Ein Jahr «Cassis de Dijon »

30. Juni 2011 23:56; Akt: 01.07.2011 09:14 Print

Grossverteiler sind ernüchtert

von Eva Surbeck, sda - Das «Cassis de Dijon»-Prinzip gilt in der Schweiz seit einem Jahr. Eine Bilanz der Grossverteiler fällt allerdings ernüchternd aus. Preisstürze blieben bisher aus.

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Der «Crème de Cassis»-Likör aus Dijon steht für das Prinzip, dass EU-Güter in der Schweiz auch verkauft werden dürfen, wenn sie Schweizer Vorschriften nicht erfüllen. (Bild: Keystone)

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Lebensmittel aus der EU, die Schweizer Vorschriften nicht erfüllen, dürfen seit einem Jahr hierzulande verkauft werden, wenn die nötige Bewilligung vorliegt. Grossverteiler verkaufen bisher aber nur ganz wenige dieser Artikel und geben sich ernüchtert.

Das «Cassis de Dijon»-Prinzip gilt in der Schweiz seit dem 1. Juli 2010. Es sieht vor, dass in der EU und im EWR zugelassene Produkte ohne vorgängige Kontrollen auch in der Schweiz verkauft werden können. Eine Sonderregelung besteht für Lebensmittel.

Unterschiedliche Deklarationen

Damit sie hierzulande vermarktet werden können, muss das Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Bewilligung erteilen. Schweizer Hersteller können zudem Lebensmittel nach EU-Standards produzieren. Preisstürze hat «Cassis de Dijon» für sich allein im Detailhandel aber bisher nicht ausgelöst.

Der Lebensmittelsektor könne im Moment noch nicht viel zu den prognostizierten Einsparungen beitragen, sagt Anita Gut, Sprecherin der Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz (IG DHS). «Hauptgrund ist, dass der Handel durch unterschiedliche Herkunftsdeklarationen in der EU und der Schweiz behindert wird.»

Anfragen der Nachrichtenagentur sda bei Grossverteilern bestätigen das: Die Migros hat nur zwei Fruchtsirups gemäss EU- Zulassung im Angebot, die sie von Aproz im Wallis nach EU-Standard herstellen lässt. Statt 30 Prozent haben die preisgünstigeren Konzentrate nur 10 Prozent Frucht- und Zuckeranteil, wie Sprecher Urs Peter Naef ausführt.

Sirup, Spätzle, Frischkäse

Die Sirupe mit Himbeer- und Beerenmix-Aroma seien gefragt. Der Import von in der EU zugelassenen Lebensmitteln sei für Migros nur bedingt interessant. Der Aufwand, sie nach Schweizer Vorgaben zu etikettieren oder neu zu verpacken, sei zu gross. Umgekehrt seien die Preise schon vor «Cassis de Dijon» massiv gesunken.

Coop verkauft zwei «Cassis de Dijon»-Produkte in der Westschweiz, nämlich «Spätzle» aus dem Elsass und ab kommender Woche einen französischen Frischkäse. Coop nehme bewusst keine minderen Qualitäten für tiefere Preise in Kauf, sondern suche nach besserer Qualität zu attraktiveren Preisen, sagt Sprecherin Denise Stadler dazu.

Das Potenzial von «Cassis de Dijon» für Preissenkungen sei deutlich kleiner als erhofft, hält aber auch sie fest. Nach wie vor liessen sich Verpackungen und Deklarationen nicht 1:1 übernehmen. Und: «Dem Prinzip sind mit diversen Ausnahmeregelungen die Zähne gezogen worden.»

Der Discounter Aldi schliesslich hatte von Anfang an keine hohen Erwartungen, wie Sprecher Sven Bradke sagte. Das habe sich bestätigt: Aldi habe lediglich eine importierte Mozzarella mit einem Stärkezusatz im Sortiment.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) kann noch keine Angaben zur Entwicklung der Preise im Zusammenhang mit «Cassis de Dijon» machen. Die Arbeiten seien noch im Gang, hiess es auf Anfrage.

SKS: Qualität nicht generell gesunken

Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) hat ein Auge auf die Lebensmittel aus der EU. «Die Befürchtung, dass die Qualität generell sinken könnte, ist nicht eingetreten», stellt Geschäftsleiterin Sara Stalder fest. «Damit die Leute wählen können, sind jedoch lesbare Deklarationen wichtig».

