Fachkräftemangel

28. Juni 2012 08:12; Akt: 28.06.2012 08:12 Print

Ingenieurinnen braucht unser Land

von Sabina Sturzenegger - Der Schweiz fehlen tausende Frauen in technischen Berufen. Doch die Branche hat seit Jahren ein Imageproblem. Ingenieurinnen fordern jetzt: Mehr Technik in den Schulen!

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Ingenieurin dringend gesucht! Auf den Frauen lastet die Hoffnung. Sie könnten einen Teil des herrschenden Fachkräftemangels wettmachen. (Bild: thinkstockphotos)

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Die Schweiz leidet seit Jahren unter einem Mangel an Ingenieuren. In den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (kurz: Mint) fehlen laut einer Studie des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse 15 000 Fachkräfte. Diesen Mangel bekommt unsere Wirtschaft immer mehr zu spüren: Ihr gehen pro Jahr zwei bis drei Milliarden Franken Wertschöpfung verloren.

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Jetzt schlägt die Schweizerische Vereinigung der Ingenieurinnen (SVIN) Alarm: «Das Potenzial von Frauen in diesen Berufen wird zu wenig ausgeschöpft», klagt Brigitte Manz-Brunner. Die SVIN-Geschäftsführerin ist überzeugt, dass ein Teil des Fachkräftemangels in der Schweiz behoben werden könnte, wenn mehr Frauen die Berufe wählen würden.

Ehrung soll Mint-Berufe für Frauen sichtbar machen

Am Donnerstag (heute) feiert die SVIN ihr 20-jähriges Bestehen und kürt zum ersten Mal die fünf einflussreichsten Frauen unter den Ingenieurinnen, Technikerinnen, Naturwissenschafterinnen und Informatikerinnen. Der Festakt mit Ehrung an der ETH Zürich ist ein Versuch, mehr Aufmerksamkeit auf die Mint-Berufe zu lenken. Das ist offenbar bitter nötig: Die Zahl der Absolventinnen eines technischen Studienganges liegt in unserem Land bei 16,3 Prozent. Länder wie Finnland oder Korea weisen einen Ingenieurinnenanteil von rund 35 Prozent auf, wie Economiesuisse schreibt.

Doch wie wird dieser «typische Männerberuf» des Ingenieurs für Frauen zugänglicher? Laut Manz-Brunner müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: «Die Schule muss Technik besser vermitteln und die Gesellschaft muss umdenken. Wir sind zwar in unserem Leben immer und überall mit Technik konfrontiert, aber wir anerkennen nicht, wie wichtig sie für die Gesellschaft ist.»

Ingenieurinnen in die Schulen

Für die Allgemeinbildung heisst das: Technische Zusammenhänge müssen in der Schule mehr Platz bekommen. Bereits heute organisiert die SVIN Besuche von Ingenieurinnen in Schulen, um den Jugendlichen zu zeigen, dass auch Frauen den Beruf ergreifen können.

Ansonsten, so fürchtet Manz-Brunner, dreht sich die Spirale weiter: «Je weniger Frauen technische Berufe ergreifen, desto weniger dienen sie der jüngeren Generation als Vorbild.» Auch die Arbeitgeber will Manz-Brunner mehr in die Pflicht nehmen: «Sie müssen attraktive Stellen für Frauen anbieten. Teilzeitpensen für beide Geschlechter und Kinderkrippen sind wichtige Faktoren.»

Immer mit oranger Jacke und Helm

Frauen und technische Berufe - das ist auch für Daniel Löhr ein grosses und lang anhaltendes Problem. Der Personalberater der Firma EMS, die auf die Vermittlung von Fach- und Führungskräften aus dem technischen Bereich spezialisiert ist, sagt: «Viele Firmen würden gerne Frauen anstellen, doch sie finden schlicht keine.»

Löhr weiss auch, warum das so ist: «Frauen fühlen sich nicht wohl in dieser technischen Welt.» Daran sei aber die Branche in erster Linie selber schuld. «Die Welt der Ingenieure wird immer noch in abschreckender Weise dargestellt. Der Ingenieur trägt immer eine orange Jacke und einen Helm. Das wirkt absolut peinlich», kritisiert er.

Fachkräftemangel wird noch lange dauern

Löhr fordert, dass sich die technischen Berufe in der Schweiz interessanter und attraktiver darstellen. «Dann werden auch mehr Frauen die Berufe ergreifen», ist er überzeugt. Dass mit mehr Frauen das Problem des Fachkräftemangels schon behoben ist, glaubt er indes nicht: «Es wird noch lange dauern.»

Die betroffenen Firmen scheinen sich mit der Lücke unter den Fachkräften bereits so etwas wie abgefunden zu haben. Beim Winterthurer Maschinen- und Anlagenbauer Sulzer sind zurzeit rund 15 Stellen für technische Fachkräfte ausgeschrieben, wie Sprecherin Verena Gölkel sagt. Über die letzten Jahre hinweg sei dies ein durchschnittlicher Wert. Grundsätzlich würde auch der Winterthurer Maschinenbauer gern mehr Frauen einstellen: «Wir begrüssen die Bewerbungen von Frauen, weil wir überzeugt sind, dass gemischte Teams die besseren und innovativeren Lösungen finden.»

