Informeller Umgang

13. Januar 2015 11:51; Akt: 13.01.2015 12:33 Print

In Schweizer Firmen herrscht neu Duz-Zwang

von Valeska Blank - Nach angelsächsischem Vorbild verbreitet sich in Schweizer Unternehmen die Duz-Kultur. Der Abbau von Distanz im Arbeitsalltag hat aber nicht nur Vorteile.

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In den USA ist es ganz normal: Der Chef ist schlicht John oder die Chefin Jane. Doch auch in der Schweiz wird die Anrede mit dem Vornamen und das Duzen im Job immer gebräuchlicher. Manche Unternehmen machen potenzielle Mitarbeiter sogar schon auf ihrer Website darauf aufmerksam, dass geduzt wird. «Alle Mitarbeitenden sind per Du. Vom Lernenden bis zur Top-Managerin begegnen wir uns auf Augenhöhe», schreibt etwa die Swisscom. Ähnlich tönt es beim Schweizer Ableger des Beratungsunternehmens PWC auf seiner Website für Studierende und Absolventen: «Du bist überrascht, dass wir dich duzen? Nun, das ist Teil unserer Firmenkultur: Wir duzen uns alle – vom Lernenden bis zum CEO.»

Umfrage
Duzen oder Siezen Sie bei der Arbeit?
60 %
14 %
3 %
23 %
Insgesamt 6123 Teilnehmer

Diese Philosophie verfolgen viele international tätige Firmen mit Schweizer Sitz. Mit jedem Mitarbeiter per Du – egal, ob Lehrling oder oberster Chef – ist man beispielsweise bei Microsoft oder Ikea. «Duzen ist bei uns so selbstverständlich, dass auch Firmengründer Ingvar Kamprad einfach mit Ingvar angesprochen wird – ohne dass man sich Gedanken darüber macht», sagt eine Schweizer Ikea-Sprecherin zu 20 Minuten.

Mit allen per Du – auch mit dem Chef

Doch auch bei vielen urschweizerischen Firmen hat sich die Duz-Kultur etabliert. Bei der Swisscom duzt man sich schon seit mehreren Jahren. Der mittlerweile verstorbene CEO Carsten Schloter soll das Du sogar per Hausordnung vorgeschrieben haben. Ähnlich läuft es bei Konkurrentin Sunrise: Dort duzt jeder jeden – auch die Vorgesetzten.

Dass man den obersten Chef Hansruedi Köng einfach mit Hansruedi anspricht, ist auch bei der PostFinance ganz normal. «Bei uns treten Geschäftsleitung, Vorgesetzte und Mitarbeitende unkompliziert miteinander in Kontakt», erklärt PostFinance-Sprecher Johannes Möri. Ausgenommen von der Duz-Kultur sei einzig der Verwaltungsrat.

SBB pirscht sich ans Du heran

Erst langsam auf dem Vormarsch ist die informelle Anrede bei der SBB. Im vergangenen Sommer hat der Staatsbetrieb eine Umfrage durchgeführt, bei der sich die grosse Mehrheit der Teilnehmenden für ein generelles Duzis im Unternehmen ausgesprochen hat. Ihre Argumente: Das Du erleichtere die Zusammenarbeit und fördere das Wir-Gefühl.

Unternehmensweit verordnen will die SBB das Du aber nicht. «Wir wollen nichts erzwingen», sagt Mediensprecherin Lea Meyer, «müssten sich alle Mitarbeitenden von heute auf morgen duzen, wären sicher etliche überfordert.» Dennoch will die SBB-Konzernleitung die Hemmungen vor dem Du deutlich verringern. Gefragt ist dabei die Initiative der Vorgesetzten, die ermuntert werden, die informelle Anrede zu benutzen. Helfen dabei sollen etwa die hierarchiefreie Büros in Zürich-Altstetten und Bern-Wankdorf oder gleiches Mobiliar für alle Mitarbeitenden.

Negative Folgen

Begeistert von der grassierenden Duz-Kultur sind aber nicht alle. Kritiker befürchten, dass der Umgang in der Firma zu kumpelhaft werden könnte oder dass die notwendige Distanz zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten verschwinde. Personalexperte Matthias Mölleney sieht vor allem Probleme, wenn das Du unternehmensweit diktiert wird: «Es kann sich negativ auswirken, wenn eine allgemeine Du-Kultur auch die Mitarbeitenden zum Du zwingt, die eigentlich das Sie bevorzugen würden.»

Viele Unternehmen pochen unterdessen auf die Vorteile der informelle Anrede. «Die Kommunikation ist schlanker und direkter», sagt Barbara Josef von Microsoft Schweiz. «Wenn man ein Anliegen hat von einer Person, die man nicht kennt, muss man sich nicht zuerst umständlich vorstellen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • von und zu am 13.01.2015 12:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sie oder du

    weshalb sollte eine Distanz zwischen CEO und Angestellten nötig sein? Achtung und Vertrauen erarbeitet jeder selber. Da ist kein "Sie" nötig.

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  • James am 13.01.2015 11:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    endlich

    Ich komme aus Kanada und habe dieser Umgangs Theater nie verstanden. Respekt ist doch schön aber alles läuft fleissiger per Du finde ich.