Die SKS pocht deshalb auf die von Detaillisten als Kostentreiber und Handelshemmnis kritisierte Bezeichnung des Herkunftslandes, die in der Schweiz erforderlich ist. «Die EU denkt zurzeit darüber nach, sie ebenfalls wieder einzuführen», sagt Stalder.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ueli Schöni am 01.07.2011 09:01 Report Diesen Beitrag melden

    Jammern auf sehr hohem Niveau

    Wer findet er zahle zuviel für Lebensmittel in der Schweiz der soll sich mal darüber Gedanken machen wie hoch sein Lohn im Verhältnis zu dem in den Nachbarländer ist. Lebensmittel in der Schweiz sind im Verhältnis zu der Kaufkraft sehr günstig!

  • Marco am 01.07.2011 09:10 Report Diesen Beitrag melden

    Gleiche Produkte

    Ich sehe nicht den Sinn ein Hintertürchen in unsere Sicherheitsauflagen zu reissen, nur damit billigere Produkte verkauft werden können. Was aber ganz klar ein Problem ist: Kaufe ich ein Schweizer Produkt auf der anderen Seite der Grenze (keine 5 km), kostet es weniger (!) als im Coop oder der Migros um die Ecke. Wenn ICH aber mal etwas importieren will, werden mir von der Post horrende Gebühren vor allem für die Abfertigung aufgebrummt. An dem Bild stimmt einfach etwas nicht. Ist der Grenzübertritt nun teuer oder nicht?

  • EIDGENOSS am 01.07.2011 06:59 Report Diesen Beitrag melden

    Zusatzstoffe

    Wer will denn schon Reibkäse mit Stärkezusatz? @alle Konsumenten:lest mal was es da alles drinn hat, Ihr werdet staunen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kari Räschter am 01.07.2011 10:09 Report Diesen Beitrag melden

    BAG schon bei Medikamenten überfordert

    Das BAG ist doch schon bei der Medikamenten-Liste und Zulassungen überfordert und hat viel zulange mit den bekannten Auswirkungen, das wir als Patienten viel zu hohe Preise zahlen. Nun muss die gleiche überforderte Behörde die «Cassis de Dijon»-Produkte begutachten und zulassen mit dem Resultat, dass diese wieder hoffnunglos überfordert ist.

  • Mike. am 01.07.2011 09:57 Report Diesen Beitrag melden

    eigennütziger Bullshit!

    Statt 30 Prozent nur 10 Prozent Fruchtanteil ist wohl noch das harmloseste Beispiel. Schaut Euch die Sauereien in ausländischen Lebensmitteln doch mal an. Da bleibe ich konsequent bei Einheimischen. Auch, weil ich vom Bauer bis zur Kassiererin jedem einen Lohn gönne, von dem er in diesem Land leben kann. Die Preissenkunsphantasien gewisser Leute sind bloss rein egoistisch motiviert, und führen über den Dominoeffekt der Abwärtsschraube zwangsweise ins Verderben. Für jeden. Früher oder später. Und: für 1 Währungseinheit kriegt man überall etwa gleichviel, hüben wie drüben. Also hört endlich auf!

  • Marco am 01.07.2011 09:47 Report Diesen Beitrag melden

    Bevormundung

    Es wird Zeit das alle kleinkarierten CH-eigene Vorschriften abgebaut werden. Wer die Produkte kaufen will soll es tun alle anderen sollen es lassen. Die Schweiz hat nich die Macht sich gegen die EU zu stellen,wer das denkt glaubt an ein Mythos.

  • B.S. am 01.07.2011 09:19 Report Diesen Beitrag melden

    Als ob..

    es den Leuten in der Schweiz zu schlecht ginge. Wieso muss eigentlich alles billiger werden? Damit sich die Leute masslos mästen können wie die Schweine und am Ende muss man dann viel Geld ausgeben, um Gesundheitliche Folgen wegen Übergewicht zu bekämpfen. Wenn nämlich die Preise und damit die Marchen sinken, dann rentiert sich das Geschäft nicht mehr genug und es gehen zuerst einmal Arbeitsplätze verloren. Der Staat darf dann wieder bezahlen. Wenn die Leute es sich übrigens leisten können, mit dem Auto über die Grenzen zu fahren, dann können sie ja kaum allzu arm sein...

  • Marco am 01.07.2011 09:10 Report Diesen Beitrag melden

    Gleiche Produkte

    Ich sehe nicht den Sinn ein Hintertürchen in unsere Sicherheitsauflagen zu reissen, nur damit billigere Produkte verkauft werden können. Was aber ganz klar ein Problem ist: Kaufe ich ein Schweizer Produkt auf der anderen Seite der Grenze (keine 5 km), kostet es weniger (!) als im Coop oder der Migros um die Ecke. Wenn ICH aber mal etwas importieren will, werden mir von der Post horrende Gebühren vor allem für die Abfertigung aufgebrummt. An dem Bild stimmt einfach etwas nicht. Ist der Grenzübertritt nun teuer oder nicht?