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Um gut ausgebildeten weiblichen Fachkräften den Zugang zu diesen vielen Stellen zu ermöglichen ist in unserem Land endlich auch ein Umdenken gefordert in Bezug auf familienergänzende Kinderbetreutrung und Tagesstrukturen an den öffentlichen Schulen. Ohne diese voraussetzungen wird der Alltag zu einem Organisationsmarathon. – Patrick Zimmermann

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Julia S am 28.06.2012 14:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mit Baby unvermittelbar

    Bin selbst Informatik-Ingenieurin FH mit Masterabschluss, mit Auslandserfahrung, 15 Jahre Erfahrung bis im mittleren Kader und bin Mami von einem Baby. Und arbeitslos, da ich nur 60% arbeiten will und es auf meinem Feld keine Teilzeitstellen gibt. DAS ist die Realität.

  • Gregor am 28.06.2012 14:08 Report Diesen Beitrag melden

    Mythos

    Der Ingenieursmangel ist ein Mythos. Die gleiche Schiene wird auch in Deutschland gefahren. Die Industrie hat eher ein Mangel an billig-Ingenieuren die sich das Studium antun um sich dann unter ihrem Wert zu verkaufen. Entsprechend muss man konsequent die Allgemeinheit mit dem Fachkräftemangel-Problem medial bombardieren. Schaut man sich die Lohnstatistiken an, dann steigen die Löhne in traditionellen Ingenieursbrachen unterdurchschnittlich. Mangel sieht anders aus. Gegeben des internationalen Wettbewerbs sind die (erpressbaren) Ingenieure (+Realwirtschaft) leider im Hintertreffen.

  • dipl. Natw, ETH, PhD am 28.06.2012 13:41 Report Diesen Beitrag melden

    Selbst schuld, Teil II

    Ich kenne keinen ETH Absolventen (der Ingenieurwissenschaften), und ich kenne viele, die nicht innert kürzester Zeit, eine Arbeit gefunden haben, normalerweise schon bevor sie das Studium beenden. Das zeigt sich auch deutlich daran, das Ingenieure kaum Doktorarbeiten machen, wie das in den Biologie und Chemiewissenschaften gang und gäbe ist. Das ist kein Anreiz da, wenn du von der Industrie derart gelockt wirst und auch willkommen heissen wirst. Bin leider Biologe, und deshalb auch PhD ;-). Nein, im Ernst. Einfach in den Arsch klemmen und versuchen. Die Sicherheit kommt nach dem Studium...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nick am 28.06.2012 14:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschlwchterkampf

    Berufstätige sollen nach Fähigkeiten und Erfahrungen eingestellt werden, aber sicher nicht wegen dem Geschlecht.

  • Reto am 28.06.2012 14:45 Report Diesen Beitrag melden

    Versteh ich jetzt nicht

    Wieso braucht es Ingenieurinnen? Sind Ingenieure nicht mehr fähig diesen Job in der selben Qualität wie Ingenieurinnen auszuüben? Mehr Technik in der Schule würde gar nichts bringen, weil sich deshalb dann auch nicht mehr Mädchen dafür interessieren als jetzt schon. Ausserdem haben auch Mädchen Computer und Smartphones und trotzdem will keine mehr mit der Technik zu tun haben.

  • Markus Keller am 28.06.2012 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    Löhne

    Für eine gerechte Entlöhnung in den Ingenieurberufen gibt es bei unseren Sturen Cheffen nur eine Möglichkeit: STELLENWECHSEL. Es hat soviele offene Stellen dass es ein Kinderspiel ist etwas besseres zu finden. HAbe selber diesen Schritt nun unternommen und muss sagen, noch keine Bewerbung geschrieben aber schon zu 3 Vorstellungsgesprächen eingeladen. Einfach so. Momentan ist es grossartig in der Planung zu arbeiten.

  • Julia S am 28.06.2012 14:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mit Baby unvermittelbar

    Bin selbst Informatik-Ingenieurin FH mit Masterabschluss, mit Auslandserfahrung, 15 Jahre Erfahrung bis im mittleren Kader und bin Mami von einem Baby. Und arbeitslos, da ich nur 60% arbeiten will und es auf meinem Feld keine Teilzeitstellen gibt. DAS ist die Realität.

  • Linda A. am 28.06.2012 14:36 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts für mich....

    Ich glaube das liegt vorallem am Beruf selber. Mich persöhnlich spricht dieser Beruf jetzt überhaupt nicht an, auch wenn ich die Fähigkeiten dazu hätte. Ich war zwar immer sehr gut in Mathematik, trotzdem mochte ich dieses Fach nie und Ingenieur ist halt sehr rechenlastig. Ich habe selbst einen technischen Beruf, aber mit der Zeit leide ich unter den (meiner Meinung nach) fehlenden sozialen Kontakten und sich den ganzen Tag hauptsächlich mit Zahlen zu beschäftigen ist halt ziemlich 'trostlos'. Ich glaube Männer kommen eher mit sowas klar als Frauen.....