Mitnehmen ohne bezahlen

04. September 2019 21:14; Akt: 05.09.2019 11:01 Print

Händler wollen, dass Kunden auf Pump kaufen

von R. Knecht/D. Benz - Kleider, Kaffeemaschine oder Velo: In etlichen Läden können Konsumenten auf Rechnung einkaufen. Dahinter steckt Kalkül der Händler.

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Shoppen, ohne zu zahlen: Bei H&M kann man auf Rechnung einkaufen. Ähnliche Bezahloptionen gibt es auch mit der Kundenkarte von Media-Markt, ... ... Manor ... ... und PKZ. Die sogenannte Paycard ermöglicht das Zahlen auf Rechnung bei Coop-Töchtern wie Pronto, ... ... Interdiscount, ... ... Fust ... ... und Bau+Hobby. Hinter dem Angebot steckt Kalkül: «Der Kauf auf Rechnung fühlt sich für manche Konsumenten im ersten Moment wie gratis an – auch wenn man eigentlich weiss, dass es nicht so ist», sagt Tilman Slembeck, Wirtschaftsprofessor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Die Händler würden sich darum mehr Verkäufe an weniger liquide Kunden versprechen. Dazu kommt, dass die Zahlungsart ein Anreiz für die Konsumenten sei, am Kundenbindungsprogramm der Händler teilzunehmen. Doch das Shoppen auf Rechnung birgt Gefahren: Wie Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz sagt, könnte es Kunden in die Schuldenfalle treiben. H&M winkt ab: Für die Bezahlmöglichkeit mit Rechnung habe man sich mit dem schwedischen Zahlungsanbieter Klarna zusammengetan. «Damit Verbraucher Klarna nutzen können, führt Klarna in ihrem eigenen Interesse, aber vor allem im Sinne der Verbraucher Bonitätsprüfungen durch», teilt H&M 20 Minuten mit. Eine entsprechende Bonität sei die Voraussetzung für das Einkaufen auf Rechnung. Um auf Rechnung einzukaufen, müssen sich Kunden für das H&M-Treueprogramm anmelden. Laut H&M will man das Einkaufen sowohl in physischen Läden als auch im Internet «flexibler, komfortabler und einfacher» gestalten. Das Mindestalter liegt bei 18 Jahren. Die Rechnungen sind innerhalb von 30 Tagen zu begleichen – ohne Gebühren und Zinsen. In insgesamt acht Ländern wird das Angebot nun eingeführt. Im nächsten Jahr sollen weitere Märkte hinzukommen. H&M steckt seit längerem in einer Krise. Ein Grund ist, dass die Modekette das Online-Geschäft verschlafen hat.

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Bei H&M können Konsumenten neuerdings auf Rechnung shoppen. Dazu müssen sie Teil des Treueprogramms des Kleiderhändlers sein. Auch andere Detailhändler, darunter Manor, Media-Markt und PKZ bieten diese Zahlungsmethode an. In Geschäften von Coop-Töchtern wie Bau+Hobby, Pronto, Interdiscount und Fust ist die Zahlung auf Rechnung mit der sogenannten Paycard möglich.

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Hinter dem Angebot steckt Kalkül: «Der Kauf auf Rechnung fühlt sich für manche Konsumenten im ersten Moment wie gratis an – auch wenn man eigentlich weiss, dass es nicht so ist», sagt Tilman Slembeck, Wirtschaftsprofessor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zu 20 Minuten. Die Händler würden sich darum mehr Verkäufe an weniger liquide Kunden versprechen. Dazu kommt, dass die Zahlungsart ein Anreiz für die Konsumenten sei, am Kundenbindungsprogramm der Händler teilzunehmen.

Bonitätsprüfung bei Kunden

Doch das Shoppen auf Rechnung birgt Gefahren: Wie Konsumentenschützerin Sara Stalder sagt, besteht die Gefahr, dass es die Kunden in die Schuldenfalle treiben könnte (siehe Interview).

H&M winkt ab: Für die Bezahlmöglichkeit mit Rechnung habe man sich mit dem schwedischen Zahlungsanbieter Klarna zusammengetan. «Damit Verbraucher Klarna nutzen können, führt Klarna in ihrem eigenen Interesse, aber vor allem im Sinne der Verbraucher Bonitätsprüfungen durch», teilt H&M 20 Minuten mit. Eine entsprechende Bonität sei die Voraussetzung für das Einkaufen auf Rechnung. So erwartet H&M auch keine hohe Zahl an Betreibungen.