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  • gogg am 13.01.2015 12:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    entspannt

    Also das Duzen bringt eine entspannte Atmosphäre. War sehr angenehm untereinander während meiner Zeit bei Swisscom.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Annette Siegl am 14.01.2015 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    You, Sie und Du: Sprachliche Fallstricke

    Wenn man sich im Angelsächsischen mit Vornamen und "You" anspricht, muß das aber nicht unbedingt unserem deutschsprachigen "Du" entsprechen, da es im Angelsächsischen keine Unterscheidung zwischen "Du" und "Sie" gibt. "You" ist "you" und kann durchaus beides bedeuten. Man kann sich ja auch bei uns mit "Vornamen" und "Sie" ansprechen. Wenn ich von einem mir bisher ungekannten Angelsachsen gebeten werde, ihn mit Vornamen anzusprechen, ist für mich immer klar, daß ich mit "You" dann aber erst einmal weiterhin "Sie" meine und keinesfalls "Du". Der Respekt ist weiterhin gewahrt.

  • marc am 14.01.2015 11:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Für das Du

    Die Siezer sagen, es sei eine Frage des Respekts: In demfall Siezt ihr eure Eltern auch? Oder im andern Fall habt ihr keinen Respekt vor Ihnen?

    • Annette Siegl am 14.01.2015 15:34 Report Diesen Beitrag melden

      Respekt, Respektlosigkeit und Distanz

      Früher war das tatsächlich üblich. In bestimmten Kreisen siezen sich selbst heute noch Ehepaare (das Ehepaar Chirac ist bekannt dafür!) und auch teilweise Kinder ihre Eltern. Im Laufe der Zeit hat sich die Gesellschaft gewandelt und auch das Eltern-Kinder-Verhältnis, und Respektieren...nun ja, entweder hat man es (gelernt) oder eben nicht. Aber warum sollte ich es Respektlosen einfach machen, ihre Respektlosigkeit auch noch mit einem "Du" krönen zu dürfen? Wenigstens den letzten Rest an (verbaler) Distanz möchte ich mir in sochen Fällen erhalten.

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  • ErwinS am 14.01.2015 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Küssen und ......

    Das Duzen ist doch nur der Anfang. Weiter wird es gehen, dass alle untereinander Küssen und Sex haben müssen. Das ist doch die schöne freie Schweiz mit neuen Swisscom-Babis.

  • S.W am 14.01.2015 07:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Gegen das duzen im Geschäft sind hier bestimmt nur welche die das nicht kennen.Ich arbeite in einem solchenUnternehmen wo nur geduzt wird und es ist super!Wir haben überhaupt keine Probleme deshalb auch mit den Lehrlingen funktioniert dies Tip Top!Wenn ich vor jemandem keinen Respekt habe Chef hin oder her dann habe ich diesen auch nicht wenn ich Sie sagen muss.Respekt muss man sich verdienen!!!!

  • Rüdlishüsli 14,01,15 am 14.01.2015 06:13 Report Diesen Beitrag melden

    Per DU

    Das käme bei mir gar nicht in Frage ich bin ich klar, der Chef eine Respekts Person ,wo führt das hin ,auch mit einem Hauswart sollte man nie per Du sein und schon gar nicht mit Lernenden, klar,

    • Barbarella am 14.01.2015 06:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Weshalb nicht?!?

      Und wieso sollte man dies nicht?!? Respekt hat rein gar nichts damit zu tun, ob man per Du oder per Sie miteinander ist. Respekt ist ein Grundprinzip bei uns. In unserem Unternehmen ist es ganz normal, dass wir uns duzen, trotzdem haben wir genügend Respekt voreinander... Und wer zuwenig davon hat, hätte dieses Problem auch, wenn er/sie per Sie wäre. Wir haben ein kameradschaftliches und offenes Klima in unserem Betrieb.

    • Rüdishüsli,14,01,15 am 14.01.2015 13:34 Report Diesen Beitrag melden

      Anstand u, Respekt,

      @ Barbela, eben hat es mit Respekt zu Tun, was Glaubst DU, wenn du mit dem Chef per Du bist verlierst Du den Respekt und glaubst eher in Anschnauzen zu dürfen, Ihr jungen habt den anstand gegen dritte schon lange Verloren, ein Chef ist Deine Respektes Person ein Vorgesetzter dem Du zu Gehorchen hast, fängt an mit der Begrüssung, Ältere Leute bitten jungen das Du an ein Lehrling ist ein Lehrling, im Bus bittet man Älteren den platz an, usw,,

    • Beat Moser am 14.01.2015 14:19 Report Diesen Beitrag melden

      Auf die Umgangsformen kommt es an!

      @Rüdishüsli Respekt hat nichts mit Du oder Sie zu tun, glaub mir. Es ist halt einfach so, dass man sich gegenseitig respektieren sollte und die Umgangsformen dem anpasst (Egal ob Chef oder Stift, egal ob Du oder Sie). Wenn ich jemandem A-loch sagen will, muss ich auch akzeptieren können, dass diese/dieser mir auch A-loch sagt - so einfach ist das - Respekt heisst für mich: sich GEGENSEITIG respektvoll zu verhalten und dann ist es wirklich Schnuppe ob das mit Du oder Sie geschieht. Bin bald 60 ...

    • Marco Meyer am 14.01.2015 15:16 Report Diesen Beitrag melden

      Unterschiede

      So wie Sie schreiben, Herr oder Frau Rüdlishüsli, sind Sie wohl eher der Hauswart, der das Gefühl hat, sein Chef würde sicher nie mit ihm Duzis machen. Bei uns in der Firma duzen sich vom CEO bis hin zum Facilities-Mitarbeiter (pardon: Hausdienstangestellten) alle, und es funktioniert prima. Die nötige Distanz ergibt sich aus den Funktionen der verschiedenen Mitarbeitenden. Zwischen Duzis am Arbeitsplatz und kumpelhafter Anbiederung besteht ein grosser Unterschied.

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