Betteln am Telefon

12. Juni 2019 11:44; Akt: 12.06.2019 11:44 Print

Hilfswerke sammeln Geld mit Callcenter-Anrufen

von Isabel Strassheim - Mit Bettelanrufen werben Schweizer Hilfswerke um Spenden. Das lohnt sich für sie, kommt aber nicht gut an.

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Auch Schweizer Hilfswerke sammeln mittels Callcenter-Anrufen Geld. Doch die Anrufe kämen oft zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Und: Sie setzten Spender auch unter Druck. Um zum Spenden zu animieren, gibt es Callcenter-Mitarbeitende, die speziell trainiert sind. Vor allem auf Höflichkeit. Rund 600'000-mal pro Tag rufen Callcenter im Auftrag von verschiedenen Firmen und Organisationen bei Schweizer Haushalten an. Hilfswerke sind nur ein geringer Teil davon. Und: Im Gegensatz zu Firmen lassen sie nur Leute kontaktieren, die schon einmal gespendet haben. Für Firmen rufen Callcenter dagegen wahllos an: Nicht immer ist klar, woher die Betreiber die Nummer haben. Und: Viele nerven sich über genau solche Werbeanrufe. Damit soll nun Schluss sein. Die Swisscom will solche Anrufe blockieren, wenn sich Firmen nicht an die Regeln halten. Nach der Einführung fürs Festnetz wird der Blocker auch aufs Mobilnetz ausgeweitet. Den Callfilter für das Festnetz gibt es bei der Swisscom bereits seit einem Jahr. Auf dem Festnetz filtert Swisscom laut eigenen Angaben täglich bereits mehr als 120'000 Anrufe heraus. Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) zeigt sich in einer Mitteilung erfreut über das neue Angebot. Im Bild: Geschäftsleiterin Sara Stalder. Und was ist mit den anderen Anbietern? UPC ist noch nicht so weit. «Im Moment besteht bei uns keine solche Option. Wir analysieren zurzeit aber verschiedene Möglichkeiten», erklärte ein Sprecher im September 2017. Bei Sunrise sieht es ähnlich aus. Auf Anfrage teilt das Unternehmen wie schon im September mit: «Wir sind daran, mögliche Lösungen zu evaluieren. Wann eine Einführung erfolgen kann, hängt nicht zuletzt von der vom Parlament noch zu verabschiedenden Gesetzesvorlage zum Thema ab. Dies auch, um die diesbezüglichen Investitionen effizient planen zu können.» Gar nicht überzeugt von Filtern ist Salt. «Die Verursacher der unerwünschten Werbeanrufe finden Wege und Mittel, diese zu umgehen – sei es durch Verwendung von falschen und immer neuen Rufnummern oder über andere Dienste», teilt Salt auf Anfrage mit. Salt setzt daher auf die Politik: «Die Revision des Fernmeldegesetzes soll die nötige Rechtssicherheit schaffen.»

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Per Telefonanruf fordern Schweizer Hilfswerke zum Spenden auf: «Ich möchte höflich fragen, ob wir Ihnen einen Einzahlungsschein senden dürfen?», fragt eine Callcenter-Mitarbeiterin, die im Auftrag von Helvetas telefoniert. Im Gegensatz zu den Anrufen von Krankenkassen spricht sie langsam und mit vertraulichem Tonfall. Sie will auf diese Weise Geld sammeln für einen einfacheren Zugang zu Trinkwasser in Afrika. Andere Hilfswerke wie Ärzte ohne Grenzen machen ähnliche Callcenter-Aktionen.

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20-Minuten-Leserin I. H.* ärgert sich über «die aufdringlichen Bettelanrufe». Sie bekommt nicht nur Briefe, die zum Spenden aufrufen, sondern hat auch schon mehrere Telefonanrufe erhalten. «Am Telefon fühle ich mich im direkten Gespräch unter Druck gesetzt und kann nicht nein sagen.»

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Spezielle Callcenter

Für Helvetas lohnen sich die Anrufaktionen. Sie lässt über das Innerschweizer Callcenter Miafon ausschliesslich bestehende Spenderinnen und Spender anrufen. «Es ist um ein Vielfaches günstiger, Personen, die schon mindestens einmal gespendet haben, telefonisch zu kontaktieren, als neue Spenderinnen und Spender über Mailings, Streuwürfe oder Strassenaktionen zu finden», erklärt Fundraising-Chefin Christine Bill.

