Nachruf

22. März 2011 12:00; Akt: 22.03.2011 12:24 Print

Hans J. Bär ist tot

von Lukas Hässig - Der langjährige Patron der Bank Julius Bär und Grandseigneur der Schweizer Banken ist am Montag nach langer Krankheit gestorben. Er war ein visionärer Banker, der früh die Gefahren des Schweizer Bank-Steuergeheimnisses erkannte – und dafür attackiert wurde.

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Hans J. Bär, aufgenommen im Juni 1996. (Bild: Keystone)

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Am Montag um die Mittagszeit ist Hans J. Bär, einer der bekanntesten und visionärsten Banker der Schweiz, einer langwierigen Krankheit erlegen. Die Bank Julius Bär bestätigt den Hinschied ihres langjährigen Patrons. Hans J. Bär hinterlässt zwei Kinder, Raymond Bär als Präsident der Bank Julius Bär und Monique Bär. Hans J. Bär wurde 83 Jahre alt. Seine Frau, mit der er fast 50 Jahre verheiratet war, war bereits 2002 verstorben.

Hans J. Bär war in der Schweiz und lange auch in den USA zuhause. Dort studierte er Ingenieur-Wissenschaften und Wirtschaft. Mit 24 Jahren stiess er zur Bank Julius Bär, die damals noch als Partnerschaft geführt wurde. 1960, als 33-Jähriger, wurde Hans J. Bär Partner, zusammen mit seinen Cousins Nicolas und Peter.

Hans J. Bär prägte die Bank Julius Bär

Die Bank wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und später an der Börse kotiert. Hans J. Bär war in dieser Zeit Geschäftsführer und ab 1993 bis 1997 zusätzlich Präsident des Verwaltungsrats. Nachfolger wurde sein Bruder Thomas Bär, ein Anwalt der gleichnamigen Zürcher Kanzlei, der zusammen mit Cousin Ruedi Bär als Geschäftsführer die Bank leitete.

2003 übergab die 3. Bär-Generation das Steuer an die vierte. Es war der Sohn von Hans J. Bär, der das Rennen machte. Raymond Bär, der zuvor den Paradebereich Private Banking geleitet hatte, wurde Präsident. Zwei Jahre später machte Raymond Bär einen Deal mit der UBS, es kamen externe Manager ans Ruder, die Familie hatte die Kontrolle über die Bank aufgegeben.

Wichtig für Lösung der nachrichtenlosen Vermögen

Hans J. Bär geht als einer der grössten und visionärsten Bankiers in die Geschichte ein, welche die Schweiz hervorgebracht hat. Er ist auf einer Stufe mit Rainer Gut als Begründer der modernen Credit Suisse und mit Robert Holzach von der UBS-Vorgängerbank SBG einzuordnen.

Bär hatte massgeblichen Anteil an der Lösung im Streit um die nachrichtenlosen Vermögen in den 1990er Jahren. Nachdem die SBG-Leitung die Forderungen jüdischer Organisationen aus den USA ungeschickt von sich wies, stieg der Druck, auf den Schweizer Finanzplatz. Hinzu kam die Affäre um Wachmann Christoph Meili, der alte Dokumente vor dem Shredder rettete, was den Vertuschungsverdacht schuf.

Hans J. Bär, Rainer Gut und weitere Schweizer Persönlichkeiten sorgten zusammen mit dem ehemaligen US-Notenbankpräsidenten Paul Volcker dafür, dass die Affäre ein für den Finanzplatz glimpfliches Ende nahm. Die damals noch drei Grossbanken mussten eine Milliardensumme für jüdische Opfer auf den Tisch legen, eine Kommission unter Paul Volcker arbeitete die Geschichte des Finanzplatzes vor und während des 2. Weltkriegs auf.

«Schwiegermutter dürfen Sie umbringen, Mutter nicht»

2004 sorgte Hans J. Bär mit seinen Memoiren «Seid umschlungen, Millionen» für grosse Aufregung auf dem Bankenplatz. Das Schweizer Bankgeheimnis, das Steuerhinterziehung begünstige, «macht uns fett, aber impotent», schrieb Bär in seinem Buch. Das war ein Tabubruch. Alle wussten zwar, dass Bär vermutlich recht hatte, weil die Schweizer Banker dank dem vielen Schwarzgeld, dass ihnen zuströmten, einen grossen Konkurrenzvorteil besassen. Doch die eigene goldene Gans zu schlachten, das sollte niemand wagen.

In einem Interview mit der «Weltwoche» sagte Hans J. Bär damals: «In der Schweiz wird streng zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung unterschieden. Bei Betrug sind wir bereit, das Bankgeheimnis aufzugeben, bei Hinterziehung nicht. Das ist eine ganz fragwürdige Sache. Das ist unethisch. Weil ich wahrscheinlich zu dumm bin, verstehe ich den Unterschied nicht. Wenn ich auf dem Steuerformular falsche Angaben mache, ist das kein Betrug, sondern Hinterziehung. Und warum? Weil das Formular nicht als Dokument gilt. Das können Sie keinem Angelsachsen begreiflich machen: Entweder Sie zahlen Steuern oder nicht – etwas dazwischen gibt es nicht. Das kommt mir vor, als ob Sie sagten: Die Schwiegermutter dürfen Sie umbringen, die Mutter aber nicht.»

Hardliner drängten Bär in die Ecke

Bär fiel bei vielen Bankern in Ungnade. Andere Aushängeschilder wie der Genfer Privatbankier Pierre Mirabaud hatten damals Oberwasser. Mirabaud sagte bei Aushandlung der Zinssteuer mit der EU, die Schweiz habe ihr Bankgeheimnis auf Jahre hinaus «zementiert». Visionär Hans J. Bär wurde von den Hardlinern des Finanzplatzes zunehmend kaltgestellt.

Das habe ihn verbittert, sagt ein Zürcher Bankier, der Hans J. Bär persönlich gut kannte. «Bär war einer, der immer sagte, was er dachte», sagt die Quelle. «Er hat niemanden protegiert, jeder aus der Familie musste sich in der Bank bewähren. Und er hatte eine klare Vorstellung von der Zukunft. Vielleicht war er ihr zu weit voraus, und die Schweiz konnte oder wollte sie nicht akzeptieren.»

Selbst sein Sohn Raymond ging nach der Buchveröffentlichung auf Distanz. «Einzelne Kunden, vor allem aber unsere Mitarbeitenden, haben Mühe, die Aussagen zu verstehen», sagte Raymond Bär dem «Tages-Anzeiger» im Frühling 2004 in einem Interview. «Das sorgt für Unruhe». Es gebe «Erklägungsbedarf» gegenüber den Kunden. «Ich glaube, mein Vater ist auch nicht mehr glücklich darüber, was daraus geworden ist», sagte Raymond Bär.