Nach Rücktritt

07. Februar 2020 12:06; Akt: 07.02.2020 14:30 Print

Vergoldet nun die CS Thiams Abgang?

von S. Spaeth/D. Benz - Die Beschattungsaffäre kostete den CEO der Grossbank den Job. Die wichtigsten Antworten zum Knall bei der Credit Suisse.

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CS-CEO Tidjane Thiam muss gehen. In seine Fussstapfen tritt der derzeitige CS-Schweiz-Chef Thomas Gottstein. Die Beschattungsaffäre hat ihn das Amt gekostet. Unter Thiams Ägide liess die Credit Suisse mindestens zwei ihrer Top-Manager überwachen. Im Februar 2019 wurde Peter Goerke – zum damaligen Zeitpunkt Mitglied der Konzernleitung – im Auftrag der Credit Suisse von einer Drittfirma beschattet. (Symbolbild) Als Konsequenz hat die CS den ehemaligen COO Pierre-Olivier Bouée fristlos entlassen. Bouée war bereits nach der Beschattungsaffäre gegen Iqbal Khan von seinem Amt zurück- und aus dem Verwaltungsrat ausgetreten. (Im Bild Iqbal Khan) Es hiess, CEO Tidjane Thiam war nicht über die Beschattung Goerkes informiert. Die verantwortlichen Personen verneinten bei der Befragung durch den Verwaltungsrat und die Homburger AG im Zuge der Khan-Affäre die Überwachung von weiteren CS-Mitarbeitern. Sie waren bei der Organisation und Durchführung der Beschattung Goerkes darauf bedacht, keine nachweisbaren Spuren in den Systemen der Bank zu hinterlassen. (Symbolbild) Der Hintergrund ist eine Beschattungsaffäre. Die CS liess Topbanker Iqbal Khan überwachen, weil sie glaubte, er nehme Kunden zur UBS mit. Doch auch privat eskalierte zwischen Thiam und Khan ein Streit – offenbar auch wegen Baulärms. Die beiden sind Nachbarn. Dazu kam es an einer Cocktailparty von Thiam. Nachdem Khans Beschattung bekannt wurde, büsste das Finanzinstitut fast 2 Milliarden Franken an Börsenwert ein. Mittlerweile hat sich der Kurs erholt – am Montag startete die Bank aber im Minus.

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Tidjane Thiam muss weg. Der CEO der Credit Suisse (CS) räumt nach der Beschattungsaffäre um Starbanker Iqbal Khan per 14. Februar seinen Sessel. Neuer Chef der Grossbank wird der derzeitige CS-Schweiz-Chef Thomas Gottstein. Doch warum geht Thiam nicht per sofort? Und hat Präsident Urs Rohner nun den internen Machtkampf gegen Thiam gewonnen? Die wichtigsten Antworten:

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Wurde der Druck auf Thiam zu gross?
CEO Tidjane Thiam gegen Präsident Urs Rohner: Das war der Machtkampf an der Spitze der Credit Suisse. Dieses Duell hat Rohner nun für sich entschieden. «Ich bin mit dem Verwaltungsrat übereingekommen, dass ich die Bank verlassen werde», wird Thiam in einer Medienmitteilung zitiert. «Diese Formulierung macht klar, dass der Rücktritt nicht freiwillig war. Das ist der Standardsatz bei so einer Trennung», sagt Krisenkommunikationsexperte Sacha Wigdorovits zu 20 Minuten. Zuletzt war Präsident Rohner in Bedrängnis geraten: «Der Druck wurde immer grösser. Man sprach öffentlich über sein Zögern und es gab Rücktrittsforderungen. Rohner musste handeln.»

Warum geht Thiam nicht per sofort?
Laut Maurice Pedergnana ist es richtig, dass Thiam noch bis zur Präsentation des Jahresergebnisses am nächsten Donnerstag bleibt. «Wenn Thiam sofort gehen würde, sähe es aus, als hätte er sich noch etwas Zusätzliches verschulden lassen», sagt der Bankexperte der Hochschule Luzern. Die Resultate könnten letztlich auch über die Verweildauer von Präsident Urs Rohner entscheiden. Voraussichtlich soll dieser seine ordentliche Mandatszeit noch beenden und im April 2021 gehen. «Sind die Jahreszahlen schlecht, könnte das den Abgang von Rohner aber beschleunigen», so Pedergnana.