Callcenter wie Miafon in Rothenburg sind auf Spendenakquise spezialisiert. Ihre Mitarbeitenden sind meistens älter und auf Höflichkeit trainiert, um Spenden im direkten Gespräch einzusammeln.

Krankenkassen-Callcenter werden eingeschränkt

Der Stiftung Zewo, die Gütesiegel an Non-Profit-Organisationen vergibt, sind die Callcenter-Aktionen von Hilfswerken bekannt. «Aus Sicht der Zewo ist wichtig, dass Spenderinnen und Spender nicht unter Druck gesetzt werden. Das bedeutet, dass man respektiert, wenn jemand nicht telefonisch kontaktiert werden möchte, und dass das Gespräch beendet wird, wenn die Person zu verstehen gibt, dass sie nicht interessiert ist», sagt Zewo-Geschäftsleiterin Martina Ziegerer.

Das Konsumentenforum sagt zu den Telefonanrufe durch Hilfswerke: «Wir finden Callcenter-Anrufe generell nicht gut, denn sie kommen meistens zu einem ungelegenen Zeitpunkt und dringen in die Privatsphäre der Menschen ein», sagt Dominique Roten vom Konsumentenforum zu 20 Minuten. Im Gegensatz zu Krankenkassen-Anrufen gebe es fürs Spendensammeln von Hilfswerken per Telefon bei den meisten Leuten Verständnis.

Für Krankenkassen gibt es seit diesem Jahr ein generelles Verbot der Kundenjagd am Telefon nach dem Zufallsprinzip. Die Versicherer dürfen künftig nicht mehr wahllos von Callcentern potenzielle neue Kunden anrufen lassen. Bestehende Kunden aber dürfen die Callcenter weiterhin kontaktieren. Eben so, wie dies bei Hilfswerken auch Praxis ist.

* Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Claudia am 12.06.2019 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    keine Telefon

    Wer nimmt heute noch ein Telefon entgegen, wenn ein Callcenter dran ist? Ich nehme z.B. kein Telefon ab, wo ich die Nummer nicht kenne. Wenn es wichtig ist können die auf die Combox oder AB sprechen. Dann rufe ich zurück, ansonsten ist es nicht wichtig gewesen

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  • K. Müller am 12.06.2019 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz einfach

    Ich spende regelmässig an diverse Hilfswerke. Wer mich über ein Callcenter anrufen lässt, wird von meiner Liste gestrichen.

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  • ENU am 12.06.2019 11:50 Report Diesen Beitrag melden

    Absturz

    Dieses System wird einen Spendenabsturz bringen denn kein normaler Bürger fällt auf Callcenteranrufe herein. Tschegsches

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Cavi33 am 13.06.2019 23:04 Report Diesen Beitrag melden

    Spenden ist nicht nötig

    Was heisst das, am Telefon fühle ich mich unter Druck gesetzt. Das gibt es doch nicht , wenn gebettelt wird lege ich auf. So viel Courage muss man schon noch haben sonst ist Ende Monat Ebbe im Portemonnaie.

  • Negan am 13.06.2019 19:38 Report Diesen Beitrag melden

    Nett fragen

    Dann einfach mal nett fragen, ob und wieviel der Anrufende denn an Organisation X spendet.

  • Sepp am 13.06.2019 17:30 Report Diesen Beitrag melden

    Für was

    Für Schwangerschaft Verhütung Weltweit, würde ich Geld spenden

  • Bearli am 13.06.2019 17:18 Report Diesen Beitrag melden

    CALLCENTER

    Für alle die ni ht wissen, Callcenter arbeiten mit spezielleln Telefonlisten.Einträge mit Stern werden nicht angezeigt.Also wundert euch nicht wenn ihr von Callcenter angerufen werdet. Auch wenn ed Lästig ist

  • Nina R. am 13.06.2019 14:13 Report Diesen Beitrag melden

    Sternchen nütz nix

    Warum publizieren eigentlich noch so viele Leute ihre Telefonnummer, wenn sie sich anschliessend dermassen über Anrufe ärgen