Ein Teil der Rechnungen bleibt unbezahlt

Slembeck von der ZHAW glaubt hingegen, die Detailhändler müssten schon davon ausgehen, dass ein gewisser Prozentsatz der Rechnungen nicht bezahlt werde: «Wenn die Händler das Geld sofort in der Kasse haben, ist das Risiko natürlich gleich null.» Aber die Firmen würden damit rechnen, dass sich dieses Risiko dank der zusätzlichen Verkäufe auszahlt.

Der Kauf auf Rechnung ist faktisch ein Kredit über die Rechnungsdauer, wie Slembeck erklärt. Die Zinslage macht den Händlern die Zahlungsart besonders schmackhaft: Die Zinsen seien derzeit so niedrig, dass es praktisch gratis sei, jemandem Geld auszuleihen, so der Wirtschaftsprofessor: «Detailhändler mutieren immer mehr zu Banken.»

Individuelle Limite beim Einkauf

Bei H&M können nur Mitglieder des Treueprogramms den Kauf auf Rechnung aktivieren und diese Zahlungsmöglichkeit sowohl online als auch im Laden nutzen. Das Mindestalter liegt bei 18 Jahren. Die Rechnungen sind innerhalb von 30 Tagen zu begleichen – ohne Gebühren und Zinsen. «Kunden haben die Möglichkeit, ihre Zahlfrist bei Klarna zu verlängern», erklärt H&M. Der Zahlungsanbieter lege zudem auf der Grundlage der Bonitätsprüfung fest, für welchen Geldbetrag jeder einzelne Kunde auf Rechnung einkaufen dürfe.

Die Schweizer Händler dürften bezüglich Einkaufen auf Rechnung bei ausländischen Anbietern abgeschaut haben: In den USA ist diese Zahlungsart auch im stationären Handel längst weit verbreitet.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • K.A am 04.09.2019 21:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    System

    statt die leute von schuldenfallen zu schützen lockt man sie in die falle...

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  • Marc am 04.09.2019 21:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das System

    Das System will dass sich die Leute verschulden ...

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  • fränzi am 04.09.2019 21:25 Report Diesen Beitrag melden

    vieles ist noch wie früher:)

    wir nannten es "milchbüechli"..doch wir kauften dazumal auch milch. heute ist es ein bmw oder merz..

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lenard am 05.09.2019 20:12 Report Diesen Beitrag melden

    Was soll das Theater?

    Ist doch das gleiche wie mit Kreditkarte einkaufen, wo man nachher auch eine Rechnung bekommt. Da regt sich komischerweise auch niemand auf.

  • Emma Nidegger am 05.09.2019 18:20 Report Diesen Beitrag melden

    warum noch sparen

    Die Dummen sind immer mehr diejenigen, die sich nicht verschulden. Die ganze Zinspolitik ist darauf ausgerichtet.

  • Roman A. am 05.09.2019 17:39 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstpflicht

    Ich, 25, war noch nie verschuldet. Kenne Leute in dem Alter, die bereits hochverschuldet sind. Hab kein Problem damit, dass Detailhändler auf Pump rauslassen. Es ist in der Hand des Konsumenten, seine Pflichten wahrzunehmen und sich nicht bis zur Insolvenz zu verschulden. Wer das nicht tut, der hat keinen Selbstrespekt.

    • Gegen -Konsum auf pump am 05.09.2019 21:47 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht unbedingt

      Nun ja ich kann mir vorstellen das es eher Familien oder sozialschwächer gestellt es benützen würden als besser verdiener

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  • M.K. am 05.09.2019 16:59 Report Diesen Beitrag melden

    Lukrativ

    Für die Firmen in Zeiten der Tiefzinsen eine lukrative Sache. Das Geld, dass man den Kunden in Form eines Kleinkredites vorschiesst kann man sich aktuell ja zu 0% am Finanzmarkt refinanzieren. Grundsätzlich aber keine gute Sache für die Konsumenten, wie geschrieben verleitet dies zu Käufen, die man sich eigentlich nicht leisten kann.

    • Rita B. am 05.09.2019 20:45 Report Diesen Beitrag melden

      Konsum, Konsum....

      ...und nicht braucht!

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  • Ein Leser am 05.09.2019 16:06 Report Diesen Beitrag melden

    sparen

    Ich spare lieber als etwas zu kaufen. Wenn ich was kaufe dann muss es richtig überlegt sein.