Für Wigdorovits sind für den ungewöhnlichen Verbleib zwei völlig gegensätzliche Erklärungen denkbar: «Womöglich entsprechen die Zahlen nicht ganz den Erwartungen und man lässt das noch die alte Crew präsentieren.» Oder: «Die Zahlen sind so gut, dass man Thiam den Auftritt sozusagen als Trostpflästerli überlässt», so Wigdorovits.

Ist Thiams Rücktritt nun der Sieg von Urs Rohner?
Urs Rohner hätte sich laut Krisenkommunikationsexperte Wigdorovits nie auf den Machtkampf eingelassen, ohne zu wissen, dass er ihn gewinnen könnte: «Rohner wusste um die nötige Unterstützung im Aktionariat und im Verwaltungsrat.» Für Wigdorovits ist klar: «Der Rücktritt von Thiam ist ein Sieg von Urs Rohner. Und es ist der Sieg der Schweizer Werte.» Die Kultur der Spionage habe nicht zur Bank gepasst.

Sieger gebe es keine – im Gegenteil, sagt hingegen Pedergnana. «Die Bank ist der grosse Verlierer.» Die Beschattungsaffäre sowie der öffentlich ausgetragene Machtkampf zwischen Rohner und Thiam habe einen grossen Schaden verursacht. «Was beide geboten haben, ist unentschuldbar», so der Experte. Nicht nur die Beschattungsaffäre sei das Problem, sondern auch der Umgang und die Kommunikation damit. «Da war die CS sehr unprofessionell», sagt Pedergnana.

Bekommt Thiam eine Abgangsentschädigung?
Dazu will die CS auf Anfrage nichts sagen und verweist auf den Geschäftsbericht, der am 25. März veröffentlicht wird. Klar ist: Thiam hat in den letzten rund viereinhalb Jahren bei der Credit Suisse richtig gut Geld verdient. Allein 2018 belief sich die Total-Entschädigung auf 12,7 Millionen Franken. Schon ohne das noch nicht kommunizierte Salär für 2019 hat Thiam bei der CS über 53 Millionen Franken bezogen. Der Manager startete bereits mit einem Geldsegen: Für bei seinem alten Arbeitgeber entgangene Boni entschädigte die CS den CEO mit gesperrten Aktien im Wert von über 14 Millionen Franken.

Sind die lobenden Worte für Thiam in der Medienmitteilung echt?
Die Bank verdankt den scheidenden CEO und schreibt etwa, Thiam habe für die Credit Suisse einen enormen Beitrag geleistet. «Es ist klar sein Verdienst, dass die Credit Suisse heute wieder als grundsolide Bank dasteht.» Solche Formulierungen sind laut Wigdorovits Standard bei derartigen Abgängen. Zu dick aufgetragen findet der Kommunikationsexperte die Wortwahl nicht. Obwohl Thiams Führungsstil nicht zur Schweizer Bank gepasst habe, habe er ein grosses Verdienst daran, dass die CS heute besser aufgestellt sei.

Sagt Thiam auch etwas zur Beschattungsaffäre?
Ja. In der Medienmitteilung wird nochmals betont, Thiam habe keinerlei Kenntnisse gehabt von der Beschattung zweier ehemaliger Kollegen. «Zweifellos hat dies der Credit Suisse geschadet und zu Verunsicherung geführt», wird Thiam zitiert. Präsident Rohner sagt hingegen nichts zum Spionageskandal. Zu ihm sagt Kommunikationsexperte Wigdorovits: «Es war ein grosser Fehler, zu Beginn der Affäre so klar zu sagen, die Spionage sei ein absoluter Einzelfall.» Besser wäre es gewesen, zu betonen, dass kein weiterer Fall bekannt sei.

Ist die Spionage-Affäre jetzt für die CS ausgestanden?
Noch nicht ganz. Die Abklärung der Finanzmarktaufsicht (Finma) läuft weiter, wie Sprecher Tobias Lux auf Anfrage von 20 Minuten sagt. Zum Abgang Thiams will er keinen Kommentar abgeben. Die Behörde hatte Ende Dezember im Rahmen der Beschattungsaffäre einen unabhängigen Prüfbeauftragten bei der Credit Suisse eingesetzt, um aufsichtsrechtliche Fragen zu klären. «Sollte aber noch etwas herauskommen, wird das kein Problem sein für das neue Management, sondern höchstens für den Verwaltungsrat», sagt Wigdorovits.

Warum die Bank jetzt einen Schweizer CEO braucht, lesen Sie später im Porträt über Thomas Gottstein hier auf 20min.ch.