossraumbüros

    ist doch der, dass jeder jeden im Auge hat und sieht was man tut oder nicht tut und man sich ständig unter Beobachtung fühlt. Es entsteht dadurch ein subtiler psychischer Druck.

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  • workmaster am 16.07.2018 19:55 Report Diesen Beitrag melden

    Home Office

    Ich bin Stolz auf mein gemütliches Home Office. Grossraumbüro? Niemals.

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  • Aurora am 16.07.2018 19:35 Report Diesen Beitrag melden

    Geplapper

    Für was immer Small Talk?! Immer dieser Gruppendynamischer Zwang! Hoffe es gibt mal eine Kehrtwende und man kann so bleiben wie man ist ohne sich zu verstellen und oberflächliches Geplapper zu ertragen

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kurt am 17.07.2018 22:58 Report Diesen Beitrag melden

    Nie mehr Grossraumbüro

    Ich hatte als Programmierer den Boss im Rücken. Er sass genau hinter mir. Das Arbeiten war der Horror. Ständig fragte er, was machst du im Internet wieso öffnest du den Webbrowser? Ich suche die Befehlsreferenz. Ich suche die Ascii Code Tabelle. Ich war wie auf Nadeln und hab dann auch deswegen gekündigt.

  • Sepp Trub am 17.07.2018 22:55 Report Diesen Beitrag melden

    Trust, but verified, (R.Reagan)

    Grossraum-Bueros sind fuer alle, ausser Kader. Die sind auf der Teppich-Etage, MBZ in der Garage und bezahlten Lunch jeden Tag. Die kleinen Mitarbeitern werden kontrolliert, auch Ihr Internet und e-mail wird gecheckt.

  • Timo am 17.07.2018 18:17 Report Diesen Beitrag melden

    Grossraumbüro Nein Danke!

    Das mühsamste am Grossraumbüro ist, dass es sehr viele Leute gibt, die keinen Abstand haben, laut telefonieren (über Stunden), laut reden als wären sie alleine und sich keinen Deut um die Tischnachbarn schären, der sich konzentrieren sollte. Ganz übel finde ich auch, dass es Leute gibt, die das Gefühl haben man kann den anderen jederzeit anquatschen und mit doofen Fragen von der Arbeit abhalten. Ich arbeite seit über 15 Jahren in Grossraumbüros, ich finde es eine katastrophale Zumutung. Leider sind die Firmen immernoch von dem OpenSpace so überzeugt, dass sie die Nachteile nicht sehen.

  • Miss moneypenny am 17.07.2018 17:53 Report Diesen Beitrag melden

    Der Beweis

    Als die ersten Firmen beginnen mussten in Grossraumbüros Schallschutze und über Mikrophone in den unterhängenden Decken Gegenschall produzieren mussten, gaben sie eigentlich zu, dass das Ganze ein Flop ist. Hoffentlich kostet die Unproduktivität diese Firmen sehr, sehr viel Geld!

  • Tristan am 17.07.2018 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    Als ich noch...

    ...in der Lehre war, da gab es nur Einzel- oder Zweier-Büros mit normalerweise offenen Türen. Da wurde intensiv und konzentriert gearbeitet, dafür hat sich die ganze Truppe um 9Uhr und um 15Uhr zu einer 15'-Kaffepause getroffen. Alle sind um einen grossen Tisch gesessen und es wurde getratsch, aber auch ernsthaft diskutiert. Die Leistung am Ende des Tages war trotz (oder gerade wegen) der offiziellen Pausen sehr hoch. Ich trauere heute noch dieser Art zu Arbeiten nach...